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Aargau Solothurn AKW Beznau: Materialfehler entstanden bei der Herstellung

Die Unregelmässigkeiten im Material des Reaktordruckbehälters des AKW Beznau 1 sind 1965 bei der Herstellung entstanden und stammen nicht vom Betrieb. Die Betreiberin Axpo konnte dies nach eigenen Angaben mit dem Bau einer Replika nachweisen. Atomkritiker bleiben skeptisch.

AKW Beznau
Legende: In den nächsten Wochen sollen laut Axpo weitere Untersuchungen darlegen, dass Reaktor 1 sicher ist. Keystone

Der Block 1 des AKW Beznau – mit 47 Betriebsjahren ältester kommerzieller Reaktor der Welt – ist seit März 2015 vom Netz. Im Sommer 2015 wurden am Reaktordruckbehälter rund 925 Materialfehler entdeckt. Es handelte sich um fehlerhafte Materialstellen mit einer Grösse von fünf bis sechs Millimetern.

Andy Heitz
Legende: Andy Heitz, Mitglied der Axpo-Geschäftsleitung, präsentiert einen kleinen Teil des nachgeschmiedeten Testobjekts. SRF

Diese sogenannten Aluminiumoxid-Einschlüsse lagen fast ausschliesslich im oberen Kernring des Reaktordruckbehälters. Dieser Kernring ist der grössten Neutronenbestrahlung ausgesetzt. Für die Axpo war schnell klar, dass es sich um Materialfehler handelte, die nach der Herstellung 1965 zwar bekannt, aber als akzeptabel eingestuft worden waren.

Replika zum Testen

Um ihre These zu bestätigen, liess die Axpo das Teil mit den meisten Unregelmässigkeiten in England nachbauen. Die Herstellung wurde genau gemäss den in den 1960er-Jahren geltenden, dokumentierten Herstellungsbedingungen der ursprünglichen Schmiede im französischen Le Creusot vorgenommen.

Dabei bildeten sich bei der Herstellung der chemisch und mechanisch identischen Replika praktisch die selben Einschlüsse wie beim Originalteil, wie die Axpo-Verantwortlichen vor den Medien bekanntgaben. Die Replika muss nun für weitere Tests, darunter auch so genannte zerstörerische Prüfungen, herhalten.

Weitere Untersuchungen

In den nächsten Monaten stehen weitere Untersuchungen und Bewertungen auf dem Programm. Der Sicherheitsnachweis werde erst erbracht sein, wenn alle Prüfungen und Analysen entlang der vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) akzeptierten Roadmap mit positiven Ergebnissen abgeschlossen seien, so Axpo.

So muss die Axpo den werkstoffspezifischen Einfluss der Unregelmässigkeiten auf die Eigenschaften des Grundmaterials klären, die Bruchzähigkeit des Materials belegen und die Frage nach den vorhandenen Sicherheitsreserven beantworten.

Bis heute lägen weiterhin keine sicherheitstechnischen Vorbehalte für den sicheren Weiterbetrieb des KKB 1 vor, meinen die Axpo-Verantwortlichen. Die Axpo sei mehr denn je überzeugt, die geforderten Nachweise und den «Safety Case» für das Wiederanfahren der Anlage erbringen zu können.

Die Axpo will den Nachweis im Laufe des Herbstes beim Ensi einreichen. Anschliessend wird die Behörde den Sicherheitsnachweis prüfen und über die Bewilligung zum Wiederanfahren entscheiden. Die Axpo rechnet weiterhin mit einer Wiederanfahrgenehmigung des Ensi bis Ende 2016.

Greenpeace kritisiert die Axpo-Angaben als wenig zuverlässig

«Es sind nicht nur einzelne Materialeigenschaften massgebend: Mitentscheidend ist, ob die Integrität des Behälters als Ganzes gewährleistet ist», kommentiert Stefan Füglister, Atomexperte für Greenpeace Schweiz. Laut Füglister muss hinterfragt werden, dass die sogenannte Replika eine repräsentative und solide Grundlage für den Sicherheitsnachweis darstellt: Man könne nur schwerlich simulieren, ob die Versprödung des Materials, die thermische Belastung während 47 Betriebsjahren, sowie die durch Spannungen und Schwingungen erzeugte Schwächung in Kombination mit den gefunden Einschlüssen eine optimistische Beurteilung zulasse. Die Umweltorganisation fordert nach wie vor ein öffentliches Hearing mit atomkritsichen Experten. Es brauche eine politische Klärung, ob die Gesellschaft bereit sein, die Risiken eines Weiterbetriebs von Beznau 1 zu tragen.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Brenner (Brenner)
    Unglaublich, wenn man die Likes dazuzählt, wieviel "Atomspezialisten" es hierzulande gibt. Und immer das "Sofort abstellen" und "es gibt Technologien, die uns vom Ausland unabhängig machen". Wirklich? Solar und Wind erhöhen die Auslandsabhängigkeit drastisch wegen der notwendigen Schattenproduktion, wenn es die KKW nicht mehr gäbe. Wer von all den "Abstellern" hat mal einen Kurs in Materialkunde absolviert? Wer von all denen kann erklären, wie der Strom in die Steckdose kommt?
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  • Kommentar von Michel Koller (Mica)
    Wir haben alternative Energiequellen aber die müssen erst im großen Stil ausgebaut werden. Dazu noch Speicherwerke um Schwankungen abfedern zu können. Dies geht nicht von heute auf morgen und mit den Einsprachen von Umweltschützern, des Denkmal -und Landschaftschutzes, wird es auch noch eine ganze Weile dauern. Daher kann man eben nicht einfach alles abschalten. Die Komplexität des Stromtransportes haben wir hierbei auch noch gar nicht komplett erfasst. Billige Parolen bringen uns kaum weiter.
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Herr Koller, wir haben keinen Mangel bezüglich Speicher- und Netzkapazität. Dänemark deckt bereits heute einen höheren Anteil des Strombedarfes mit Windenergie (43%) als die Schweiz mit Atomenergie (34%) deckt. Wobei Dänemark im Gegensatz zur Schweiz über kein einziges Speicherkraftwerk verfügt und wesentlich weniger Strom importieren und exportieren kann (die Schweiz ist eine Stromdrehscheibe). Ausserdem produziert Bayern bereits heute über vier mal mehr Strom mit den Dächern als Beznau I.
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    2. Antwort von Michel Koller (Mica)
      N. Schmid: Sie stellen seltsame Vergleiche an. Wo soll die Schweiz eine OffShore Windenergieanlage der Grössenordnung wie in Dänemark bauen? Bayern ist auch grösser als die Schweiz und dort scheint die Sonne auch nicht Nachts. Gerade in DE gibt es ein Problem mit dem Stromtransport und benötige Leitungen werden wegen Einsprachen nicht gebaut. Wie gesagt... bringen sie vernünftige Lösungen, welche in der Schweiz anwendbar sind.
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    3. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Schweizer Dächer können mehr Strom liefern als alle 5 AKW. Österreich ist ebenfalls ein Alpenland und produziert bereits heute doppelt so viel Strom mit Windkraft wie Beznau I maximal produzieren könnte. Das Schweizer Netz hat eine höhere Übertragungskapazität als das Dänische und das Bayerische Netz. Die Schweizer Wasserkraftwerke können flexibel bis zu doppelt so viel Strom produzieren, wie die Schweiz im Mittel benötigt. Zudem: In der Nacht wird trotz Niedertarif weniger Strom verbraucht.
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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Es einfach nicht korrekt die Frage ob die nukleare Technologie als Ganzes im Griff zu haben ist an diesem Bauteil und diesen Unregelmässigkeiten im Material aufzuhängen. Reine Behauptungen in dieser Richtung bringen nichts. Wenn also das Ensi zum Schluss kommt der Nachweis sei erbracht gibt es keine darüber hinausgehende Möglichkeit den Betreiber unmittelbar am Einsatz der Anlage zu hindern. Fakt: die anderen fast baugleichen Reaktoren sind unter Aufsicht des Ensi weiter in Betrieb. Also sicher.
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Die Frage ob eine optimistische Beurteilung der Simulation angebracht ist, ist angesichts der Versprödung des Materials (durch den jahrzehntelangen Neutronenbeschuss), der thermischen Belastung während 47 Betriebsjahren, sowie der durch Spannungen und Schwingungen erzeugte Schwächung in Kombination mit den gefunden Einschlüssen durchaus gerechtfertigt. Zumal bei einem Bersten des Reaktordruckbehälters ein wesentlicher Teil der Schweiz über Jahrhunderte geschlossen werden könnte.
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