Grosslawinen bedrohen Leventina – Bahn baut Notsperren

Die grossen Nassschneemengen im Nordtessin sind zur akuten Gefahr für die Gotthardlinie geworden. Mit Notverbauungen sichern die SBB zurzeit die heikelsten Stellen am berüchtigten Vallone über Rodi Fiesso. Die Zeit drängt, denn bei jedem Wetterumschwung drohen Grosslawinen.

Meterhoch liegt der Schnee auf den Steilhängen der Leventina ennet dem Gotthard. Es ist Nassschnee, der sechs Mal so schwer wie Neuschnee ist – nämlich 300 Kilo pro Kubikmeter. Eine gefährliche Masse, denn sie könnte als Grosslawine abrutschen. Mit einem Druck von bis zu 50 Tonnen pro Quadratmeter würden solche Nassschneelawinen Bahneinrichtungen zerstören.

Berüchtigter Vallone

Bis zu 45 Grad steil ist der Vallone del Solco oberhalb von Rodi Fiesso. Dort liegen rekordhohe drei Meter Schnee. Zuoberst auf über 2300 Meter über Meer ist der Vallone noch ein Steilhang, auf dem Weg zum Talboden 1500 Meter weiter unten verengt er sich zu einer Rinne. Am Vallone gilt zurzeit erhebliche Lawinengefahr. Es ist damit gefährlich.

Lawinen bedrohen Nord-Süd-Achse

1:57 min, aus Rendez-vous vom 06.03.2014

In den Jahren 1888, 1951 und 1973 hatte die Lawine aus dem Vallone die Gotthardbahn erreicht. Niemand weiss im Rekordwinter 2014, wie viel Zeit noch bleibt.

Gefährliche Wetterwechsel

Sei es starke Erwärmung, Regenfall bis in hohe Lagen oder erneuter Schneefall – ein einziges dieser Szenarien könnte eine Grosslawine auslösen, erklärt Ean Barelli von der SBB-Abteilung Naturrisiken im Tessiner Fernsehen. Ein SBB-Spezialteam – bestehend aus einem guten Dutzend Arbeitern – ist mit Baggern und Helikoptern am Werk. Sie errichten am Vallone Notverbauungen.

Schutzwall mit Reissleine

Ein Pistenfahrzeug errichtet einen Schutzwall aus Schnee und Erdreich. Vier neue Reihen Schutzpalisaden von je 100 Metern Länge werden erstellt, die die möglichen Lawinen ablenken und bremsen sollen. Eine Reissleine ist installiert. Wenn sie reisst, werden unten im Tal die Züge angehalten.

Der Aufwand ist beträchtlich. Eine halbe Million Franken wird in diesen Tagen oberhalb von Rodi Fiesso verbaut. Die Rechnung ist rasch gemacht: Die Zerstörung der Gotthardlinie oder ein Streckenunterbruch würden noch viel mehr kosten.

Warmes Wetter angekündigt

«Momentan liegen auf 2000 Metern Höhe etwa drei Meter Schnee», sagt Frank Techel. Er ist Lawinenwarner beim Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). Der Schnee sei gefroren und durch Kristalle fest verbunden. «Doch wenn – bedingt durch höhere Temperaturen – Regen eindringt oder der Schnee schmilzt, steigt auch die Lawinengefahr.» Und die Temperaturen werden klettern – SRF Meteo hat für das Tessin bis Dienstag 20 Grad angekündigt.

Es sei sehr schwierig zu sagen, an welchem Hang es wann zu Lawinen kommen werde. «Das kann schon am Wochenende oder auch erst nächste Woche sein.» Die lokalen Verantwortlichen seien in Bereitschaft, und man sei in gutem Austausch.

Bessere Prognosen sind zum Zeitpunkt der Lawine möglich. «Nassschneelawinen lösen sich meist am Nachmittag, wenn die Temperatur am höchsten ist.» Dann seien präventive Strassensperren eine Möglichkeit, um Schlimmeres zu verhindern. Bei Gleitschneelawinen, bei denen die gesamte Schneedecke weggleitet, sehe man manchmal einen Riss in der Schneedecke als Hinweis.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Not-Lawinenverbauung wegen Rekordschnee

    Aus Schweiz aktuell vom 5.3.2014

    Für eine halbe Million Franken erstellen die SBB in diesen Wochen notfallmässig eine Lawinenverbauung auf der Gotthard-Bahnstrecke. Wegen den Rekordschneemengen im Tessin droht bei Rodi-Fiesso ein Lawinenniedergang. Denn noch nie lag aber derart viel Schnee in den Hängen wie dieses Jahr.