Gemeinnützige Arbeit: «Besser als Gefängnis»

Fast jede zehnte Strafe wird im Kanton Freiburg mit gemeinnütziger Arbeit abverdient. Freiburg gehört schweizweit zu den Spitzenreitern. Ein Besuch bei einem Betroffenen zeigt: Gemeinnützige Arbeit ist keine einfache Strafe.

Behindertenheim. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gemeinnützige Arbeit statt Gefängnis: Das Behindertenheim «Haus Linde» im freiburgischen Tentlingen. Patrick Mülhauser / SRF

Der 33-jährige Marco hat 640 Stunden gemeinnützige Arbeit in der Küche eines Alters- und Pflegeheims abgestottert. «Ich bin ohne Fahrausweis gefahren und habe ein Auto geklaut.» Statt mehrere Monate in einer Gefängniszelle zu sitzen, hat es der stellenlose Automonteur vorgezogen, gemeinnützige Arbeit zu leisten. «So war ich integriert und konnte mit Leuten reden.» Er werde sich künftig sein Handeln besser überlegen, sagt er.

Profit für beide Seiten

Im Kanton Freiburg werden dieses Jahr 40'000 Stunden durch gemeinnützige Arbeit verbüsst, in der Regel von Männern Mitte Dreissig. Im Durchschnitt 120 Stunden, das entspricht 20 Tagen.

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Bildlegende: Fabio Scascighini ist Chef des alternativen Strafvollzugs bei der Freiburger Bewährungshilfe. Patrick Mülhauser / SRF

«Für Leute, die daneben voll arbeiten, ist das happig», sagt Fabio Scascighini. Er ist Chef alternativer Strafvollzug beim Amt für Bewährungshilfe. Es sei auch Gratisarbeit für viele Institutionen. Auch wenn es nicht immer einfach sei, solche Leute zu beschäftigen: «Manchmal bleiben sie unentschuldigt fern oder es fehlt an Motivation.»

Soziales Engagement

Bei Benjamin Brülhart, Direktor der Freiburger Stiftung für Schwerbehinderte, stottern regelmässig verurteilte Personen ihre Stunden ab. «Ich sehe dies als sozialen Beitrag unsererseits.» Doch auch die Institution profitiert. «Ein Maler hat das ganze Behindertenheim gestrichen.» Und einer Person hat er sogar eine feste Anstellung gegeben.

Keine überfüllten Gefängnisse

Seit 2007 gilt in der Schweiz gemeinnützige Arbeit als Erststrafe. Staatsanwälte und Richter können diese wie Bussen oder Gefängnis aussprechen. Allerdings nur mit Einwilligung des Verurteilten.

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Bildlegende: Gemeinnützige Arbeit statt Gefängnis: Benjamin Brülhart beschäftigt in seinen Behindertenheimen Straftäter Patrick Mülhauser / SRF

Eine gute Sache, findet der Freiburger Strafrechtsprofessor Nicolas Queloz. «Der Verurteilte gibt mit seiner Arbeit etwas an die Gesellschaft zurück.» Das sei doch besser, als die Gefängnisse zu füllen.

Ein Gegentrend

Bald führt die Schweiz jedoch wieder kurze Gefängnisstrafen ein. Zum Bedauern des Strafrechtsprofessors wird die gemeinnützige Arbeit dadurch abgewertet. «Staatsanwälte haben bereits begonnen, weniger solche Strafen auszusprechen.»

(Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 17:30 Uhr)