«Ich fahre neben den Pisten, selbst bei grosser Lawinengefahr»

Reto Kestenholz, ein junger Snowboarder und Abenteurer, der kaum Ängste kennt, erzählt von seinen waghalsigen Abfahrten neben der Piste. Er vertraut auf sein «Bauchgefühl» und seine Erfahrung. Überheblich will er nicht sein, dumm schon gar nicht, er handle aus Verantwortung, sagt er.

SRF News: Was suchen Sie abseits der Piste?

Reto Kestenholz: Freiheit. Ich erlebe nirgendwo sonst ein ähnliches Gefühl. Es sind die Geschwindigkeit oder die Airtime bei Sprüngen, die mich reizen und glücklich machen. Aber auch die schroffe Bergwelt oder die Steilheit des Geländes faszinieren mich immer wieder von neuem. Alles Dinge, die ich auf der Piste oder in einem Funpark nicht finde.

Keine Angst, von einer Lawine verschüttet zu werden?

Grundsätzlich nicht, doch kann ich einen solchen Unfall auch nicht zu 100 Prozent ausschliessen. Das Risiko, sich bei einem Sturz schwer zu verletzen, ist grösser als jenes, in eine Lawine zu geraten.

Weshalb?

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Weil ich mit meiner langjährigen Erfahrung und durch Bildung in Lawinenkunde gelernt habe, wie man den Zustand und die Schneebeschaffenheit eines Hangs beurteilt. Stehe ich in einem Hang, schaue ich mir allfällige Schneeverwehungen an, prüfe die Beschaffenheit der Schneedecke und suche dann meine Linie. Sagen mir die Erfahrungswerte und mein Bauchgefühl «das geht», dann befahre ich den Hang allenfalls auch bei Lawinengefahrenstufe «gross» und zur Not gelegentlich alleine. Umgekehrt gilt aber dasselbe: Ich fahre nicht zwingend, wenn die Gefahrenstufe niedriger ist, aber meine Erfahrungswerte Alarm schlagen.

Wie wichtig sind denn die Lawinenbulletins bei ihrer Vorbereitung?

Sehr wichtig. Ich studiere sie immer, habe auch verschiedene Lawinenkurse besucht und bin beim Freeriden normalerweise mit Rucksack unterwegs. Das Lawinenverschüttetensuchgerät LVS, eine Schaufel und Sonde gehören fix dazu. Ich trage auch den Airbag auf den Schultern, der sich wie ein Ballon öffnet und verhindern kann, dass mich eine Lawine unter den Schneemassen begräbt. Trotz dieser Vorsichtsmassnahmen: Ein Restrisiko bleibt immer.

Können Freeride Filme, die man dutzendweise im Internet findet, unerfahrene Rider zu grösserer Risikobereitschaft treiben?

Ja, diese Beeinflussung kann durchaus sein. Man darf solche Aufnahmen nicht mit einem gewöhnlichen Wochenendausflug in die Berge vergleichen! Die wirklich perfekten Tage einer Saison, an welchen man sich in extrem steiles Gelände wagen darf, kann man meist an einer Hand abzählen. Meist sind es dann abgelegene Gebiete, die sicheres Terrain bieten, wo sich die Schneeschichten über Tage oder Wochen vor der Befahrung «setzen» und verbinden können.