Von grossartig bis abscheulich: Rossini am Zürcher Opernhaus

«Il viaggio a Reims» ist Gioachino Rossinis letzte und sicher handlungsärmste Oper. Christoph Marthaler ist der bekannteste und sicher umstrittenste Zürcher Regisseur. Im Opernhaus treffen sie aufeinander. Wie zu erwarten, waren Marthaler-Fans begeistert, die Gegner buhten.

Vier Schauspieler im Kanzlerbungalow Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rossini im Kanzlerbungalow: Il Viaggio a Reims Monika Rittershaus

Am Anfang werden Eier geköpft. Der Chor steht schön aufgereiht im Kanzlerbungalow und klopft, schön rhythmisch, auf offensichtlich sehr harte Eier. Ein typischer Marthaler-Gag.

Der Gag hat wenig zu tun mit Rossini, aber er sagt schon sehr viel darüber aus, was in den folgenden drei Stunden geschehen wird. Christoph Marthaler hat nicht nur seine Lieblingsbühnenbildnerin Anna Viebrock zurück nach Zürich gebracht, sondern auch ein paar seiner Lieblingsschauspieler. Da werden viele Erinnerungen an die Ära Marthaler am Zürcher Schauspielhaus wieder wach. Und auch die Reaktionen im Publikum sind immer noch die gleichen – die einen lieben die skurrile «Marthaler Familie», die anderen hassen sie.

Rossini im Kanzlerbungalow

In Gioachino Rossinis letzter Oper «Il viaggio a Reims» passiert eigentlich nichts. Alle warten. Auf Pferde, die nie kommen. Ein gutes Dutzend wohlbetuchter Damen und Herren möchte gerne zur Krönungsfeier reisen. Aber eben. Es gibt keine Pferde und so stecken sie fest. Anna Viebrock hat für die illustre Gesellschaft nicht ein Hotel gebaut, sondern den Kanzlerbungalow kopiert, das ehemalige Wohn- und Empfangsgebäude des deutschen Bundeskanzlers in Bonn. Und hier zelebrieren sie nun ihre Neurosen und Eitelkeiten. Das ist musikalisch von Rossini grossartig vertont und vom Sängerensemble nicht weniger grossartig interpretiert.

(hugk; Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 12:03 Uhr)