Brasilien gegen den Rest der Welt

Gegner werden ausgebuht oder verhöhnt, die heimischen Sportler und Sportlerinnen frenetisch bejubelt: Das Publikum in Rio hat eine eigene Art, Olympia zu feiern. Das IOC sieht den olympischen Geist wegflattern.

«Wir versuchen, Leidenschaft und gutes Benehmen in Einklang zu bringen», lässt das Olympische Komitee IOC verlauten – und meint dabei nicht sich selbst, sondern das brasilianische Publikum. Dieses schreit, grölt, jubelt und applaudiert, dass es eine Freude ist – wenn man als Sportler die brasilianischen Farben trägt.

Wenn nicht, sind die Schreie ein Buhen, der Applaus kehrt sich in Pfiffe – kurzum: Der Olympische Gedanke ist dem brasilianischen Publikum zuerst einmal Wurst, zuerst will es die brasilianischen Wettkampfteilnehmer nach vorne jubeln und alle anderen nach hinten pfeifen. Die olympische Idee – Völkerverständigung – wird in Rio kein Gold holen.

«Verpiss dich»

Tennisspieler Thomaz Bellucci schreit auf dem Court. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hier ist Brasilien! Tennisspieler Thomaz Bellucci jagt mit Hilfe des Publikums seinen Gegner aus Deutschland vom Court. Reuters

Mit «Gasol, verpiss Dich» zum Beispiel verschmähte das Publikum den spanischen Basketball-Superstar Pau Gasol. Gasol, etwas verdattert auf dem Platz stehend, vergab zum Schluss des Spieles zwei Freiwürfe. Mitfavorit Spanien verlor gegen Brasilien. Ein brasilianischer Sportler entschuldigte sich nach dem Spiel für die Fans.

Im Tennismatch gegen den einheimischen Thomaz Bellucci wurden die Fehler seines Deutschen Kontrahenten vom brasilianischen Publikum «höhnisch beklatscht», beklagt sich eine deutsche Zeitung. Und stellt konsterniert fest, dass wohl das brasilianische Publikum die deutschen Handballer in die Niederlage trieb und nicht das eigentlich unterlegene brasilianischen Team.

Richtig unten durch müssen Sportler, welche für die USA antreten. Die sportlich überlegene Nation (bisher 84 Medaillen) kann im Stadion einfach und folgenlos runtergebuht werden. Für manchen Brasilianer muss das richtig befreiend sein. Hingegen profitieren Aussenseiter wie die Fidschi-Inseln vom brasilianischen Crescendo: Das Publikum schenkt ihnen Herz und Kehle.

Missratener Vergleich mit Nazi-Publikum von 1936

Stabhochspringer Lavillenie weint auf Medaillenpodium Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Tränen bei Medaillenübergabe Der französische Stabhochspringer Lavillenie hatte sich mit einem Nazi-Vergleich beim Publikum diskreditiert. Reuters

Besonders hart traf es den französischen Stabhochspringer und Weltrekordler Renaud Levillenie: In einem Sport, in dem Konzentration über Sieg oder Niederlage mitentscheidet, lässt sich schlecht am höchsten Springen, wenn Buhrufe, Gejohle und Gepfeife die innere Ruhe zersetzen. Und Lavillenie musste zuletzt gegen einen Brasilianer um Gold springen. Pech gehabt. Der verunsicherte Franzose patzte, Thiago Braz da Silva holte sich nervenstark überraschend Gold mit einer neuen, persönlichen Bestmarke (6,03 Meter). Es ist die erste Goldmedaille im Stabhochsprung für Brasilien.

Anschliessend beklagte sich Lavillenie bitter über das unfaire Publikum: «Für die Spiele ist das kein gutes Zeichen, ich habe den Brasilianern doch nichts getan». Das Verhalten der Fans erinnere ihn an die Spiele 1936 in Nazi-Deutschland, als der schwarze US-Sportler Owens vor dem deutschen Publikum bestehen musste. Der Vergleich, aus der Emotion der Niederlage heraus, ist so unbeholfen wie falsch, denn Owens ist vom Berliner Publikum 1936 trotz seiner Hautfarbe durchaus respektiert worden.

Lavillenie entschuldigte sich zwar für den Vergleich, wurde vom Publikum in der Nacht auf heute bei der Medaillenübergabe aber in den Boden gebuht, Tränen liefen dem Franzosen über die Backe und IOC-Präsident Thomas Bach meinte verärgert: «Ein schockierendes Verhalten, Renaud Lavillenie auf dem Podium auszubuhen. Das ist bei Olympischen Spielen nicht akzeptabel.»

Zwar tröstete da Silva den Franzosen nach der Medaillenehrung, trat aber Stunden später an einer Pressekonferenz nach und meinte: «Diese Spiele waren nicht seine, sondern meine. Das hat den Franzosen verärgert, aber wir sind hier nun mal zu Hause.»

Schlachtenbummler an Olympia

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Mit den Brasil-Fans beim Public Viewing

1:07 min, vom 17.8.2016

Olympia-Publikum ist kein Fachpublikum; es verhält sich nicht so distinguiert wie die Tennis-Fans in Wimbledon, nicht so zurückhaltend wie Golfbesucher bei einem Major. Das gilt ganz besonders in Rio: Die leidenschaftlichen Brasilianer begleiten olympische Sportarten, die sie sonst kaum je im Land haben und lassen ihren Emotionen freien Lauf. Sie sind Schlachtenbummler. Ob es um Fussball oder Stabhochsprung geht ist egal – der Lärmpegel bleibt Gradmesser für Begeisterung. In der Fechthalle hören die Sportler die Anweisungen der Schiedsrichter nicht mehr, die Schwimmer produzieren aus demselben Grund Fehlstarts und Tischtennisspieler gucken verdattert, weil ob des ungewohnten Lärmes des Publikums Konzentration schlicht nicht möglich ist.

Mittlerweile animieren die Stadionsprecher das Publikum, doch auch mal die Gäste aus aller Welt anzufeuern. Aber das geht wohl im Lärm unter.

Lassen sich Profi-Sportler durchs Publikum ablenken?

«Ja, das passiert auch Profis. Fussballer zum Beispiel sind sich grosse Stadien und lauten Lärm gewohnt, Tischtennisspielerinnen oder auch Fechter kaum. Weil mentales Training am effektivsten unter realen Bedingungen funktioniert, man so am besten lernt, äussere Einflüsse wie Publikumspfiffe zu antizipieren und damit umzugehen, sind Sportler, die dem Umgang mit lautem Publikum erlernt haben, im Vorteil. Es kann also gerade bei sonst leisen Sportarten durchaus einen Unterschied machen, ob der Sportler ausgebuht wird oder sich das Publikum als Unterstützung still verhält.»
Romana Feldmann, Sportpsychologin SASP

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