Der Thuner Freisinn ist auf dem Tiefpunkt seiner Geschichte

Der Thuner Freisinn ist nach den Wahlen vom 30. November 2014 ein Schatten seiner selbst. Die FDP schickt noch 3 Stadtratsmitglieder ins Parlament. Jetzt muss die einst stolze Partei bei einer anderen Fraktion Unterschlupf suchen. Eine Demütigung, die sich die Parteileitung nicht erklären kann.

Thuner FDP-Präsident Zeno Supersaxo in dicker Jacke vor einem Tannenbaum Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Thuner FDP muss sich nach den Wahlen 2014 warm anziehen: Parteipräsident Zeno Supersaxo ist ratlos und konsterniert. SRF

Für die FDP der Stadt Thun war der 1. Advent 2014 kein Tag des Lichts, im Gegenteil. Die Partei verlor einen Sitz im 40-köpfigen Stadtparlament. Und dieser verlorene Sitz kostet die einst mächtige Stadtpartei die Fraktionsstärke. Jetzt muss der Thuner Freisinn mit anderen Parteien verhandeln, wo er allenfalls Unterschlupf finden könnte. Die FDP ist damit wohl am Tiefpunkt ihrer Geschichte angelangt.

Dass die FDP bei den Gemeinderatswahlen nichts mehr zu bestellen hat, war schon vor den Wahlen klar. Die Freisinnigen verhalfen der SVP dank der Listenverbindung allerdings zu einem fulminanten Ergebnis. 2010 endete die lange Reihe freisinniger Mitglieder in der Thuner Stadtregierung seit 1919 mit der Abwahl von Jolanda Moser.

In 20 Jahren zwei Drittel der Wähler verloren

Die Entwicklung der bürgerlichen Partei ist dramatisch. Sie stellte nach den Wahlen von 1994 noch neun Stadtratsmitglieder, dann pendelte sich die FDP-Deputation über viele Jahre bei 6 bis 7 Mitgliedern ein. 2010 waren es noch vier - und nun noch deren drei.

«Wir werden nicht nur verhandeln müssen, in welcher Fraktion wir uns anschliessen können» resümiert ein sichtlich enttäuschter Parteipräsident Zeno Supersaxo - auch er wurde zusammen mit dem Fraktionschef abgewählt. «Wir werden uns zentrale Fragen über die Zukunft, unser Profil und die Mandatsträger stellen müssen.» Denn dem Parteipräsidenten ist vorläufig nicht erklärbar, weshalb seine Partei dermassen abgestraft wird.

Andere bürgerliche Parteien haben mit einem ähnlichen Profil durchaus Bestand - und die bisherigen Stadträte der FDP waren nicht durch grobe Fehler aufgefallen. «Das ist letztlich die Gretchenfrage. Ich hoffe, dass wir da bald vernünftige Antworten haben», so Zeno Supersaxo.

Die anderen können mit den Ergebnissen leben

Die anderen Parteien, die sich an den Thuner Gemeindewahlen vom 30. November beteiligt haben, können mit den Ergebnissen durchaus leben. Die Fraktion der Mitte, die mit Konrad Hädener (CVP) den historischen Einzug in die Stadtregierung schaffte, freut sich uneingeschränkt.

Zufrieden ist auch die SVP mit einem markanten Stimmenzuwachs bei den Gemeinderatswahlen. Den Verlust eines Parlamentssitzes können sie wegstecken. Die BDP, die den Gemeinderatssitz von Ursula Haller und einen von 5 Stadtratssitzen verloren hat, ist zwar nicht zufrieden, aber es hätte schlimmer kommen können.

Die SP und die Grünen freuen sich über zwei Sitzgewinne im Parlament und über die gesicherten zwei Gemeinderatsmandate. Den Grünen ist es nur recht, dass sie dem Bündnispartner den Sitz nicht weggeschnappt haben. «Ich freue mich mehr über eine glänzende Nichtwahl als über eine knappe Wahl», brachte es Thomas Hiltpold von den Grünen auf den Punkt.