«Was wir brauchen, ist die Kontingentierung von Boden»

Die Schweizer Bevölkerung hat zunehmend Mühe damit, dass die Landschaft immer stärker verbaut wird. Das hat sich am Abstimmungssonntag gezeigt. Doch Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz kann sich nicht über das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative freuen.

Die neuen Wohnblöcke spiegeln sich im künstlich angelegten Glattparksee. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Verdichtete Überbauung: Der Glattpark in Zürich-Nord. Keystone

«Ich finde den Ansatz völlig falsch, bei den Menschen zu kontingentieren. Was wir in der Schweiz brauchen ist die Kontingentierung von Boden, Energieverbrauch und anderen Umweltressourcen.» Raimund Rodewalds Reaktion auf die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative ist deutlich. Der Chef der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) wirft der SVP «Etikettenschwindel» vor. Denn die Volkspartei biete gerade in den erwähnten Bereichen überhaupt keine Lösungen an.

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Raimund Rodewald

Raimund Rodewald

Rodewald ist studierter Biologe und Ehrendoktor der Jurisprudenz, verliehen durch die Uni Basel. Seit 1992 leitet der 54-Jährige die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Daneben lehrt er u.a. an den ETH Zürich und Lausanne sowie an der Uni Basel, etwa im Bereich Landschaftsästhetik.

Verdichtetes Bauen als Lösung

In der Vergangenheit sei man in der Schweiz sehr grosszügig mit Bauland-Einzonungen umgegangen. Das Ergebnis: Derzeit gibt es Bauzonen-Reserven für 2 bis 2,5 Millionen Menschen. «Das will niemand in dieser Art», ist Rodewald überzeugt. Deshalb versuche die SL seit längerem mittels Raumplanung die Landschaft in der Schweiz zu erhalten «und nicht mit einer Art Mensch-Kontingentierung».

Wie aber sollen seiner Meinung nach die Landschaftsressourcen geschont werden, während die Bevölkerung weiter zunimmt? «Wir wollen allfälliges Bevölkerungswachstum in der Zukunft ganz klar mit einer Siedlungs-Verdichtung nach innen verbinden.» Die Schweiz müsse «so oder so» einen Pfad der Verdichtung einschlagen, um das knapp gewordene Land zu erhalten.

Rodewald hinterfragt dabei die Strategie des unbegrenzten Wachstums. «Wir wollen mittels Angebot begrenzen, wie viel Wirtschaftsaktivität in der Schweiz geleistet werden kann», sagt er. Das Ressourcenangebot sei dabei entscheidend. «Es kann nicht mehr angehen, dass wir in der Zukunft derart viel Land verbauen.» Die Zersiedelung müsse gestoppt werden.

Bevölkerung ist sensibilisiert

Die Bevölkerung sei bereit dazu, durch die Raumplanung auch gewisse Einschränkungen hinzunehmen, ist Rodewald überzeugt. «Die Sensibilität hat enorm zugenommen.» Mit einer «vernünftigen Wachstumsentwicklung» bleibe die Landschaft in der Schweiz erhalten, es brauche dazu aber eine Begrenzung des Siedlungsgebiets. «Die Bevölkerung ist bereit dazu, eine restriktive und gute Raumplanung umzusetzen.»

«  In der Vergangenheit zählte einzig Wachstum »

In der Vergangenheit habe einzig das Wachstum gezählt – auch angetrieben von der Steuerkonkurrenz unter den Kantonen, welche möglichst viele und gut verdienende Menschen anlocken wollten. «Ich glaube, diese Mentalität muss vorbei sein», ist Rodewald der Ansicht. Man könne nicht Steuerwettkämpfe mit dem Ausland führen, um noch mehr Arbeitsplätze anzuziehen und sich am Schluss wundern, dass auch Familien nachziehen.

Rodewald geht davon aus, dass nach Annahme der SVP-Initiative das Wirtschaftswachstum etwas zurückgehen wird. In der Folge werde wohl auch weniger Reichtum angehäuft, was positive Auswirkungen auf den Ressourcenverbrauch haben werde. Das sei zwar eine wünschbare Situation, sagt der Geschäftsführer des Landschaftsschutzes Schweiz. Gleichzeitig muss er zugeben, dass es etwas zynisch sei, dies nun an die SVP-Initiative zu knüpfen.