Bubenträume «Heimspiel» auf dem Tschuutiplatz

Sie sind ein bisschen krumm, die weissen Linien, die das Feld abstecken, auf dem ich beinahe meine ganze Kindheit verbrachte. Hier auf der Sportanlage Witikon am Zürcher Stadtrand werden sie noch von Hand gezogen. Vielleicht verlief meine Fussball-Karriere deshalb nicht so geradlinig. Oder wurde ich doch Opfer einer veralteten Nachwuchsförderung?

Begonnen habe ich auf jeden Fall früh. Bereits als Fünfjähriger gab ich meinen Einstand beim FC Neumünster. Danach zog ich fünfzehn Jahre lang das grüne Leibchen und die roten Hosen über. Und natürlich träumte ich wie viele Buben und Mädchen davon, eines schönen Tages in die grossen Stadien der Fussballwelt einzulaufen: Camp Nou, Anfield Road – oder zumindest ins Letzigrund.

Mit 13 Jahren versuchte ich mein Glück. Mein damals bester Freund nahm mich mit zu einem Probetraining beim Grasshopper Club. Zu dieser Zeit war GC das Mass aller Dinge, gewann Mitte der 90er-Jahren reihenweise Meistertitel. Und der Hardturm war noch ein Stadion und keine Brache voller Projektideen.

Nach gerademal neunzig Minuten war mein Traum Geschichte. Das deutliche Verdikt nach dem Training: Es reicht nicht. Nicht für GC und nicht zum Profi-Fussballer. Also blieb ich beim FC Neumünster und kam nie über die 3. Liga hinaus.

Mittlerweile hat sich vieles verändert, doch die Bubenträume in Witikon sind dieselben geblieben. «Es wäre schön, beim FC Bayern spielen zu können» höre ich bei meinem Besuch. Oder: «Das wäre das Schönste. Jeden Tag Fussball spielen und Geld damit verdienen.»

Rund 150 Junioren trainieren zurzeit beim FC Neumünster. Doch nur einer von tausend schafft in der Schweiz den Sprung in eine Profi-Mannschaft. Diese Quote ist seit Jahren unverändert. Obwohl der Fussballverband 2012 ein neues Konzept in der Nachwuchsförderung eingeführt hat.

«FooTeCo» heisst dieses Konzept und geht neue Wege in der Talentsichtung. Neu muss der Verein nicht mehr nach einem einzigen Probetraining entscheiden, ob ein Kind das Potenzial zum Profi hat. Sondern die Junioren bleiben bei ihrem Stammverein und trainieren einmal pro Woche bei einem der drei grossen regionalen Clubs, wie etwa auf dem GC-Campus in Niederhasli.

So sollen die Trainer besser einschätzen können, wer Talent mitbringt. Natürlich muss ein Spieler technische Fertigkeiten vorweisen. Doch im neuen Konzept wird stärker darauf geachtet, wie sich ein Spieler entwickelt: Wie rasch lernt er, wie geht er um mit Rückschlägen und wie viel Unterstützung erhält er aus seinem Umfeld?

Ein Jahr lang können die Buben bei GC, dem FCZ oder dem FC Winterthur mittrainieren, dann wird entschieden, ob es für sie weitergeht.

Bei meinem Besuch auf dem GC-Campus stand gerade die nächste Selektion an. GC-Chefscout Johannes Moos musste anschliessend gemeinsam mit den Nachwuchs-Trainern Johann Vogel und Boris Smiljanic entscheiden, wer von den 40 Junioren weiter gefördert wird. Und für wen der Weg – zumindest vorerst – zu Ende ist.

(SRF1, Regionaljournal 6.32/17.30 Uhr)