Vom Stiefkind zum Lieblingskind: Die Familienpolitik

Die Familie kann sich wahrlich nicht über zu wenig Aufmerksamkeit in der Politik beklagen. Aktuell dreht sich bei der CVP-«Familien-Initiative» alles um das Thema. Doch nicht überall, wo in der Politik «Familie» drauf steht, ist auch Familie drin.

Symbolbild: Unscharfes Foto; zwei Kinder sitzen am Boden, daneben steht ein Mann in Shorts, der aber nur bis zur Brusthöhe erkennbar ist. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit Familien wird seit 40 Jahren Politik gemacht. Keystone

Die kleinste Zelle der Gemeinschaft – die Familie – ist für alle Parteien wichtig: «Dank der Familienpolitik der SP gibt es heute faire Kinderzulagen», schreiben die Sozialdemokraten. Die SVP betont: «Die Familie bildet nach wie vor die Grundlage unserer Gemeinschaft. Eltern und Kinder verdienen den besonderen Schutz der Gemeinschaft.» Bei der FDP tönt es so: «Wir machen Familie, Beruf und das Engagement für die Gemeinschaft vereinbar.» Und die CVP nennt sich schlicht: «Die Familienpartei».

Politik dreht sich um ökonomische Fragen

Für den Soziologen Kurt Lüscher – er hat sich praktisch sein Leben lang mit dem Thema beschäftigt – betreiben die erwähnten Parteien tatsächlich alle auch Familienpolitik. Allerdings geschehe dies heutzutage verkürzt, weil nämlich vor allem ökonomische Fragen der Familie im Zentrum der Bemühungen stünden. Dagegen sei das Interesse aller Parteien an der Familie bis in die 1970er-Jahre klein gewesen. Die Familie habe bis dahin als «selbstverständlich» gegolten, es dominierten sogenannte traditionelle Familienformen.

Das habe sich erst geändert, als die Frauen vermehrt ausser Haus zu arbeiten anfingen und so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Thema wurde, so Lüscher. Heute ist das denn auch das eigentliche Thema in der Parteien-Familienpolitik: Wie kann man als Eltern weiterhin ausser Haus arbeiten und trotzdem Kinder haben? Wer betreut die Kinder? Und vor allem: Wer zahlt welchen Teil dieser Betreuung?

Familien schaffen Humanvermögen

Soziologe Lüscher ist diese wirtschaftliche Sicht auf die Familien zu kurzsichtig. Er braucht darum gerne den Begriff des Humanvermögens. Familien würden Humanvermögen schaffen, indem Kinder aufgezogen werden und diese Kinder dann ihrerseits als Erwachsene zu ihren betagten Eltern schauen.

Diese Sicht auf die Familie als schaffende Kraft innerhalb der Gesellschaft sei bei den Parteien noch zu wenig angekommen. Der politische Diskurs beschränke sich immer noch zu stark auf die Frage, was Familien den Staat und die Gesellschaft kosten – ja kosten dürfen.

Interessenpolitik unter Familien-Deckmantel

Generell hegt Lüscher ein gewisses Misstrauen diesem politischen Diskurs gegenüber. Die Familienpolitik werde gebraucht, um ganz andere politische Anliegen durchzubringen. So stehen für die bürgerlichen Parteien Steuerminderungen im Vordergrund, für die Linksparteien die Selbstverwirklichung des Einzelnen sowie der Arbeitnehmerschutz. Lüscher stellt fest: «Ob sie immer Politik für oder mit Familien betreiben wollen, ist eine ganz andere Frage.»

Oft viel treibender in Sachen Familienpolitik seien die vielen Verbände, Frauen-Organisationen oder sozialen Institutionen, auch wenn sich diese oft ausserhalb des öffentlichen Interesses und des Scheinwerferlichts bewegten. Sie seien nicht selten viel näher an den echten Problemen der Familien, als die politischen Parteien, die derzeit um die Gunst der Familien werben.