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Phänomen Hochsensibilität «Hochsensibilität ist keine Modediagnose»

Martin Bertsch aus Ringgenberg ist hochsensibel. Ein Phänomen, das die Wissenschaft erst jüngst entdeckt hat. Nun organisiert er bereits zum dritten Mal einen Kongress in Münsingen.

Mann mit Brille steht vor einer grünen Wand.
Legende: Martin Bertsch: «Hochsensibilität ist auch eine innere Kraft.» Mireille Guggenbühler / SRF

SRF News: Wie haben Sie gemerkt, dass Sie hochsensibel sind?

Martin Bertsch: In einem Kurs, den ich selber durchgeführt habe, empfahl mir eine Teilnehmerin das Buch «Zartbesaitet» von Georg Parlow. Ich fand mich in den darin beschriebenen Eigenschaften wieder.

Was sind das für Eigenschaften?

Hochsensible sind beispielsweise nachdenklicher als andere. Ihre Wahrnehmung ist überdurchschnittlich differenziert, sie nehmen äussere oder innere Reize intensiver wahr. Das kann dazu führen, dass Hochsensible rasch müde werden und sich zurückziehen. Der Ausgang mit den Kollegen liegt dann nicht mehr drin.

In der Schweiz ist etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Hat Hochsensibilität in den letzten Jahren zugenommen?

Ich denke, vor allem das Bewusstsein für das Phänomen Hochsensibilität hat zugenommen. Je grösser das Bewusstsein dafür ist, desto eher wird natürlich auch jemand auf eine mögliche Hochsensibilität bei sich oder anderen aufmerksam.

Hochsensible ticken schlicht etwas anders als weniger sensible Menschen.
Autor: Martin BertschKongressveranstalter, Hochsensibler

Nun gibt es andere Diagnosen wie ADHS, die heute auch als Modediagnosen bezeichnet werden. Gehört Hochsensibilität nicht auch dazu?

Bei ADHS stehen vor allem die Defizite einer betroffenen Person im Vordergrund. ADHS gilt als Krankheit, die man diagnostizieren kann. Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein sehr ausgeprägter Charakterzug. Hochsensible ticken schlicht etwas anders als weniger sensible Menschen. Wenn man über Hochsensibilität spricht, geht es immer um die Frage, wie gehen wir in unser Gesellschaft mit Menschen um, die verschieden sind. Und das in einer Zeit, in welcher vor allem Konformität gefragt ist und nicht Verschiedenheit.

Laut einer Informationsbroschüre war Sensibilität früher aber eine gefragte Eigenschaft bei Menschen, heute nicht mehr. Weshalb?

Der Künstler Michelangelo dürfte wohl ein hochsensibler Mensch gewesen sein. Menschen mit ausgeprägten künstlerischen Eigenschaften und einer hohen Kreativität, haben es heute vermutlich schwerer als früher. Die Wirtschaft gibt vor, was zählt: Leistung und Wettbewerb. Für hochsensible Menschen ist es oft schwierig, in einem solchen Umfeld zu bestehen.

Das Gespräch führte Mireille Guggenbühler.

Wissenschaftliche Plattform

Ärzte, Psychologen, Psychiater, Ökonomen, Sozialarbeiter oder Künstler: Während drei Tagen treffen sich in Münsingen Fachleute und tauschen sich
über Hochsensibilität aus. Erstmals beschrieben wurde das Phänomen von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron. Mittlerweile existieren zahlreiche empirische Erkenntnisse zu Hochsensibilität.

Martin Bertsch

Martin Bertsch ist psychologischer Berater, Coach und Erwachsenenbildner. Einst machte er die Ausbildung zum Primarlehrer. Er arbeitet in Bern und Ringgenberg.

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