«Nacht der langen Messer» – Mythos oder Wahrheit?

Die Bundesratswahlen halten oft Überraschungen bereit. Doch bei allen Überraschungen: Es gibt bestimmte Muster, wie Bundesräte gemacht werden. Und oft macht sich die Öffentlichkeit falsche Vorstellungen, etwa zur «Nacht der langen Messer».

Das Bundeshaus in der Nacht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Begriff «Nacht der langen Messer» wurde vermutlich im Umfeld der Wahl von Otto Stich von den Medien geschaffen. Keystone

SRF News: Wie oft finden vor der Bundesratswahl in letzter Minute Absprachen statt?

Urs Altermatt: Das wird nicht in letzter Minute abgemacht, also nicht in der Nacht vor der Wahl. Die Stimmempfehlungen der Fraktionen hingegen wird oft spät abgegeben, spätestens am Morgen vor der Wahl.

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Die Bezeichnung «Nacht der langen Messer» wird im englischsprachigen Raum seit Jahrhunderten für blutrünstige politische Ereignisse verwendet. Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff erstmals beim so genannten Röhm-Putsch 1934 bekannt, als auf Befehl Adolf Hitlers die Führung der Sturmabteilung SA exekutiert wurde.

Ist die Nacht der langen Messer also ein Mythos?

Genau. Der Begriff wurde in der Schweiz vermutlich im Umfeld der Wahl von Otto Stich 1983 von den Medien erstmals eingeführt. Ich selber war jeweils am Dienstagabend im Club von SRF dabei, vor der Nacht der langen Messer. In fast allen Fällen lag ich richtig, obwohl ich selbst nicht in der Wandelhalle und in den entsprechenden Restaurants war.

Was geschieht tatsächlich noch in der Nacht vor der Wahl?

Viele Politiker treffen sich in Restaurants, sie essen oder trinken noch etwas zusammen. Im Bellevue hat es immer sehr viele Leute, weil da auch die Medien sind. Bei der Abwahl von Bundesrat Blocher wusste ich am Abend vor der Wahl, dass Christoph Blocher abgewählt würde. Ich wusste aber nicht, wer stattdessen gewählt wird. Der Name von Widmer-Schlumpf wurde aber schon herumgereicht.

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Zur Person

Zur Person

Urs Altermatt war von 1980 bis 2010 Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Von 2003 bis 2007 amtierte er als Rektor der Universität. Er gab unter anderem das Buch «Die Schweizer Bundesräte. Ein biographisches Lexikon» heraus.

Das Feilschen um den Bundesratssitz geht also schon viel früher los.

Die Verhandlungen rund um den Sitz gehen dann richtig los, wenn ein Sitz frei wird.

Und am Tag der Wahl ist dann alles klar. Die Politiker wissen, wer gewählt wird?

Bei Bundesrats-Wahlen geht es um jede einzelne Stimme. Eine bis fünf Stimmen entscheiden oft die Wahl. Man weiss letztendlich nie, wer wie abstimmt. Mitglieder der SVP und SP stimmen meistens geschlossen. CVP und FDP haben immer Abweichler. Das muss man einberechnen. Wichtig zu wissen: Es wird vor den Wahlen immer ungeheuer viel geblufft. Es ist ein richtiges Poker-Spiel.

Welche Wahlen waren für sie die spektakulärsten, wenn wir von den jüngeren Abwahlen von Ruth Metzler und Christoph Blocher mal absehen?

Für mich ist die Wahl von 1973 die spektakulärste. Das war eine Dreiervakanz. Das Parlament wählte damals gleich hintereinander drei nichtoffizielle Kandidaten, nämlich mit Willy Ritschard, Hans Hürlimann und Georges-André Chevallaz. 1983 war ebenfalls aufregend. Da wurde Otto Stich anstelle von Lilian Uchtenhagen gewählt. Uchtenhagen war die erste Bundesratskandidatin überhaupt. Als sie nicht gewählt wurde, verliessen einige Mitglieder der SP den Saal. Die SP drohte, in die Opposition zu gehen. Und schliesslich muss 1993 erwähnt werden. Damals wurde Christiane Brunner von der SP nominiert. Gewählt wurde schliesslich Francis Matthey. Dieser verzichtete jedoch unter dem Druck seiner Partei auf die Annahme der Wahl. Schliesslich wählte das Parlament doch noch eine Frau: Ruth Dreifuss.

Welche Partei ist dieses Jahr die Königsmacherin?

In dieser Wahl könnte die CVP das Zünglein an der Waage spielen.

Das Gespräch führte Christa Gall

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Der Bundesrat und der Anspruch der Sprachregionen

2:18 min, aus Tagesschau vom 6.12.2015