Erschwil: Spitex-Kampf geht in die nächste Runde

Es ist ein Seilziehen der anderen Art: In der Solothurner Gemeinde Erschwil kämpfen die Pro Senectute und die Acura AG um den Spitex-Dienst im Dorf. Eigentlich hätte die Acura AG die öffentliche Ausschreibung und damit den Kampf gewonnen. Doch die Pro Senectute möchte weiterhin in Erschwil bleiben.

Eine Spitex-Mitarbeiterin fühlt den Puls bei einem Senior. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pflege als Zankapfel: In Erschwil läuft die Übergabe von Pro Senectute an die Acura AG nicht reibungslos (Symbolbild). Keystone

Erschwil ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Deshalb wollte die Gemeinde Kosten senken, auch bei der Spitex, die stetig teurer wurde und von Pro Senectute angeboten wird. Erschwil schrieb als eine der ersten Schweizer Gemeinden den entsprechenden Leistungsauftrag für die ambulante Pflege aus - und entschied sich neu für die Basler Acura AG.

Die Spitex Thierstein/Dorneck, welche unter dem Dach von Pro Senectute arbeitet, hat nun aber ihren «Noch»-Kunden in Erschwil einen neuen Vertrag geschickt. Darin heisst es offenbar, dass man weiterhin Kunden in Erschwil betreuen könne, ein weiteres halbes Jahr. Pro Senectute komme sogar für den Beitrag auf, den sonst die Gemeinde bezahlt.

«  Das ist eine Übergangslösung für die Senioren, damit der sehr abrupte Wechsel zur Acura abgefedert wird. »

Ida Boos
Geschäftsleiterin von Pro Senectute Kanton Solothurn, Dachorganisation der dortigen Spitex

Bei der Acura AG, welche die Erschwiler Ausschreibung für sich entschied, geht man mit der Situation so gelassen um wie möglich. «Wir hatten damit gerechnet, dass die Übergabe in Erschwil nicht so einfach wird», erklärt Geschäftsführerin Tina Sasse. Man habe aktuell weniger Kunden als erwartet, das sei aber in Ordnung. «Wer lieber bei der öffentlichen Spitex bleiben will, der darf das tun», erklärt sie auf Anfrage. Das Wohl jedes einzelnen Kunden sei wichtiger als alles andere.

Ein Fragezeichen macht Tina Sasse hingegen bei den neuen Verträgen der öffentlichen Spitex Thierstein/Dorneck. Es sei schon interessant, dass die Gemeindebeiträge Jahr für Jahr gestiegen seien. Und jetzt, da ein privater Anbieter mit im Geschäft ist, kann man plötzlich ohne Gemeindebeitrag auskommen. Bei der Gemeinde Erschwil sieht man das ähnlich.

«  Ich frage mich konkret, ob wir in der Vergangenheit zu hohe Gemeindebeiträge bezahlt haben. »

Susanne Koch
Gemeindepräsidentin von Erschwil

Zudem habe man auf der Gemeinde nichts gewusst von diesem Vertrag, den Pro Senectute den Erschwiler Kunden zugeschickt hatte. «Das erstaunt uns etwas», meint die Erschwiler Gemeindepräsidentin Susanne Koch auf Anfrage des Regionaljournals Aargau Solothurn von Radio SRF.

Konkurrenz für öffentliche Spitex

4:23 min, aus Schweiz aktuell vom 12.11.2015

Bei Pro Senectute versteht man, dass all dies Unsicherheit ausgelöst hat. Man habe sicher nicht ganz alles richtig gemacht, weil ein solcher Fall eben schweizweit noch nicht oft vorgekommen sei. Eines stehe aber fest: Man habe in früheren Jahren den Gemeinden nicht zu viel Geld abgeknöpft.

Man habe in den letzten beiden Jahren aber höhere Kosten gehabt, unter anderem wegen verschiedener Umstellungen. Mittlerweile könne man wieder günstiger arbeiten, so Ida Boos. Und Nein, man wolle mit der jüngsten Aktion kein «Fuss in der Tür» von Erschwil drin behalten. Das sei alles nur zum Wohle der Senioren, heisst es.

Kampf hat genützt - beim Preis

Einen Vorteil hat der Kampf in Erschwil aber dennoch: Die Preise für ambulante Pflege sind in Erschwil und in den umliegenden Gemeinden jüngst gesunken. Das bestätigt Susanne Koch und beruft sich auch auf Kollegen aus der Nachbarschaft.

Schon in der öffentlichen Ausschreibung sei der Preis für die Spitex-Leistung von Pro Senectute plötzlich tiefer gewesen als sonst. «In diesem Sinne war die Marktöffnung positiv», so Koch.