Eine junge Frau, die Grenzen verfliessen lässt

Die junge Autorin Dorothee Elmiger, Jahrgang 1985, hat für ihr zweites Buch «Schlafgänger» dieses Jahr den Schweizer Literaturpreis gewonnen. Es ist ein Buch über Grenzen und den Umgang mit Flüchtlingen in der Schweiz. Kritiker loben, in ihrem Text verschmelzten Politik und Poesie.

Auf den ersten Blick sieht man die Grenze gar nicht, die sich mitten durch den Kanton Zürich zieht. An diesem sonnigen Mittwochnachmittag wirkt der Stacheldrahtzaun wenig bedrohlich. Auf Fahrrädern und Rollschuhen fahren ihm Freizeitsportler auf dem aufgeheizten Asphalt entlang.

«  Es ist ein bedrückender Anblick. Die Leute fahren an diesem schönen Sommertag auf Velos daran vorbei. Merkwürdig. »

Und doch markiert er eine klare Trennlinie zwischen zwei Welten. Denn hinter dem Zaun steht das Flughafengefängnis, Abteilung Ausschaffungshaft. Die Fenster sind mit grünen Stäben vergittert, sie bilden den einzigen Farbtupfer am ansonsten grauen Betonklotz, auf den die Sonne brennt.

Ein Ort, der die Autorin Dorothee Elmiger nachdenklich stimmt: «Es ist ein bedrückender Anblick. Die Leute fahren an diesem schönen Sommertag auf Velos daran vorbei. Merkwürdig.»

Es ist ein Ort, wie sie auch im Buch «Schlafgänger» vorkommen:

zvg Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Flughafengefängnis in Kloten ist ein Ort des Geschehens aus dem Buch von Elmiger. Keystone

«Ich erinnere mich, sagte der Logistiker, an einen Anruf des Journalisten, der berichtete, es sei in seinen Augen rätselhaft, dass ich nach wie vor so seelenruhig zu Hause sitze, obwohl in meiner direkten Umgebung doch einige täglich alles riskierten, den Fall, den Sturz, die, wenn sie nur jene Linie, die Landesgrenze, die bei meinem Haus verläuft, auf dem falschen Weg überschritten, zu verschwinden drohten und sich wiederfänden in abgelegenen Bezirken, Enklaven.

Er selbst habe an diesem Tag vergeblich versucht, ein sogenanntes Empfangszentrum zu betreten, auch wenn diese Zentren und Zellen, die sensiblen Zonen, einfach zu finden seien und er sich ohne Weiteres dorthin begeben könne, zu Fuss oder mit dem Auto, erklärte er am Apparat, sei es ihm gleichzeitig unmöglich, diese Orte jemals tatsächlich zu betreten, denn sobald er sich darin befinde, verlören ihre Regeln in Bezug auf seine Person alle Gültigkeit.»

«  Literatur ist ein Ort, an dem es möglich ist, so etwas aufzuzeigen. »

Für ihr zweites Werk «Schlafgänger» erhielt Dorothee Elmiger dieses Jahr den Schweizer Literaturpreis. Kritiker loben vor allem, wie Elmiger in ihrem Buch Politik und Poesie verschmelzen lasse.

Zusatzinhalt überspringen

Angaben zum Buch:

«Schlafgänger», DuMont Verlag, Köln 2014

Immer wieder webt sie Schlagzeilen und Nachrichten aus der medialen Debatte in den Text, stellt sie in einen neuen Kontext.

Damit möchte sie die Leserinnen und Leser anregen darüber nachzudenken, wie über das Thema Grenzen und Migration gesprochen wird: «Ich habe die Debatte in den Medien stark mitverfolgt und verspürte dabei eine gewisse Unzufriedenheit, eine Ohnmacht. Weil ich finde, man sollte anders über diese Fragen sprechen. Und ich denke, Literatur ist ein Ort, an dem es möglich ist, so etwas aufzuzeigen.»

(Regionaljournal Sommerserie, 07:32 und 17:30 Uhr)