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Neues Geldspielgesetz Ausländische Casinogiganten profitieren auch bei einem Ja

Das Wichtigste in Kürze

  • Am 10. Juni entscheidet das Stimmvolk über das Geldspielgesetz.
  • Die Gegner sehen in der Vorlage den Versuch der Schweizer Casinoindustrie, die ausländische Online-Konkurrenz auszusperren.
  • Hinter einem grossen Teil der Schweizer Casinobranche stehen jedoch ausländische Glücksspielgiganten. Weil diese oft auch als Entwickler für Online-Geldspiele tätig sind, profitieren sie wahrscheinlich doppelt von einem Ja zum Gesetz.

Für die Casinobranche steht am 10. Juni einiges auf dem Spiel: Sagt das Stimmvolk Ja zum neuen Geldspielgesetz, dürfen Schweizer Casinos ihre Glücksspiele erstmals auch online anbieten. Gleichzeitig werden ausländische Anbieter von Online-Geldspielen mit Zugangssperren vom Schweizer Markt ferngehalten.

Dementsprechend deutlich positionieren sich einheimische und ausländische Anbieter: Auf der einen Seite sind die hiesigen Casinobetreiber, die seit Jahren für ein Gesetz weibeln, das die ausländische Konkurrenz ausbremst. Auf der anderen Seite die ausländischen Online-Casinos, die um ihre Schweizer Kundschaft fürchten: Gleich mehrere Anbieter aus dem Ausland halfen finanziell mit, genügend Unterschriften für das Referendum zu sammeln. Sie hoffen, das neue Gesetz per Volksabstimmung noch zu verhindern.

Fast die Hälfte der Casinos ist in ausländischer Hand

Bei genauer Betrachtung zeigt sich aber: Nicht nur die Gegner des Gesetzes stammen aus der ausländischen Glücksspiel-Industrie. Auch hinter einem grossen Teil der einheimischen Casinos stehen ausländische Interessen: Neun der 21 konzessionierten Schweizer Casinos sind mehrheitlich in ausländischem Besitz.

Insgesamt sind ausländische Unternehmen und Investoren mit mindestens 40 Prozent an den Schweizer Casinos beteiligt. Gewichtet nach dem Jahresgewinn machen die ausländischen Beteiligungen sogar über 60 Prozent aus, wie eine Recherche von SRF Data zeigt. So ist zum Beispiel das Genfer Casino, das zu den gewinnbringendsten der Schweiz gehört, zu 100 Prozent in ausländischem Besitz.

Vier grosse ausländische Player

Neben der Schweizer Gruppe Swiss Casinos, die hierzulande vier Casinos besitzt, mischen im hiesigen Markt auch zwei österreichische und zwei französische Casinogiganten kräftig mit: Die österreichischen Novomatic und Casinos Austria sind an je drei Casinos beteiligt. Auch die französische Hotel- und Casinokette Barrière hat Mehrheitsanteile an drei Westschweizer Casinos. Darunter befindet sich mit dem Casino Montreux das ertragreichste der Schweiz. Zudem besitzt die Familie des marokkanisch-französischen Glücksspiel-Magnaten Isidore Partouche Mehrheitsanteile zwei Westschweizer Casinos.

Für Roger Fasnacht, Swisslos-Direktor und Leiter der Befürworterkampagne, haben diese Besitzverhältnisse einen einfachen Grund: «Als die Casinos um die Jahrtausendwende bei uns entstanden, ging es darum, Know-How aus dem benachbarten Ausland zu transferieren.»

Die Verordnung ist eine Blackbox

Wird das Geldspielgesetz am 10. Juni angenommen, dürften einige Schweizer Casinos auch vom digitalen Know-How ihrer ausländischen Besitzer profitieren. Grund: Mindestens drei der vier grossen ausländischen Player sind gleichzeitig an Herstellern von Online-Geldspielen beteiligt.

So besitzt Novomatic mit Greentube ein Unternehmen, das in Europa zu den grössten Entwicklern von solchen Spielen gehört. Barrière wiederum ist Haupteigner von Nolaroads, einem Unternehmen, welches auf die Herstellung von Glücksspiel-Apps spezialisiert ist. Und Casinos Austria betreibt zusammen mit den Österreichischen Lotterien die Geldspiel-Plattform «Win2day».

Für inländische Casinos gilt heute: Ist ein Spielautomaten-Hersteller mit mehr als 20 Prozent an einem Casino beteiligt, darf er dort keine eigenen Automaten aufstellen. Ob es bei Online-Geldspielen ebenfalls eine entsprechende Regelung geben wird, zeigt sich erst, wenn sich der Bundesrat auf die Verordnungen einigt, die es zur Umsetzung des neuen Geldspielgesetzes braucht.

Falls nicht, profitieren die grossen ausländischen Casinobesitzer in der Schweiz womöglich gleich doppelt vom neuen Gesetz: Einerseits sind sie gegenüber den Schweizer Casinobesitzern im Vorteil, weil sie bereits über die nötige Infrastruktur für solche Online-Plattformen verfügen. Andererseits haben sie exklusiven Zugang zum Schweizer Markt für Online-Spiele, da andere ausländische Online-Anbieter mit den erwähnten Zugangssperren ausgeschaltet werden.

Marktfeindliche Konzessionsregel?

Jene ausländische Anbieter, die nicht an Schweizer Casinos beteiligt sind, können sich mit dem neuen Gesetz gar nicht erst um eine Online-Konzession bewerben. Das stört die Gegner: «Obwohl die Schweiz eigentlich keine Kartelle mehr kennt, wird mit dem neuen Gesetz ohne Not ein solches geschaffen», meint Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen und Mitglied des Referendumskomitees.

Swisslos-Direktor Roger Fasnacht sieht das anders, denn für ausländische Firmen bestehe auch die Möglichkeit einer Zusammenarbeit: «Ausländische Anbieter können nach einem Ja zum Geldspielgesetz mit einem der bestehenden 21 Schweizer Casinos eine Kooperation eingehen und so auf legale Weise am Schweizer Markt teilhaben.»

Ausländische Entwickler springen in die Lücke

In der Tat dürften auch die Casinos, die in Schweizer Hand sind, ihre Online-Spiele kaum selbst entwickeln, sondern kostengünstig aus dem Ausland leasen oder über Lizenzverträge mieten. Zu diesem Schluss kam 2017 eine vom Bund beauftragte Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster von PricewaterhouseCoopers.

In der Praxis zeigt sich dies bereits bei jenen Casinos, die schon mit dem Aufbau ihres Online-Angebots begonnen haben. So kooperiert beispielsweise das Casino Baden für seine Online-Plattform mit dem belgischen Spieleentwickler Gaming1. Die Swiss-Casinos-Gruppe holte sich ihrerseits das russische Unternehmen Connective Games ins Boot.

Egal, ob das Gesetz am 10. Juni nun angenommen oder abgelehnt wird: Zu den Gewinnern gehören immer auch grosse ausländische Casinounternehmen. Bei einem Nein sind es die ausländischen Online-Plattformen, die ihr Angebot weiterhin in der Schweiz anbieten können, ohne Abgaben zahlen zu müssen. Bei einem Ja sind es jene Casinogiganten, die über ihre Beteiligungen an Schweizer Casinos schnell im Schweizer Online-Markt Fuss fassen dürften.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Yasha Bostic (Stoppt-Trolle!)
    Ich bedauere, dass wir nicht das dänische Model übernommen haben, indem alle Online-Casino-Betreiber eine Lizenz zu erwerben haben. So käme die Schweiz zu ihrem Anteil, der Markt spielt und wir kämen ohne lähmenden Protektionismus aus. So oder so - Sperren im Internet sind ein NoGo. Deshalb ganz klar NEIN.
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  • Kommentar von Daniel Bucher (DE)
    Die Kampagne der Befürworter des Geldspielgesetzes hat mir die Augen geöffnet. Wer dermassen die Unwahrheit schreibt, hat Unrecht. Es stimmt nicht, dass bei einer Ablehnung des Gesetzes Zoos etc. geschlossen werden. Bei einem nein, gilt das gleiche Recht wie heute. Aber es fallen sofort weg die Steuern auf den Lottogewinnen, da dieses neu biz zu einer Million steuerfrei sind. Damit fehlen sofort 67 Mio Franken. Dafür erreicht die Casinobranche ihr Ziel: das Monopol für Geldspiele in der CH.
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    1. Antwort von Yasha Bostic (Stoppt-Trolle!)
      Da haben Sie recht. Ich habe Werbung von den Befürwortern gesehen, bei der man Meinung sein könnte, dass bei einer Ablehnung Spielplätze geschlossen werden. Solche implizit fehlleitende Politwerbung geht gar nicht.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Hinter einem grossen Teil der Schweizer Casinobranche stehen jedoch ausländische Glücksspielgiganten. Weil diese oft auch als Entwickler für Online-Geldspiele tätig sind, profitieren sie wahrscheinlich doppelt von einem Ja zum Gesetz. Da frage ich mich, wenn ausländische Online-Anbieter mit den Zugangssperren trotzdem viel Geld einkassieren? Was soll das Verbot? Einen Schuss nach hinten für S. Sommaruga.
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