Im Stau stehen «Jeder Quadratmeter Strasse wird verteidigt»

Achtung Autofahrer: Auf der Strasse gibts ungeschriebene Regeln – ganz besonders bei Verkehrsüberlastung.

SRF News: Jeder weiss, an Ostern gibts am Gotthard Stau. Und trotzdem fahren wieder viele los. Warum?

Rolf Jud: Die Menschen nehmen eben den Stau in Kauf. Das Bedürfnis nach ein paar Freitagen im wärmeren Klima ist höher als die Abschreckung durch den Stau.

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Zur Person

Zur Person

Rolf Jud praktiziert als Psychotherapeut zusammen mit seiner Partnerin in seiner Praxis in St. Gallen. Er befasst sich mit Verkehrspsychologie und ist spezialisiert auf Verkehrstherapie.

Gibt’s auch Leute, die gerne im Stau stehen?

Es gibt tatsächlich Menschen, die kommen im Stau vom hektischen Alltag runter. Der Stau ist für sie eine Art Signal zum Loslassen. So, als ob man durch eine Türe geht, vom Alltag in die Ferien. Aber die meisten Leute ärgern sich, wenn sie im Stau stehen.

Im überlasteten Strassenverkehr beginnen Menschen zu fluchen und schimpfen, sie zeigen den Stinkefinger. Warum reagieren Menschen im Verkehr dermassen emotional?

In einem starken Verkehr mit hektischen Teilnehmern entfällt die Sozialkontrolle. Niemand überprüft, ob man den Anstand wahrt, denn man kennt ja die andern Verkehrsteilnehmer nicht und wird ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder begegnen. Man kennt das aus dem Netz, wo Menschen aus der Anonymität heraus aggressiver als sonst argumentieren. Die Mitfahrer im Auto sind in der Situation meistens eher Komplizen denn Kontrolleure.

Und wie reagiert das Rudel im Stau?

Das ist interessant, hier sind die Verkehrsteilnehmer wieder toleranter zueinander. Es gilt, gemeinsam ein Hindernis zu überwinden. Wenn dann aber einer sich in dieser gemeinsamen Leidens-Situation Vorteile verschafft, indem er beispielsweise immer wieder die Spur wechselt, wird diese Gemeinschaft umso wütender. Der Ausscherende wird zurechtgewiesen, etwa mit einem Hupkonzert.

Warum hat man eigentlich immer das Gefühl, in der anderen Spur werde schneller gefahren?

Unsere Wahrnehmung spielt uns oft Streiche. Wenn wir jemanden überholen, nehmen wir das nur am Rande wahr. Werden wir hingegen von jemandem überholt, ärgert uns das und wir nehmen das viel stärker zur Kenntnis. Die Betonung des Negativen und das Neiddenken sind Teil unserer Kultur. Eigenleistung hingegen wird im Vergleich mit der Leistung eines Dritten eher abgewertet.

Wenn alle mit Tempo hundert fahren würden gäbe es keinen Stau, auch mit vielen Autos nicht. Wie entsteht Stau?

Das Problem ist das Fahrverhalten, wenn Leute Gas geben, wieder bremsen, wieder Gas geben. Wenn einer bremst, müssen das alle hinter ihm auch tun. Je mehr Autos auf der Strasse sind, desto stärker wird die so genannte Handorgelbewegung. Würden alle gleichmässig fahren, gäbe es tatsächlich keinen Stau.

Gleichmässiges Fahren ohne Abbremsen ist schön und gut. Aber wenn man Abstand zum Vorderen lässt, dann drücken andere von der Seite rein …

Das ist leider so, gerade in Ballungsräumen wie Zürich wird jeder Quadratmeter Strasse ausgenutzt und verteidigt. Als einzelner Verkehrsteilnehmer kann man da nicht viel machen. Man kann höchstens Stosszeiten umgehen und in der Nacht oder zu Randzeiten fahren.

Mit dem Auto in die Ferien – Tipps vom Experten Rolf Jud

Genug Zeit einplanen für die Reise, damit man nicht gestresst ist.
Ruhig und entspannt fahren, in der eigenen Spur bleiben.
Nach drei bis vier Stunden brauchts eine Pause. Dazu gehört etwas frische Luft, die Füsse vertreten, etwas trinken.
Fahrer sollen sich nach Möglichkeit abwechseln.
Bei Stau bringen Umfahrungen wenig, weil man auf Nebenstrassen nicht wirklich schneller ist und irgendwann wieder anstehen muss, um auf die Autobahn zu kommen.
Gerade in Staus gibt es viele Unfälle, nicht nur, weil man den Stau zu spät bemerkt hat und auffährt. Oft sind die Fahrer auch unkonzentriert, weil ihnen langweilig ist. Viele lenken sich mit dem Handy ab. Das liegt nicht drin, gerade im Stau nicht.
Grundsätzlich die Autoreise selber schon als Teil der Ferien anschauen.
Kommt trotzdem Ärger auf, tief durchatmen. Das ist banal, aber es hilft.

Das Gespräch führte Christa Gall.