Zum Inhalt springen
Inhalt

Panorama Wer sind die «Reichsbürger»?

Nach dem tödlichen Zwischenfall in Bayern stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist die Gruppierung der «Reichsbürger»? Handelt es sich dabei um Neonazis? Und wie viele von ihnen gibt es in Deutschland?

Polizeiabsperrung und -wagen vor Tatort.
Legende: Die Schiesserei vom Mittwoch ist nicht der erste Vorfall, bei dem «Reichsbürger» und Beamte aneinandergeraten. Keystone

Die gestrige Schiesserei in Bayern ist nicht der erste Zwischenfall zwischen den «Reichsbürgern» und Beamten: Immer wieder provozieren die Bundesrepublik-Kritiker den Rechtsstaat, teilweise auf abstruse Art und Weise. Seit den 1980er-Jahren machen sie auf sich aufmerksam. Hier die drängendsten Fragen und Antworten:

Wie viele «Reichsbürger» gibt es?

Auf einen tiefen dreistelligen Bereich schätzt das Bundesinnenministerium die Zahl der «Reichsbürger». Die meisten von ihnen verteilen sich auf die Bundesländer Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Berlin und Hessen.

Sind die «Reichsbürger» Neonazis?

Gemäss Verfassungsschutz handelt es sich bei den «Reichsbürgern» um Kleingruppen, die sich teilweise auch gegenseitig konkurrenzieren. Eine einheitliche politische Gesinnung gibt es nicht.

Ihr Spektrum reicht von Rechtsextremisten über Querulanten bis zu Trittbrettfahrern.
Autor: Verfassungsschutz Sachsen

Was unterscheidet «Reichsbürger» von den Deutschen?

Skizze von Friedensverhandlungen 1871.
Legende: «Reichsbürger» glauben nicht, dass Deutschland nach den Weltkriegen kapituliert hatte. Sie zweifeln deshalb das Land an. Imago

Was allen «Rechtsbürgern» gemein ist: Sie lehnen die Bundesrepublik Deutschland ab. Ihrer Meinung nach hat Deutschland nach den Weltkriegen nicht kapituliert, sondern lediglich in einen Waffenstillstand mit den Siegern eingewilligt. Entsprechend ist Deutschland von Alliierten Kräften besetzt und sie selbst sind Bürger des Deutschen Reiches. Je nach Interpretation erachten sie die Grenzen von 1871 oder 1937 als die wahren Grenzen Deutschlands.

Was wollen die «Reichsbürger»?

In erster Linie wollen sie in Ruhe gelassen werden. Die unterschiedlichen Exponenten haben einige unterschiedliche Konstrukte gegründet: Unter anderem «2tes Deutsches Reich», «Exilregierung Deutsches Reich», «Freistaat Preussen» oder «Deutsches Polizei Hilfswerk».

Innerhalb dieser Gebilde haben sie ihre eigenen Regeln, zum Teil auch eigene Währungen und Rechtssysteme. Deshalb sehen sie es auch nicht für nötig, der Bundesrepublik Steuern zu bezahlen, einen Personalausweis der Bundesrepublik zu haben oder mit einem offiziellen Autokennzeichen zu fahren. Und sie reagieren sehr aufgebracht, wenn ihnen ein Verschulden angehängt wird, sei es zu schnelles Autofahren, illegaler Waffenbesitz oder Steuerbetrug.

Gegen wen richten sich die «Reichsbürger»?

Neben den Ausländern, die dem rechtsradikalen Teil der «Reichsbürger» ein Dorn im Auge sind, richtet sich ihre Wut vor allem gegen Beamte der Bundesrepublik: So mussten sich schon einige Gerichtsmitarbeiter oder Richter, Polizisten oder Politiker gegen die Wutbürger verteidigen.

Einige Auseinandersetzungen des Staates mit «Reichsbürgern»

Oktober 2016
Bayern: Die Polizei will von einem «Reichsbürger» rund 30 Waffen einziehen, weil er als unzurechnungsfähig erklärt wurde. Als sich die Polizei dem Gelände nähert, eröffnet der «Reichsbürger» das Feuer. Bei der Schiesserei werden vier Polizisten verletzt, einer erliegt seinen Verletzungen. Der 49-jährige Schütze wurde leicht verletzt verhaftet.
August 2016
Sachsen-Anhalt: Als das Haus eines «Reichsbürgers» zwangsgeräumt werden soll, fallen plötzlich Schüsse. Sowohl der 41-jährige «Reichsbürger», ein ehemaliger «Mister Germany», als auch ein SEK-Beamter schiessen. Zwei Polizisten werden leicht verletzt, der «Reichsbürger» schwer. Dieser hatte sein Grundstück zu seinem eigenen Staatsgebiet erklärt.
April 2016
Mecklenburg-Vorpommern: Ein 32-jähriger «Reichsbürger» versucht vergebens, einer Geschwindigkeitskontrolle zu entkommen. Nach der Kontrolle fährt er mit seinem Auto los, obwohl noch ein Polizist vor ihm steht. Der Beamte wird vom Auto erfasst und mitgerissen. Er verletzt sich dabei leicht.
Februar 2016
Brandenburg: Beim Streit um die Sperrung seines Stromanschlusses geht ein «Reichsbürger» mit einem Messer auf einen Gerichtsvollzieher und einen Polizisten los. Als das SEK anrückt, verschanzt sich der Mann mit seiner Frau und sechs Kindern in seinem Haus. Nach langen Verhandlungen wird er festgenommen.
März 2015
Nordrhein-Westfalen: Zwei «Reichsbürger» versuchen, im Ausland ein Maschinengewehr zu kaufen und nach Deutschland einzuführen. Ihr Waffenschein war vom «Freistaat Preussen» ausgestellt. Bei einer Razzia der Polizei werden mehrere illegale Waffen der beiden sichergestellt.
November 2014
Sachsen-Anhalt: Wegen Verstosses gegen das Versicherungsaufsichtsgesetz wird Peter Fitzek angeklagt. Der Sachse hatte 2012 das «Königreich Deutschland» gegründet, inklusive eigener Bank und Krankenversicherung. Er selbst anerkennt die deutschen Gerichte nicht an, da es momentan keinen deutschen Staat gebe. Seit 2016 sitzt er wegen mehrerer Wirtschaftsstraftaten in Untersuchungshaft.
Juni 2012Berlin: Ein Angehöriger eines Fantasiestaates hortet auf seinem Grundstück in Neukölln Sprengstoff, ohne dafür eine behördliche Genehmigung zu besitzen. Bei der Durchsuchung des Geländes werden Polizei und Ordnungsamt durch «Reichsbürger» bedroht.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Benjamin Thiel (BThiel)
    Ein König ist dann ein König, wenn das Volk das er regieren will glaubt er sei der König. Gleiches gilt für jede andere Regierung. Dubiose juristischen Theoreme, die sich Spinner aus Halbsätzen und Halbwissen zusammen reimen sind irrelevant. 80.000.000 Deutsche sagen die BRD ist die BRD, ca. 1000 sagen sie leben im Deutschen Reich. Ich denke es gibt genausoviele Menschen die sich aus Aluminiumfolie Hüte bauen oder denken sie leben im Reich der Elfen. Schnittmengen sind wahrscheinlich. :-)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Margot Helmers (Margot Helmers)
    Ich schätze meistens die Berichterstattung vom SRF, aber da muss ich schon den Kopf schütteln. Steht doch in allen Geschichtsbüchern und ebenso in Wikipedia: " Am 8. Mai 1945 (VE-Day) trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft, der Krieg in Europa war damit beendet." Bei Mauerfall musste D. die Alliierten um Widervereinigung bitten; auch schon vergessen? Frankreich mache die Einführung des €'s davon abhängig, sonst hätte Frankreich nicht eingewilligt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Urs Müller (Confoederatio)
      @Helmers: Der 2+4-Vertrag, welcher zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, ist auch der offizelle Friedensvertrag zur Beendigung des 2. WK. Deswegen mussten auch die Allierten einbezogen werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Michael Räumelt (Wirtschaftskanzlei)
      Müller Sie irren gewaltig, der Zwei-plus-Vier-Vertrag ist aus juristischer Sicht kein Friedensvertrag. Bislang haben weder Russland noch die Westmächte einen Friedensvertrag mit Deutschland.Sie sollten sich nicht nur über Wikipedia informieren.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Helmers + Räumelt: De facto ist die BRD ein souveräner Staat. Ob juristisch eine saubere oder nicht ganz saubere Situation besteht ist in der Realität zweitrangig, insbesondere weil der Vorgängerstaat auch keine saubere juristische Situation darstellte. Den aktuellen Staat abzulehnen, respektive wiederholt darauf hin zu weisen, dass keine Daseinsberechtigung besteht kann deshalb nur dem Wunsch entspringen den Zustand vor 1945 wieder her zu stellen. Und dies könnte nur eines heissen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von W. Ineichen (win)
    Konsequenterweise müssten diese Reichsbürger auch Sozialversicherungsleistungen aller Art der BRD ablehnen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen