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Wasserkraft-Experte Müller: «Der Standort bei der Teufelsbrücke war optimal»
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 17.07.2020.
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Wasserkraft und Energiewende «In anderen Ländern werden nach wie vor bewohnte Täler geflutet»

Das gescheiterte Kraftwerk Urserntal sucht mit seinen Dimensionen noch heute seinesgleichen. Der Stausee hätte dazumal ein Drittel des Schweizer Energieverbrauchs gedeckt. Geplant war er, weil die Schweiz in den 1940er-Jahren in ihrer Energieproduktion unabhängiger werden wollte.

Heute stehen wir vor einem ähnlichen Problem. Die Schweiz hat den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen und will diese durch alternative Energie ersetzen. Ist es also möglich, dass solche grossen Stausee-Projekte wieder denkbar werden? Und war das Kraftwerk Urserntal überhaupt je eine gute Idee? Der Wasserkraft-Experte Dieter Müller gibt Antworten.

Dieter Müller

Dieter Müller

Wasserkraft-Experte

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Dieter Müller ist Dozent für Wasserbau an der Hochschule Luzern. Er hat an der ETH Zürich zum Thema Wasserkraft promoviert.

SRF News: Sie haben sich die Unterlagen des Stausee-Projekts Urserntal angeschaut. Was war Ihr Eindruck?

Es war ein sehr gewagtes Projekt und doch vergleichbar mit anderen Stauseen, die damals in der Schweiz angedacht waren. Ich denke da ans Kraftwerk Grande Dixence, das in etwa eine gleich grosse Leistung hat und tatsächlich gebaut wurde. Die Projekte lassen sich vergleichen – mit einem grossen Unterschied: Beim Stausee Ursern wäre das Speichervolumen rund dreimal grösser, es hätte also viel mehr Wasser aus anderen Tälern zugeleitet werden müssen.

Stausee Grande Dixence
Legende: Die Staumauer Grande Dixence in der Nähe von Sion ist mit 285 Metern das höchste Bauwerk der Schweiz und die höchste Gewichtsmauer der Welt. Keystone

Man hätte noch Wasser aus dem Wallis, aus Graubünden und weiteren Seitentälern zuführen müssen. Dadurch hätten diese anderen Täler ihre Wasserkraft nicht mehr nutzen können. Mittlerweile gibt es in vielen dieser Täler eigene Wasserkraftwerke. Das wäre jedoch nicht möglich gewesen, wenn das Kraftwerk Urserntal zustande gekommen wäre.

Was können Sie zum Standort der Staumauer sagen?

Aus reiner Ingenieurssicht ist der Standort natürlich optimal. Mit relativ kleinem Aufwand hätte man sehr viel Energie generieren können. Die Ingenieure rechneten mit einer jährlichen Energieproduktion von rund 2800 Gigawattstunden, das entspricht in etwa einem Kernkraftwerk Mühleberg. Der Stausee könnte also rund 13 Prozent der heutigen Kernenergie decken.

Staumauer-Modell
Legende: Die Staumauer wäre in der Schöllenenschlucht ob der Teufelsbrücke gebaut worden. Laut Experten ein optimaler Standort. Modell der CKW. Archiv CKW

Genau das ist das Ziel. Wir stehen heute wieder vor einer Energiewende, die Schweizerinnen und Schweizer haben den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen. Nun braucht es mehr erneuerbare Energie. Werden solche Grossprojekte hierzulande wieder möglich?

Mit den heutigen Gesetzen zum Landschafts- und Naturschutz wohl kaum. Hinzu kommt die Finanzierung: Man rechnete dazumal mit Kosten von rund 1.1 Milliarden Schweizer Franken, das wären heute etwa 8.3 Milliarden Franken.

Es wird sicher noch der eine oder andere Stausee gebaut, doch niemals in diesem Ausmass.

Es ist sehr schwierig, Investoren zu finden, die solch hohe Summen für die Wasserkraft zur Verfügung stellen. Das zeigen die beiden neuen Kraftwerke Linth-Limmern und Nant de Drance. Sie kosteten je etwa zwei Milliarden und bereits da war die Finanzierung nicht einfach.

Welche Rolle spielt die Wasserkraft dann noch für die Energiewende?

Das Potenzial der Wasserkraft ist in der Schweiz beinahe erschöpft. Eine Erhebung des Bundes hat ergeben, dass durch Um- und Neubauten von Wasserkraftwerken nur etwa ein Viertel der Kernenergie ersetzt werden kann. Es wird also sicher der eine oder andere Stausee gebaut, doch niemals in diesem Ausmass. Die aktuell geplanten Werke erreichen etwa 20 bis 30 Prozent der Leistung eines Kraftwerks Urserntal.

Bild Staudamm Drei-Schluchten-Talsperre
Legende: Für die Drei-Schluchten-Talsperre in China mussten gegen zwei Millionen Menschen zwangsumsiedeln. Das Wasserkraftwerk ist das grösste der Erde, es wurde 2012 fertiggestellt. Keystone

Sie sagen also, dass ganze bewohnte Täler geflutet werden, ist heute nicht mehr möglich?

In der Schweiz und wahrscheinlich auch in Europa ist das sehr unwahrscheinlich. In anderen Ländern der Welt, wo die Energieproduktion absolute Priorität hat, passiert es bis heute.

Das Gespräch führte Lars Gotsch.

Grosse Ideen – grandios gescheitert

Bauprojekte, politische Ideen oder gesellschaftliche Veränderungen: Eine Serie erzählt die Geschichten unglaublicher Projekte aus der Schweiz.

Regionaljournal Zentralschweiz, 23. Juli 2020, 17:30 Uhr;

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Patrice Gfeller  (Lex_zh)
    Sehr geehre Redaktion,

    Der Artikel beinhaltet einen einen Fehler: die Leistung wird nicht in (Giga)wattstunden (GWh) sondern in (Giga)watt angegeben; es is nämlich die elektrische Energie (Strommenge), die in Wattstunden (Wh) angegeben werden. Als Bsp: bei einer Leistung von 1 GW wird während 2'800h eine Energiemenge von 2'800 GWh produziert (resultiert aus Multiplikation der Leistung mit der Zeit). Ich nehme an, dass man die jährlich produzierte Energiemenge addressieren wollte.
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Patrice Gfeller Wir haben Ihren Einwand an den zuständigen Redaktor weitergeleitet, der die Aussage des Fachmanns nochmals prüft. Das kann aber einige Zeit in Anspruch nehmen.
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  • Kommentar von Michael Arnold  (Lyonel)
    Ja in welchen anderen Ländern werden denn bewohnte Teller geflutet mir fallen da jetzt so auf der Schnelle Nordkorea China Russland ein da wo halt Diktatoren das Sagen haben. Gut dass es hier noch nicht soweit ist.
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  • Kommentar von Noah Schmid  (Schmid)
    Die Schweiz kann mit der Gebäudeoberfläche gemäss BFE 67'000 GWh produzieren. Das ist mehr Strom als die Schweiz heute verbraucht. Die Wasserkraftwerke decken bereits 60% des Schweizer Strombedarfes und können 2 Monate lang problemlos über 100% des Bedarfs decken (die Turbinen der Speicherkraftwerke haben hohe Leistungsreserven). Es gibt keine Nächte und Windflauten die gleichzeitig 2 Monate lang andauern. Nur AKW fallen teilweise 6 Monate und länger aus.
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