Cäsium im Bielersee für Ensi kein Thema

Gefährlich ist es nicht, das radioaktive Cäsium auf dem Boden des Bielersees. Baden kann man bedenkenlos. Dennoch bleibt die Frage: Wie geriet dieser radioaktive Stoff überhaupt unbemerkt ins Wasser?

Ums Jahr 2000 gelangte drei bis fünfmal mehr radioaktives Cäsium in den Bielersee als sonst. Das wurde am Sonntag publik. «Weder überraschend noch gefährlich» seien diese überdurchschnittlichen Mengen an radioaktivem Cäsium, teilt die nukleare Überwachungsbehörde Ensi mit.

Antonio Sommavilla, Sprecher der BKW, der Betreibergesellschaft des Kernkraftwerkes Mühleberg, sagte noch am Sonntag dazu: «Ich kann nicht sagen, woher diese Ablagerung stammt.» Er betonte nur, dass die gefundenen Spuren weit unter den Grenzwerten liegen.

Belastung unbedenklich, aber ...

Das ist richtig. Es bestand nie eine Gefahr. Bloss: In dieser Geschichte ging es von Beginn weg nicht um die Gefahr, sondern um die Kontrolle. Und um das Vertrauen, das eine transparente Kontrolle der Kernkraftwerke mit sich bringen würde.

Jetzt hat die Nuklearsicherheitsbehörde Ensi die Begründung für die erhöhten Cäsium-Werte nachgeliefert. Vors Mikrophon treten wollte allerdings niemand. Fürs Ensi sei das schlicht keine Geschichte, lässt der Pressesprecher ausrichten, und verweist auf ein im Internet aufgeschaltetes Papier.

Darin steht, dass 1999 in Mühleberg eine neue Anlage in Betrieb genommen wurde, mit der radioaktive Abfälle verdichtet und verpackt werden. Zu Beginn trat dabei mehr Cäsium aus als üblich. Im folgenden Jahr bekam die BKW die Anlage offenbar in den Griff.

Seen im Tessin weit mehr betroffen

Georges Piller, der Leiter des Fachbereiches Strahlenschutz beim Ensi, lässt sich im Internet deshalb wie folgt zitieren: «Der Fund von Cäsium im Bielersee überrascht uns nicht.» Gleichzeitig schreibt das Ensi beschwichtigend weiter: «In Tessiner Seen sind um ein Vielfaches höhere Werte weit verbreitet.»

Auch die BKW hat die Sache weiter untersucht. Sommavilla sagt heute: «Die Erklärung des Ensi ist sehr plausibel. Es können aber weitere Faktoren wie zum Beispiel die Aufmischung von Sedimenten nicht ausgeschlossen werden.»

Fukushima als Weckruf fürs Ensi

Walter Wildi, der ehemalige Leiter der Kommission für Sicherheit von Kernanlagen, untersucht heute im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG die Radioaktivität im Wasser. Er kritisiert, dass das Ensi diesem Aspekt lange nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Erst nach Fukushima habe sich das geändert. Denn: «In Fukushima spielt heute die Abgabe ins Grundwasser und ins Meer eine ganz wichtige Rolle.»

Mühleberg schliesse bei diesen Untersuchungen von allen Schweizer Atomkraftwerken am schlechtesten ab: «Etwa die Hälfte der Abgaben in die Gewässer der Schweiz kommen aus Mühleberg.» Die Anlage im Kanton Bern verfügt über keinen Kühlturm, sondern wird direkt durch Aarewasser gekühlt.

Bielerseeufer mit Steg, zwei besetzte Liegestühle mit Sonnenschirmen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vom Cäsium im Bielersee geht keine Gefahr für Badende aus. Keystone

Tschernobyl-Katastrophe sichtbar

Das gesamte Cäsium, das man in den Seen finde, stamme aus Menschenhand, sagt Wildi. Am deutlichsten ablesen lasse sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – bei der wurde das Tessin im Vergleich zur restlichen Schweiz mit Abstand am meisten belastet.

Der Vergleich des Ensi zwischen Bielersee und den Tessiner Seen sei irreführend, sagt Wildi, weil die Ursachen für die radioaktive Belastung in den zwei Fällen eine ganz andere sei. So bleibt diese Geschichte mit dem Cäsium im Bielersee für das Ensi wenig schmeichelhaft – und das Vertrauen in die Kontrolle dürfte kaum wachsen.