Vielseitiger Wandel in Zürich-West

Das ehemalige Industriequartier im Kreis 5 hat sich zum hippen und schicken Trendquartier gemausert. Christoph Gysi hat den Wandel miterlebt und mitbestimmt. Der Unternehmer und Präsident der Vereinigung «Kulturmeile Zürich-West» warnt jedoch vor einer zu starken Bereinigung des Quartiers.

Früher dominierten die grossen Namen der Schweizer Industrie den Westen Zürichs. Der heutige Kreis 5 war im 19. Jahrhundert ein so gut wie unbesiedelter Teil der Gemeinde Aussersihl, der 1875 von der Stadt zum «Industriequartier» erkoren wurde. Firmen wie Schoeller, Escher-Wyss, Maag und Steinfels folgten dem Ruf der Stadt und verlegten ihre Standorte an die Limmat, welche als Energie und Wasserquelle diente. Diese Lage war mit der Nähe zum Hauptbahnhof und dem flachen Gelände als Produktionsstätte und Bauland für Fabriken ideal – und das neu angelegte Industriegleis entlang der Hardstrasse und dem Sihlquai sorgte für eine gute Erschliessung. Das Quartier entwickelte sich zum klassischen Industriegebiet, geprägt von Fabrikbauten und Arbeitersiedlungen. Zu Beginn noch von der Textilindustrie dominiert, errichteten Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Maschinenindustriebetriebe ihre Fabriken auf diesem Gebiet. Anfang der 1960er Jahre zeichnete sich bereits der erste Wandel ab, als es vermehrt Dienstleister und Grossverteiler in den Westen der Limmatstadt zog.

Von Anfang an mit dabei

Die wachsende Stadt drückte immer stärker in das Industriequartier und das steigende Bedürfnis nach neuen Wohn- und Büroflächen trieb die Bodenpreise in die Höhe. Zusätzlich brach die Produktion Branchenübergreifend ein. Einige Betriebe zog es weiter abwärts ins Limmattal oder ins Glattal, viele verliessen jedoch den Standort Zürich. Zurück blieben viel Raum und leerstehende Produktionshallen. Mit der Abwanderung der Industrie begann aber auch der Wandel des Quartiers. Es entstehen alternative Lokale, Ateliers und es werden erste Pläne für Neubauten und Umnutzungen geschmiedet.

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Die Entwicklung von Zürich-West

5:52 min, vom 14.6.2013

Den Wandel vom Industrie- zum Trendquartier hat kaum jemand so nah miterlebt wie Christoph Gysi. Der Agraringenieur betreibt schon seit langem einen Gastronomiebetrieb gleich neben der Hardbrücke. Inspiriert vom Pariser Vorbild ist das «Les Halles» Bistro, Bar, Markthalle und Velobörse in einem. «Ich bin schon in den 80er Jahren in diesem Quartier verkehrt», beginnt Gysi zu erzählen. «Seither hat sich hier viel verändert.» An dieser Veränderung war auch er massgeblich beteiligt. Gysi präsidiert die 2002 gegründete Vereinigung «Kulturmeile Zürich West». Hat die Vereinigung heute mehrheitlich eine PR-Funktion, kümmerte sie sich vor elf Jahren noch um Sofortmassnahmen zur Aufwertung des Quartiers. «Damals gab es nicht einmal eine richtige Beleuchtung unter der Hardbrücke, wodurch das Gebiet nachts gemieden wurde. Hinzu kamen Probleme mit Littering und Vandalismus, für deren Lösung wir uns einsetzten».

Entwicklung braucht Feingefühl

Die Faszination für das Quartier entstand bei Gysi vor allem wegen seinem Studium zum Agraringenieur an der ETH. «Nebst der Industrie war der Kreis 5 auch immer das Lebensmittelzentrum der Schweiz. Viele Grossisten, wie Coop und die Toni Molkerei hatten hier ihre Verteilzentren. Die Migros Herdern ist auch ein Zeuge aus dieser Zeit.» Die Veränderungen in Zürich-West habe er immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt. «Einerseits ist da diese unglaubliche Bewegung und Dynamik, andererseits hat es für gewisse Dinge auch keinen Platz mehr.»

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Christoph Gysi über «sein» Zürich-West

5:10 min, vom 15.6.2013

Generell plädiert Gysi für eine Entwicklung mit Feingefühl in Zürich-West. «Wir sind bemüht, dass die Bereinigung des Quartiers nicht  zu schnell voranschreitet. Denn sonst geht sein Charme verloren.» Es sei wichtig, dass bei der weiteren Entwicklung nicht nur Geld und Profit im Vordergrund stünde, sondern «das Gefühl des Quartiers.» Als nächstes wünscht sich Gysi eine verstärkte Erdgeschossnutzung der umliegenden Gebäude. «Für mich ist das der Inbegriff von Urbanität», erklärt Gysi. «Die Erdgeschosse brauchen vorzugsweise eine dichte gewerbliche Nutzung mit Shops und Gastronomie, die dem Quartier Leben einhauchen.»

Die Voraussetzungen für den weiteren Erfolg des Quartieres sind laut Gysi gegeben. «Die Hardware der Überbauungen ist vorhanden, doch diese alleine reicht nicht, es braucht auch die richtige Software – und die ist das Lebensgefühl, hervorgerufen durch die Besucher unserer Kultur- und Erdgeschossnutzungen.»