Weshalb nach Liechtenstein nicht «masseneingewandert» wird

In Liechtenstein sind viele Erwerbstätige Ausländer, aber nur die Hälfte von ihnen wohnt auch dort. Das Fürstentum hat längst für sich eine Antwort auf die Migrations-Frage gefunden. Gerade das Schweizer Ja gegen «Masseneinwanderung» könnte das Modell aber nun gefährden.

Parlamentsgebäude in Vaduz, Liechtenstein. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 56 erwerbstätige und 16 nicht-erwerbstätige EU-Bürger können pro Jahr nach Liechtenstein ziehen – höchstens. SRF

Bei Nacht ist im Fürstentum Liechtenstein jeder Dritte Ausländer. Wenn es Tag wird, ist es mehr als jeder Zweite. 19‘000 Personen pendeln Morgen für Morgen aus dem Ausland an ihren Arbeitsplatz nach Liechtenstein. Mehr als die Hälfte von ihnen wohnen in der Schweiz, fast ebenso viele in Österreich. Wie schafft es Liechtenstein – das rund 37‘000 Einwohner zählt – seinen Ausländeranteil so tief zu halten und gleichzeitig von ausländischen Arbeitskräften zu profitieren?

Als das kleine Land 1995 dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beitrat, handelte es ein Sonderrecht aus: die Deckelung der Aufenthaltsgenehmigungen. Seither sind nicht mehr als ein Drittel der Bewohner Liechtensteins Ausländer.

Dass sowohl in Österreich als auch in der Schweiz die Personenfreizügigkeit gilt, war stets zum Vorteil dieser Lösung. Das bestätigt Thomas Zwiefelhofer, stellvertretender Regierungschef Liechtensteins: «Wenn die Wirtschaft bestimmte Fachkräfte bei uns nicht ansiedeln konnte, weil die Quoten vielleicht schon voll waren, haben diese sich in der näheren Region angesiedelt.» Er sieht darin einen Gewinn für beide Seiten: Denn die angrenzenden Regionen profitierten von den Steuern, die diese Arbeitnehmer zahlten.

Volksentscheid beeinflusst Fürstentum

Zwiefelhofer formuliert bewusst in der Vergangenheit, denn nachdem das Schweizer Stimmvolk gegen die «Masseneinwanderung» gestimmt hat, sind die Tage der Personen-Freizügigkeit gezählt. «Ich bin schon etwas beunruhigt, dass die Flexibilität, die wir bis jetzt hatten, nun beeinträchtigt würde», sagt er im Interview mit «ECO». Für die liechtensteinische Wirtschaft sei dies nicht erfreulich.

Thomas Zwiefelhofer zur Sonderregelung Liechtensteins

2:28 min, vom 10.2.2014

Wie unerfreulich, hängt davon ab, wie die Verhandlungen zwischen der Schweiz und Brüssel verlaufen werden. Zweifelhofer meint: «Es wird von Schweizer Seite grosses Verhandlungsgeschick gefragt sein, um die Europäer zu überzeugen, dass die Einschränkung keinen grundsätzlichen Verstoss gegen die Freizügigkeit darstellt.»

Dennoch: Auch wenn es Liechtenstein geschafft hat, in den Verträgen mit der EU Kontingente auszuhandeln, glaubt Thomas Zwiefelhofer nicht, dass sich dies auf die Schweiz übertragen liesse. Es sei dem Fürstentum nur aufgrund seiner Kleinräumigkeit gelungen. Die Schweiz sei aus dieser Perspektive sehr gross.

Liechtenstein: Arbeitnehmer sind nicht gleich Bewohner

Beschäftigte insgesamt36'000
tägliche Zupendler19'000
davon aus der Schweiz9700
davon aus Österreich8300
davon aus Deutschland600

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wie Liechtenstein «Masseneinwanderung» verhindert

    Aus ECO vom 10.2.2014

    In Liechtenstein sind zwei Drittel der Erwerbstätigen Ausländer. Der Anteil Ausländer an der Wohnbevölkerung hingegen liegt viel tiefer: bei einem Drittel. Während die Frage der Zuwanderung in der Schweiz die Gemüter erhitzt, hat Liechtenstein für sich bereits eine Antwort gefunden. Die Folge: Rund 19‘000 Arbeitnehmer leben nicht im, sondern rund um das Fürstentum.