Prozess-Auftakt: Zeugin belastet Pistorius schwer

Der als «Blade Runner» bekannte Sportler Oscar Pistorius erklärt sich für «unschuldig» im Sinne der Mordanklage. Er will seine Freundin nicht absichtlich getötet haben. Aber am ersten Verhandlungstag widerspricht eine Nachbarin seiner Darstellung: Sie hörte erst Angstschreie, später Schüsse.

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Erster Prozesstag gegen Oscar Pistorius

1:29 min, aus Tagesschau vom 3.3.2014
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Die Tat

Pistorius hat in der Nacht auf den 14. Februar 2013 seine Freundin, das Model Reeva Steenkamp, durch eine geschlossene Badezimmertür hindurch erschossen. Die Tat fand in seiner Villa in einem Nobelvorort von Pretoria statt. War es Notwehr – wie der Sportstar behauptet – oder gezielter Mord?

Der Mordprozess gegen den beinamputierten Sportstar Oscar Pistorius hat mit einem harten Schlagabtausch begonnen.

«Sie schrie furchtbar und rief um Hilfe»

Gleich die erste Zeugin der Anklage widerspricht der Darstellung des 27-Jährigen. Pistorius' Nachbarin Michelle Burger sagte dem Gericht in der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria, sie habe in der Tatnacht um 3 Uhr morgens zunächst Schreie eines Mannes, dann einer Frau und danach Schüsse gehört.

«Sie schrie furchtbar und rief um Hilfe», berichtete Burger. Zwischen den Schüssen später habe es eine grössere Pause gegeben. Die Nacht sei «sehr traumatisch» gewesen.

Pistorius hält an seiner Version fest

Staatsanwalt Gerrie Nel behauptet, Indizien und Zeugen würden klar die Schuld des südafrikanischen Paralympics-Stars belegen. Der behinderte Profisportler habe seine 29-jährige Freundin mit Absicht und gezielt erschossen, sagte der Ankläger. Steenkamp starb durch vier Schüsse in Kopf und Oberkörper.

Pistorius selbst bezeichnete sich zum Prozessauftakt als «nicht schuldig» im Sinne der Mordanklage. Der Sportler hielt an seiner Darstellung fest, er habe in der Tatnacht keinen Streit mit seiner Freundin Steenkamp gehabt. Auch will er die Schüsse kurz hintereinander abgefeuert haben. Als er durch die geschlossene Badezimmertür schoss, habe er dahinter einen Einbrecher vermutet.

Die Zeugin sagte, sie habe zunächst an einen Überfall im Haus des berühmten Nachbarn geglaubt. Burgers Haus liegt ungefähr 150 Meter vom Domizil des Angeklagten entfernt.

Wie zur Mordanklage erklärte der Paralympics-Star auch zum Vorwurf, er habe gegen das Waffengesetz verstossen, er fühle sich «nicht schuldig». Einer seiner Verteidiger, Kenny Oldwage, verlas eine Erklärung von Pistorius, in der dieser seine Unschuld beteuert und die Schilderungen der Anklage als falsch bezeichnet: «Sie könnten nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein.»

Mutter von Steenkamp trift erstmals auf Pistorius

Im voll besetzten Gerichtssaal sassen viele Verwandte und Freunde des Angeklagten und des Opfers. Erstmals überhaupt traf dabei die Mutter des Opfers, Jane Steenkamp, auf den Angeklagten. Die 67-Jährige sass schwarz gekleidet in der ersten Reihe. Sie hatte in einem Interview betont, sie wolle «Pistorius in die Augen sehen». Als Pistorius den Saal betrat, schaute er meist zu Boden, wirkte ernst und bedrückt.

Der Prozess, der auf zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt ist, wurde erstmals von mehreren südafrikanischen Fernsehsendern live übertragen. 300 Journalisten aus dem In- und Ausland hatten sich angesagt. Im Gerichtssaal waren 80 zugelassene Reporter.

Die Verhandlung unter dem Vorsitz der Richterin Thokozile Masipa begann nach Gerichtsangaben wegen der Abwesenheit eines Übersetzers mit 90 Minuten Verspätung. Zudem soll eine Frau versucht haben, dem Gericht neues Entlastungsmaterial über Pistorius zu übergeben.

Der erste Prozesstag ist nach mehreren Stunden beendet worden. Er wird morgen Dienstag weitergeführt. Pistorius drohen 25 Jahre Haft.