Romance-Scam Das üble Spiel der Romantik-Betrüger

Skrupellose Liebesbetrüger nehmen ihre Opfer auf sozialen Online-Plattformen aus. Gegen die digitalen Heiratsschwindler wird wenig getan. Betroffene bezahlen viel Geld und landen schliesslich im finanziellen und seelischen Ruin. Ein Blick hinter die Fassaden der Täter und der Opfer.

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Bildlegende: Die Romantikbetrüger schmücken ihre Online-Profile gezielt mit Traumfotos. Colourbox/Collage SRF

Betrüger gehen mit der Zeit. Sie nutzen gekonnt die neuen Medien und passen sich neuen sozialen Phänomenen an, zum Beispiel der Partnersuche im Internet. Sogenannte Romance-Scammer (Romantik- oder Liebesbetrüger) eröffnen auf sozialen Plattformen falsche Profile mit gestohlenen Bildern und umgarnen ihre Opfer wochenlang mit Liebesgeflüster. Nachdem sich die Opfer in die falschen Gesichter und schönen Worte verliebt haben, nachdem sie also gewissermassen gefügig gemacht wurden, geht es dann ans Eingemachte: Die Scammer verlangen Geld.

Auf Gratisplattformen wie Facebook, Tinder oder Badoo haben die Betrüger besonders leichtes Spiel. Kostenpflichtige Seiten wie Parship oder b2 haben Kontrollfilter eingeführt, doch auch da kann ein Romance-Scammer durch die Maschen rutschen.

1 Million Franken – und alles nur aus Liebe

Viele Opferberichte zeigen: Diese Betrugsmasche hat Erfolg. Auch in der Schweiz. Allerdings wird dem Romance-Scamming nach wie vor relativ wenig Beachtung geschenkt, Statistiken über Betrugsversuche oder Opfer existieren nicht. Ein grosses Problem: Die vermutlich enorme Dunkelziffer, da sich viele Opfer aus Scham nicht melden.

Die englische Universität Leicester schliesst in einer Studie von 2012 aus einer repräsentativen Umfrage, dass in einem Zeitraum von fünf Jahren beinahe 230’000 Briten solchen Romantikbetrügern zum Opfer fielen. Tendenz steigend. Gemäss SOCA (Serious Crime Agency) haben diese zwischen 50 und 800’000 Pfund (rund 1 Million Franken) an die Betrüger bezahlt. SRF sind zwei Fälle aus der Schweiz bekannt, die die Opfer nahe an den finanziellen Ruin brachten: Eine Betroffene bezahlte 80’000 Franken, beim zweiten Opfer lag der Betrag bereits im sechsstelligen Bereich. Frauen sind im Allgemeinen mehr betroffen als Männer.

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Bildlegende: Scammer geben sich bewusst als Traummann bzw. Traumfrau aus. Colourbox/Collage SRF

Aus Schwarz wird Weiss: Der grosse Bilderklau im Internet

Hinter dieser Betrugsmasche steckt einmal mehr die berüchtigte Nigeria-Connection. Die Betrüger arbeiten in organisierten Banden, geben vor, Amerikaner oder Engländer zu sein, sitzen aber tatsächlich in Nigeria oder Ghana. Mittlerweile gibt es aber überall auf der Welt viele Trittbrettfahrer, die dieses «Geschäftsmodell» ebenfalls betreiben.

Die Internetseite romancescam.com möchte den digitalen Heiratsschwindlern das Leben schwer machen. Unter anderem sammlen die Betreiber Scammer-Profile und veröffentlichen sie. Manchmal gelingt es der Webseite scheinbar, die wahren Gesichter hinter den Profilen mit falschen Fotos aufzudecken. Das sei möglich, weil einige Scammer unvorsichtig sind. Sie verwenden nämlich dieselbe E-Mail-Adresse, mit der sie mit ihren Opfern korrespondieren, auch als Kontakt auf ihren wirklichen Facebook- oder ähnlichen Profilen, schreiben die Betreiber der Webseite.

Auch wenn die Richtigkeit der Fotovergleiche nicht nachgeprüft werden kann, zeigt die Fotogalerie auf romancescam.com doch sehr schön, wer hinter gestohlenen Fotos und betörendem Liebesgeflüster stecken kann: Junge Männer und junge Frauen – meist dunkelhäutig – dabei machen sie keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern: Männer geben sich als Frauen aus, Frauen geben vor, Männer zu sein, etc.

Diesen Romance-Scammern habhaft zu werden ist äusserst schwierig. Denn sie sind darauf bedacht, ihre Spuren im Sand verlaufen zu lassen: Die IP-Adresse kann ausserhalb der EU kaum ermittelt werden, das Internetprofil ist gefälscht, die Handys sind oft mit unregistrierten Prepaid-Karten (zum Beispiel mit englischer Vorwahl) ausgestattet. Um das Geld der Opfer abzuholen – meist bei einem Geldtransfer-Service wie Westernunion – verwendensie gefälschte Ausweise oder senden Strohmänner. Ein weiteres Problem: Zur Verfolgung der Täter benötigen die Schweizer Behörden Rechtshilfe des entsprechenden Landes, doch meist ist man dort an einer Kooperation nicht interessiert.

Meister der Manipulation

Die Masche der Betrüger weist ein klares Muster auf. Laut Schweizerischer Kriminalprävention sind drei Stufen bekannt:

Liebes-Schmach in 3 Stufen:

Stufe 1: Manipulation der Gefühle
Wenn eine partnersuchende Person die Anfrage eines Scammers überhaupt schon mal als seriös einstuft, hat die Manipulation über die Fake-Profile bereits funktioniert. Die Betroffenen fühlen sich geschmeichelt. «Endlich finde auch ich mal einen tollen Partner, endlich findet mich das Glück, auf das ich so lange verzichten musste!». Die Betroffenen sehnen sich nach einem konkreten Treffen, auf das hin die Betrüger auch «arbeiten». Weibliche Scammer verlangen oft Geld für einen Flug in die Schweiz, den sie natürlich nie antreten. Männliche Betrüger verschieben ein Treffen gezielt. Beispielsweise müssen zuerst wichtige Geschäfte erledigt werden, Krankheiten und Unfälle oder Probleme mit der Justiz tauchen auf. Immer wieder schaltet sich dann auch der sogenannte Anwalt des oder der «Geliebten» ein – oft handelt es sich um dieselbe Person – und untermauert die prekäre Lage. Die Opfer werden bedrängt, Geld zu schicken, damit das Treffen doch stattfinden kann. Diese Phase kann sich Wochen oder sogar Monate hinziehen. Je länger die Abhängigkeit dauert, desto schwieriger wird es, argwöhnisch zu bleiben.
Stufe 2: Überzeugung mit falschen Fakten
Nicht oder nicht mehr zahlungswillige Opfer werden mit gefälschten Schreiben von angeblichen Polizei- und Justizbehörden weiter unter Druck gesetzt. Zum Beispiel schreibt ein falscher Interpol-Ermittler, man habe den Betrüger entlarvt und wolle dem Opfer das Geld zurückerstatten. Damit das Geld überwiesen werden könne, müsse es eine Vorauszahlung beim Zoll leisten. Und schon schnappt die Falle wieder zu. Die Opfer wollen in ihrer Enttäuschung wenigstens den finanziellen Schaden in Grenzen halten.
Stufe 3: Epressung mit intimen Bildern
Neuerdings machen die Romance-Scammer auch vor sogenannter «Sex-Tortion» nicht halt. Im Laufe des innigen und prickelnden Online-Flrits bringen sie ihre Opfer immer öfter dazu, intimes Bildmaterial zu senden. Sind die Betroffenen nicht willig zu zahlen, werden sie erpresst: «Zahlst Du nicht, veröffentlichen wir das Material.»

Quelle: Schweizerische Kriminalprävention / Studie Universität Leicester

Irrationale Schwindeleien machen oft nicht hellhörig

Weisser Mann präsentiert an einem See gefangene Fische. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das soll Thomas sein. Das Foto wurde von einer Dating-Plattform gestohlen, von einem Marc aus Kalifornien. zvg

Eine SRF-Redaktorin nahm vor rund einem Jahr mit einem solchen «Geliebten» Konktakt auf und gab sich als Freundin eines Scammer-Opfers aus. Dies in der Absicht, das verstrickte Opfer von einem Betrug zu überzeugen und die hinterlistige Vorgehensweise aufzuzeigen. Der angebliche Thomas Schneider aus England war erreichbar über eine Handy-Nummer mit Vorwahl der Arabischen Emirate. Er erzählte der Redaktorin frei heraus, dass er zurzeit im Gefängnis in Abu Dhabi sitze. Sehr verdächtig: Trotzdem konnte er mit seinem eigenen Handy telefonieren. Und er jammerte, wie schlecht er behandelt werde. Auch der Reporterin erklärte er, dass er 19’000 Euro benötige. Dies alles mit einem Akzent, der so gar nicht Englisch klingen will.

Zur deutschen Übersetzung des Gesprächs

Dies alles vermochte das Opfer nicht zu überzeugen. Trotz aufkommender Zweifel hielt sie weiterhin am Glauben an diese «Liebe» fest. Und das ist typisch. In der Studie der Universität Leicester erklärten die Opfer, sie hätten während der Kommunikation immer den Mann oder die Frau auf dem (falschen) Profilbild vor sich gesehen. Und: Sie wollten nicht glauben, dass die grosse Liebe nur erfunden war und mussten den «Geliebten» oder die «Geliebte» einfach nur noch so schnell wie möglich sehen.

Auch Marianne R., über die «Kassensturz» berichtete, fühlte lange gleich:

Heute hat sie Ihren damaligen finanziellen Schaden wieder wett gemacht und den seelischen Schmerz glücklicherweise überwunden.

Wer ist besonders anfällig auf solche Betrügereien?

Lesen Sie dazu mehr im Interview mit der Kriminologin Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention.