Aargau wird immer stärker zum «Pharma-Kanton»

Die Zeiten, in denen der Aargau als Industriekanton vor allem im Bereich der Energietechnik durch Firmen wie ABB punkten konnte, diese Zeiten ändern sich nun. Eine neue Branche wird immer stärker im Aargau. Das zeigt die neuste Regionalstudie der Neuen Aargauer Bank.

Das neue Ausbildungszentrum von Roche im aargauischen Kaiseraugst, ein Blick in die Pharma-Abteilung, aufgenommen im Januar 2015. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Pharma-Industrie legt im Aargau zu (im Bild: Die Ausbildungsabteilung der Firma Roche in Kaiseraugst). Bähram Alagheband/SRF

Wer an Industrie im Kanton Aargau denkt, der denkt wahrscheinlich schnell einmal an Firmen wie ABB oder Alstom (heute GE): Firmen also, die im Bereich der Energie- oder Elektrotechnik zu Hause sind. Tatsächlich arbeiten im Aargau immer noch viele in dieser Branche. Eine andere Branche holt aber auf.

Pharmaindustrie am Zug

Simon Hurst ist Ökonom der Credit Suisse und Verfasser der aktuellen Regionalstudie 2016. Diese gibt die Neue Aargauer Bank (NAB) jährlich in Auftrag, die NAB ist eine Tochtergesellschaft der CS. In der neusten Studie liegt der Fokus auf dem Kanton Aargau als Industriekanton, der sich laut Hurst im Wandel befindet.

Das zeigt auch ein Blick auf ein Diagramm der Studie zur Anzahl der Beschäftigten pro Branche. Während früher der Elektrotechnikbereich deutlich vorne lag, arbeiten heute «noch» 15 Prozent der Beschäftigten dort. Beim Pharmabereich sind es mittlerweile bereits 10 Prozent – gleich viele wie im Maschinenbau.

Anteil Beschäftige in der Industrie Noch dominieren die Sparten Maschinen, Elektronik und Metall die Aargauer Industrie. NAB

Was bedeutet das für diese beiden Branchen? Zuerst der Blick auf den Elektrotechnik-Bereich, mit Firmen wie ABB oder GE. Auch wenn dort heute weniger Menschen arbeiten und auch die Exporte zuletzt zurückgegangen sind, macht sich NAB-Geschäftsführer Roland Hermann noch keine Sorgen.

Elektrotechnik: Nicht schwarz malen

«Diese Branche ist definitiv nicht im Sinkflug. Sie ist aber extrem gefordert auf der Technologie-Seite, beispielsweise in Sachen Robotertechnik», sagt Hermann. Im Elektrotechnik-Bereich werde aber viel investiert, und die Branche sei innovativ.

Medienkonferenz im Gebäude der Neuen Aargauer Bank in Aarau, im Hintergrund läuft eine Powerpoint-Präsentation. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Roland Hermann (rechts), Geschäftsführer der NAB, präsentiert die Studie zusammen mit Verfasser Simon Hurst (links). Bähram Alagheband/SRF

Und: Auch die Ankündigungen über einen Stellenabbau bei ABB und GE deutet er in diesem Zusammenhang nicht als Negativ-Meldung. Diese Branche sei nun mal in einem starken strukturellen Wandel. Wird an einem Ort abgebaut, dann würden meist auch wieder mehr Stellen geschaffen, vielleicht an einem anderen Ort – und so die Produktivität erhöht.

Pharmaindustrie: Viel Ertrag, wenig Aufwand

Zurück zur Pharma-Industrie, welche besonders im Aargauer Fricktal aufblüht – dank der Nähe zur Basler Pharma-Industrie. «Sie hat in den letzten Jahren stark zugelegt», so der Studienverfasser Simon Hurst. Für den Kanton sei diese Industrie nun ein wichtiges zusätzliches Standbein geworden. Roche, Novartis oder DSM Nutritional sind drei Beispiele grosser Firmen, die Standorte in der Region haben.

Für das Fricktal kann dieses Standbein aber auch zum Klumpenrisiko werden, wenn man viele solcher Firmen hat: Bricht diese Branche ein, hat die Region ein Problem. «In diesem Fall zeichnet sich diese Entwicklung aber nicht ab», so der Ökonom. Er sieht noch einen anderen Vorteil in dieser Branche.

Industriekanton Aargau im Wandel

Eine verhältnismässig kleine Anzahl Arbeiter sorgt für eine grosse Produktivität, so Simon Hurst. Anders gesagt: Viel Ertrag bei wenig Aufwand. «Das heisst, dass die Branche effizienter und wettbewerbsfähiger geworden ist», lobt Hurst.

Fazit: Das Bild des Industriekantons Aargau hat sich verändert und wird sich noch stärker verändern, so die Prognose des Studienverfassers. Oder wie es NAB-Geschäftsführer Roland Hermann sagt: «Der Kanton Aargau wird in Zukunft eine kleinere, aber schlagkräftigere Industrie haben.»