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Legende: Audio «Ich lasse mich immer auf etwas ein, auf das ich nicht gefasst war» abspielen. Laufzeit 07:14 Minuten.
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 30.08.2019.
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Reportagenfestival in Bern «Die Augen öffnen für Unbekanntes»

Am Reportagenfestival, das vom Freitag bis am Sonntag an verschiedenen Orten in der Stadt Bern stattfindet, berichten Reporterinnnen und Reporter aus aller Welt über ihre Arbeit. Der Berner Urs Mannhart leitet einen Workshop zum Thema: «Wie schreibe ich eine Reisereportage».

Urs Mannhart

Urs Mannhart

Bauer, Schriftsteller, Reporter

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Urs Mannhart war Velokurier. Er machte eine Ausbildung als Landwirt. 2004 erschien sein erster Roman «Luchs». Für seinen dritten Roman «Bergsteigen im Flachland» wurde Mannhart 2016 mit dem Conrad Ferdinand Meyer-Preis ausgezeichnet. Er ist 1975 in Rohrbach im Oberaargau geboren.

SRF News: Sie unternehmen häufig weite Reisen in Regionen, die vielen Menschen fremd sind. Sie waren kürzlich mehrere Wochen in Russland unterwegs. Was bringen Ihnen diese Reisen persönlich?

Jede Reise ist immer auch eine Verführung. Ich lasse mich auf etwas ein, auf das ich nicht gefasst war oder wo ich dachte, dass es mich nicht interessiert.

Irgendwie dachte ich, dass da eine Geschichte sein muss

Und dann tut es immer gut, zu erfahren, dass unser Leben hier in der Schweiz mit unseren Gewohnheiten und unserem luxuriösen Lebensstandard nicht normal ist. Das ist immer wieder ein schöner Augenöffner.

In der Einladung zu Ihrem Workshop heisst es: Reisereportagen bauen Brücken. Ist es das Ziel von Reportagen, Verständnis zu schaffen, für Dinge, die wir nicht kennen?

Das ist in meinen Texten immer das Ziel. Ich möchte mit meinen Erzählungen die Augen öffnen für Unbekanntes. Es geht aber auch darum, zu erfahren, dass die Leute in anderen Regionen zwar andere Lebensumstände haben, aber uns sonst eigentlich sehr ähnlich sind.

Erzählen sie uns eine Geschichte, die Sie in Russland angetroffen haben.

Ich besuchte eine Stadt, in der es eine Diamantenmine hat. Das ist an sich nichts Besonderes. Aber dann lernte ich auf einem Spaziergang durch die Stadt einen Mann kennen, der in einem Park eine Schildkröte spazieren führte. Er war ein harter Kerl mit Tattoos – und neben ihm das kleine, herzige Schildchröttli. Irgendwie dachte ich, dass da eine Geschichte sein muss.

Wenn man drei Wochen an einem Ort verbringt und nicht nur drei Tage, dann denke ich, dass man schon glaubwürdig ist.

Nach einigen Tagen, an denen wir uns immer wieder begegneten, stellte sich heraus, dass er in dieser Stadt Zuflucht suchte, weil er von seiner kriminellen Vergangenheit Abstand gewinnen wollte. Er hatte drei Menschenleben auf dem Gewissen und elf Jahre Gefängnis auf dem Buckel. Hier wollte er nochmals neu anfangen und Zärtlichkeit üben, zum Beispiel im Umgang mit einer Schildkröte.

Verstehen Sie, dass man jetzt denken könnte, dass sie das unmöglich selber erlebt haben? Der Fall des Journalisten Claas Relotius, der Reportagen fälschte, hat ja das Genre der Reportage ziemlich in Verruf gebracht.

Wenn man – wie ich – drei Wochen an einem Ort verbringt und nicht nur drei Tage, dann denke ich, dass man schon glaubwürdig ist. Wenn man sich Zeit nimmt, glaube ich, dass das auch honoriert wird.

Das Gespräch führte Michael Sahli.

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