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In Deutschfreiburg und im Appenzell noch verbreitet: Was hat es auf sich mit dem Jahrgänger?
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 29.11.2019.
abspielen. Laufzeit 10:05 Minuten.
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Jahrgänger-Treffen Früher war es ein Heiratsmarkt – heute eine Party

Einmal im Jahr treffen sich alle mit dem gleichen Jahrgang. Warum lebt diese alte Tradition im Kanton Freiburg weiter?

Bis kurz vor dem Treffen wusste sie nicht, ob sie kommen solle. «Ich dachte, das sei spiessig», sagt Michèle Fasel aus dem Sensebezirk im Saal Grenette in der Freiburger Altstadt. Ein Schulkollege von ihr, Laurent Bächler, fügt an: «Ich dachte auch, ich sei noch nicht bereit für einen Jahrgänger – ich bin zu jung, um zurückzublicken.»

Der Jahrgänger hat tatsächlich einen verstaubten Ruf – das mache man, wenn mal alt ist, heisst es bei vielen Jüngeren. Die beiden Sensler sind trotzdem an den Jahrgänger der 89er gekommen.

Was ist ein Jahrgänger?

Der Jahrgänger ist im deutschen Teil des Kantons Freiburg eine Art erweitertes Klassentreffen – statt eine Klasse trifft sich jedoch ein ganzer Jahrgang. Zum ersten Mal im Alter von 30 Jahren. Alle mit Jahrgang 1989 haben in diesem Jahr ihren ersten Jahrgänger gefeiert. Dazu wurde ein Verein gegründet, dem alle 89er beitreten können, die einen Bezug zum deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg haben. Jeder Jahrgang hat einen eigenen Verein, der sich jährlich zur Generalversammlung trifft. Je älter die Deutschfreiburger werden, desto öfter treffen sie sich auch nebenbei – sie gehen wandern, schlitteln, jassen oder gehen bei runden Geburtstagen auf Reisen.

Es ist der erste Jahrgänger für die Freiburgerinnen und Freiburger, die im Jahr 2019 30 Jahre alt wurden oder werden. «Bei einem Bier im Bad Bonn in Düdingen haben wir vor zwei Jahren beschlossen, den Jahrgänger an die Hand zu nehmen», sagt der Präsident des Jahrgängervereins 1989 Deutschfreiburg, Jonas Mauron. Zusammen mit gleichaltrigen Kollegen hat er ein Organisationskomitee gegründet.

Sechs Personen sitzen auf einem Sofa
Legende: Das Organisationskomitee des Jahrgängervereins 1989 Deutschfreiburg: Jonas Mauron, Nadia Brügger, Roman Aebischer, Carmen Hausammann, Stefan Leiser, Jasmin Nydegger (vlnr) SRF/ZVG

Per Facebook-Gruppe, Whatsapp, Zeitungsinserat und Mund-zu-Mund-Propaganda haben sie die 89er für die Gründungsversammlung des Jahrgängervereins 1989 Deutschfreiburg mobilisiert.

Knapp 200 Leute sind an den Jahrgänger gekommen, der mit einem offiziellen Teil – einer Generalversammlung – beginnt. Dabei werden der Vorstand gewählt, die Statuten genehmigt oder das Jahresprogramm definiert. Eine Generalversammlung halt. Wobei der Jahrgängerverein versucht hat, diese aufzulockern – mit einem Lotto oder witzigen Sprüchen. Danach wird gegessen, getrunken, gelacht und vor allem viel erzählt.

Mehr als ein Klassentreffen

Das Spezielle am Jahrgänger: Es ist nicht ein, es sind gleich mehrere Klassentreffen. Man trifft ehemalige Schulkolleginnen und Kollegen aus der Primarschule, der Oberstufe, des Collèges, der Uni – aber auch Sandkastenfreunde, Kollegen aus dem Sportverein, des Musikunterrichts, aus der Parallelklasse. Alle, die denselben Jahrgang haben.

Es ist lustig, Leute aus den verschiedenen Phasen des Lebens wiederzusehen. Leute aus dem Raum Freiburg, die du im Alltag nicht siehst.
Autor: Melanie BärtschiSenslerin mit Jahrgang 1989

So habe man die Gelegenheit, Kolleginnen und Kollegen aus dem Raum Freiburg wieder einmal zu treffen, sagt Melanie Bärtschi, die nicht mehr in der Region wohnt.

Die Streiche von damals

Je später der Abend, desto mehr drehen sich die Gespräche um gemeinsame Erlebnisse – um Streiche, die man in der Schulzeit gespielt hat. «Ein Lehrer von uns hat immer gestunken. Jedes Mal, wenn er vorbeilief, haben wir ein Duftspray versprüht», erzählt eine Teilnehmerin. Ihre Schulkollegen erinnern sich, fangen an zu lachen und erzählen weitere Szenen aus der Schulzeit.

Überall sieht man zufriedene Gesichter, Neugier, Erstaunen darüber, was die Kollegen, die man teilweise 15 Jahre nicht gesehen hat, erlebt haben. Er sei froh, sei er gekommen, sagt Laurent Bächler, der lange nicht gewusst hatte, ob er kommen soll: «Es geht gar nicht um die dritte Säule, wie ich befürchtet hatte.»

Die gemeinsame Vergangenheit verbindet

Die Leute im Raum haben einiges zusammen erlebt, das schweisst zusammen. Was machst du jetzt? Wo arbeitest du? Weisst du noch früher?Während alte Geschichten wieder aufflackern und die Lebensläufe ausgetauscht werden, realisieren die Deutschfreiburger, dass sie doch langsam älter geworden sind – 30. Jetzt beginne das mit dem Jahrgänger, heisst es.

Mit 30 haben wir nun eine gewisse Reife erreicht.
Autor: Tanja Schertenleib-Bächlerin Düdingen aufgewachsen, wohnt nun im Berner Oberland

«Mein Vater hat mir gesagt: Schau, beim ersten Treffen sind noch viele dabei, aber in 30 Jahren wird niemand mehr kommen», erzählt Tanja Schertenleib-Bächler. Tatsächlich haben die Erfahrungen aus mehreren Jährgängern gezeigt, dass nach der Gründungsversammlung nicht mehr so viele Jahrgänger mobilisiert werden können. Trotzdem hat die Tradition überlebt.

Deutschfreiburg und Raum Appenzell

Woher kommt diese Tradition? Da Vereine nicht im Staatsarchiv Freiburg erfasst werden, kann man den genauen Ursprung nicht eruieren. Laut dem schweizerischen Wörterbuch Idiotikon hat sich der Jahrgängerverein aus dem Kanton Sankt Gallen ausgebreitet. Das Wörterbuch hat eine Quelle aus dem Jahr 1829 gefunden. Im 19. Jahrhundert sah man die Jahrgänger vor allem in der Ostschweiz. «Es kann sein, dass sich der Jahrgänger von der Ostschweiz aus bis nach Freiburg verbreitet hat», sagt der Sensler Journalist und Dialektologe Christian Schmutz. «Die Tradition kann sich aber auch in verschiedenen ländlichen Gebieten selber entwickelt haben.»

Heute wird der Jahrgänger vor allem im Appenzell und in Deutschfreiburg gelebt.
Autor: Christian SchmutzSchriftsteller, Journalist und Dialektologe

Früher waren die Jahrgänger nur für Männer offen. Heute richten sie sich an Männer und Frauen mit dem gleichen Jahrgang. Und heute könne man sagen, dass die Tradition noch im Appenzell, vor allem Appenzell Innerrhoden und im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg aktiv gelebt werde, sagt Schmutz. Das habe wahrscheinlich damit zu tun, dass dies regionale, übersichtliche Gegenden sind, in denen ein Zusammenhalt wichtig ist.

Auch andere Regionen kennen den Jahrgänger

Auch in Dübendorf im Kanton Zürich gibt es eine Art Jahrgängerverein. Dort kann man aber erst Mitglied werden, wenn man 62 Jahre alt ist, und mit 72 muss man wieder austreten. Mitglied werden dürfen jedoch nur Männer, heisst es im Vereinsverzeichnis.

Ein Grund, wieso die Tradition in Deutschfreiburg immer noch funktioniert könne sein, dass die deutschsprachige Minderheit im Kanton zusammenstehen wolle, so Schmutz. Ein Drittel der Freiburger sind deutschsprachig, zwei Drittel sprechen Französisch. Gerade die Leute aus dem Sensebezirk seien bekannt dafür, nicht im Mittelpunkt stehen zu wollen und gerne in Gruppen seien. «Das Vereinsleben im Sensebezirk ist unglaublich stark», sagt Schmutz.

Party, Leute tanzen, DJs legen auf
Legende: Früher gingen die Jahrgänger «z Tanz» – heute spielen DJs. Am Jahrgänger der 89er die DJs Trottles of the Dead. Marielle Gygax/SRF

Die Jahrgänger sind weiterhin beliebt – die Umsetzung hat sich jedoch in den letzten Jahren verändert. «Früher war der Jahrgänger DAS Ereignis – da ging man in den Ausgang», sagt Christian Schmutz. Es sei ein Heiratsmarkt gewesen – man schaute: Wer kann gut tanzen? Wer sieht schön aus? Die Tanzmusik wurde abgelöst von DJs. Die Art und Weise habe sich zwar verändert, die Musik und das Tanzen gehöre aber immer noch dazu.

Den Jahrgänger wird es weiterhin geben.
Autor: Christian SchmutzWar selber nur einmal an einem Jahrgänger

Und so stehen auch die 89er an ihrem Jahrgänger auf der Tanzfläche – tanzen zur Musik der DJs Trottles of the Dead. Wie viele von ihnen auch in den nächsten Jahren dabei sein werden, ist offen. Offen ist auch, wie viele 30-Jährige nächstes Jahr an den Jahrgänger der 1990er kommen werden. Christian Schmutz ist aber überzeugt, dass die Tradition der Jahrgänger weiterleben wird. Es gebe Jahrgänge, die sich nicht jedes Jahr treffen, weil niemand die Initiative ergreife. Und wenn die Leute 80 oder 90 Jahre alt werden, würden die Vereine oft aufgelöst. «Ich glaube aber nicht, dass der Jahrgänger verschwindet.»

(Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 29.11.2019, 12.03/17:30 Uhr)

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