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Legende: Audio «Kleider machen Leute» gilt hier nicht: Zu Besuch bei den Naturisten in Auenstein AG. abspielen. Laufzeit 15:14 Minuten.
Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 04.08.2019.
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Nackt, na und? Naturisten schämen sich nicht für ihren Körper

Auf den ersten Blick ist der «Chläb» oberhalb von Auenstein im Kanton Aargau ein normaler Campingplatz: Wohnwagen, Schwimmbad, Beachvolleyballfeld, Tennisplatz, Bistro. Auf den zweiten Blick fällt auf: Wer hier campiert, hat nichts an.

Der «Chläb» ist ein Treffpunkt der Naturisten, und die sind gerne so, wie Gott sie schuf: nackt. Ob sie Pétanque spielen oder auf dem Liegestuhl ein Buch lesen: Naturisten machen es am liebsten ohne Stoff am Körper.

So fing es an

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So fing es an
Legende:Keystone

Die Naturisten-Bewegung entstand Ende des 19. Jahrhunderts aus der Naturheilbewegung und der Badekultur. Sie war eine Reaktion auf die Industrialisierung mit überfüllten Städten, schlechter Luft und ungesunder Lebensweise. Naturisten suchten das Natürliche. Ursprünglich verzichteten viele nicht nur auf Kleidung, sondern auch auf Alkohol, Zigaretten und Fleisch.

In der Schweiz gründete Eduard Fankhauser 1927 den Schweizer Lichtbund. Zwischen 1926 und 1944 kämpfte er in 12 Prozessen, teils bis vor Bundesgericht, erfolgreich für das Recht auf Nacktheit und Toleranz für die Naturistenbewegung. In der Folge entstanden mehrere Naturisten-Gelände, das bekannteste 1937 in Thielle am Neuenburgersee, wo 1939 die 1. Naturistischen «Olympischen Spiele», Link öffnet in einem neuen Fenster stattfanden.

Seit 1952 haben die Naturisten in Auenstein ihr eigenes Gelände, wo sie unter sich sein können. Wer nicht Mitglied ist, hat keinen Zugang zum «Chläb». Ein Zaun aus Betonelementen und Holzbrettern schützt die Nackten vor neugierigen Blicken und verhindert, dass sich Bekleidete gestört fühlen könnten.

Naturisten leben nackt, aber zeigen sich nicht nackt.
Autor: Toni MöckelPräsident Heliosport Aargau

In der Anfangszeit haben Spanner Gucklöcher in den Zaun gebohrt, doch das ist lange her. Heute sorgt der grösste Verein im Dorf nicht mehr für Gesprächsstoff.

Knapp 300 Mitglieder zählt der Naturistenverein Auenstein. Es sind Leute aus allen Altersklassen und Berufen. Wie zum Beispiel Hansruedi. Nach einer Operation mied er andere Leute, ging nicht mehr in die öffentliche Badi. Dann erinnerte er sich, dass die Naturisten sehr tolerant sind – so kam er auf den «Chläb».

Der Umgang miteinander ist ehrlicher, niemand kann etwas verstecken
Autor: HansruediNaturist

Nach der Operation habe er hier einen Ort gefunden, wo er so sein könne, wie er sei, sagt Hansruedi: «Man kennt einander, man trinkt zusammen einen Kaffee, sitzt zusammen und plaudert – für mich ist das wie eine grosse Familie».

Nicht mehr im Trend

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Nicht mehr im Trend
Legende:Keystone

Ihre Blützeit erlebten die Naturisten mit der 1968er-Bewegung mit rund 12‘000 Mitgliedern in der Schweiz. Heute ist Blüttlen nicht mehr im Trend. Die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache: Gab es im Jahre 2000 noch rund 7500 bekennende Naturisten in der Schweiz, sind es heute nur noch rund 6000. Sie sind in 12 Vereinen (davon 7 mit eigenem Gelände, Link öffnet in einem neuen Fenster) organisiert.

Die Naturisten von Auenstein zählen zwar jüngst wieder etwas mehr Mitglieder, aber auch ihr Campingplatz ist weniger bevölkert als früher: 2001 hatte der Aargauer Verein noch 426 Mitglieder, 2018 nur noch 280. Das Durchschnittsalter beträgt 65.

Den Naturisten ist wichtig, nicht mit Nudisten oder FKK-Anhängern in den gleichen Topf geworfen zu werden. Naturisten wollen ihre Nacktheit anderen Menschen nicht aufdrängen, ihren Körper nicht zur Schau stellen, kein Ärgernis erregen. So ist etwa Nacktwandern in der Öffentlichkeit gar nicht ihr Ding.

Wer über den Campingplatz geht, sieht schwabblige Bäuche, Hängebrüste und schrumplige Haut. Für seinen Körper scheint sich hier niemand zu schämen. «Das Wichtigste im Naturismus ist, sich selber so zu akzeptieren, wie man ist», sagt Vereinspräsident Toni Möckel: «Wenn man an sich selber Kurven und Rundungen hat, die einem nicht gefallen, ist es auch schwierig, das gegenüber anderen zu akzeptieren».

Naturisten akzeptieren sich so, wie sie halt sind, begegnen sich mit Respekt. «Kleider machen Leute», sagt das Sprichwort. Auf dem «Chläb» ob Auenstein gilt das definitiv nicht.

Zusammenleben in der Schweiz

Von A wie Alpleben bis Z wie Zwischennutzung: In einer Serie stellen wir in diesem Sommer weitere Lebensgemeinschaften in den verschiedenen Regionen der Schweiz vor.

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