Dem Dienstbotenheim Oeschberg gehen die Knechte und Mägde aus

Seit über 100 Jahren verbringen Dienstboten aus der Landwirtschaft ihren Lebensabend im Oeschberg, einem stattlichen Haus mit Gutsbetrieb an der alten Zürich-Bern-Strasse. Doch Knechte und Mägde werden immer weniger. Jetzt denkt der Oeschberg über seine Zukunft nach, die seine Eigenheit bewahrt.

1906 legten die kinderlosen Geschwister Elise und Ferdinand Affolter den Grundstein für das «Dienstbotenheim Oberösch». Sie übergaben dem Oekonomischen Verein Amt Burgdorf das ehemalige Gasthaus Sonne an der alten Zürich-Bern-Strasse samt Gutsbetrieb, Wald und viel Umschwung.

Knechte und Mägde, die «guten Leumunds sind und rechtschaffen gedient haben, bis sie grau geworden sind», sollen hier ihren Lebensabend verbringen können, sofern sie mit ihrer Arbeitskraft noch etwas zur Selbstversorgung beitragen konnten. An dieser, von gütiger Strenge getragenen Grundidee der Stifter hat sich eigentlich seit nahezu 110 Jahren nichts geändert.

Überhosen als Alltagstenü und Rösti zum Zmorge

Die zurzeit 30 Männer und 7 Frauen im Alter von 54 bis 90 Jahren sind denn auch täglich emsig an der Arbeit. Morgens um halb fünf gehts in den Stall und um sieben Uhr wartet die Rösti auf dem Tisch. Im Haus und in der Küche, im Wald, im Gemüsegarten, bei Huhn, Schwein und Küngel und bei den Beerenstauden und den Obstbäumen gibts immer Arbeit. Der Oeschberg ist denn auch praktisch vollständig Selbstversorger.

«Jeder arbeitet so viel, wie er mag und erhält dafür Anerkennung. Wir reden über die Arbeit und nehmen uns die Zeit, die es braucht und mancher ist so zu einem Fachmann geworden; sei es beim Holzen, im Stall, beim Jäten oder beim Hofwischen. Im Prinzip machen die Leute, was sie gerne machen - und darum machen sie es gut», sagt Meisterbauer Meinrad Ackermann im «Regionaljournal Bern Freiburg Wallis» von Radio SRF. Die Pensionäre finden hier eine Umgebung, die ihnen vertraut ist.

«Bäuerliche Grossfamilie» passt nicht nur für Knechte und Mägde

Allerdings hat sich die Landwirtschaft stark verändert. Knechte und Mägde im Sinn der Stiftung Affolter gibt es immer weniger. Und so denkt der Oeschberg über seine Zukunft nach. «Wir wollen eine bäuerliche Grossfamilie bleiben, die dank der Arbeit im Haus, in der Landwirtschaft und im Wald sehr viel zur Eigenversorgung beitragen kann», sagt Heimleiterin Pia Zwahlen. «So könnten wir künftig auch Leute aufnehmen, die einen Rahmen brauchen, der ihnen Halt und Struktur gibt - aber ohne Behindertenheim, Pflegeheim oder Entzugstherapie. Irgendwie funktionieren wir nach dem Motto des gesunden Menschenverstandes».

Der Oeschberg ist für die Pensionäre verhältnismässig günstig. Sie bezahlen eine Tagespauschale von 95 Franken. Das lässt sich mit einer AHV-Rente und Ergänzungsleistungen bewerkstelligen. Ein Glück ist zudem, dass die Behörden dem Heim die Betriebsbewilligung verlängert haben, ohne Komfortstandards durchzusetzen, die in der Stadt zwar üblich, hier aber unverhältnismässig wären - weil sie gar nicht erwünscht sind. Zudem hat das rund 280jährige Haupthaus seine baulichen Hindernisse, die nicht einfach zu überwinden wären. Offenbar stört das die Pensionäre nicht. Sie stapfen mit grosser Selbstverständlichkeit über Treppen und Schwellen - und warten, bis um 11 Uhr die Glocke übers Gelände schallt und zum Mittagessen ruft. Und da muss etwas rechtes auf den Tisch. Währschaft, wie man es gewohnt ist.