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Wer erhält das Bett auf der Intensivstation?
Aus Rendez-vous vom 05.11.2020.
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Corona-Grafik So ausgelastet sind die Intensivstationen wegen Corona

Wie trifft die zweite Corona-Welle die Schweizer Intensivstationen? Unsere Grafiken zeigen täglich die Auslastung.

Es ist eine der wichtigsten Fragen, um den menschlichen Schaden durch das neue Coronavirus abschätzen zu können: Wie stark wird die zweite Welle die Schweizer Spitäler auslasten oder gar überlasten?

Um diese Frage früher und besser zu beantworten, hat ein Forscherteam der ETH um Professor Thomas Van Boeckel ein Monitoring-System, Link öffnet in einem neuen Fenster entwickelt. Mit dem Monitoring soll die Situation auf den Intensivpflegestationen (IPS) genau erfasst werden. Die Daten sollen helfen, die Entwicklung der Auslastung besser vorhersagen zu können. Die Zahlen werden von den Intensivpflegestationen der Spitäler erfasst und vom IES-System des koordinierten Sanitätsdienstes der Schweizer Armee gesammelt. Sie werden aktuell nur auf Kantonsebene publiziert.

Wenn Erkrankte in ein Spital eingewiesen werden, dauert es bei schweren Covid-19-Verläufen mehrere Tage, bis sie auf der Intensivstation landen. Die montags bis freitags aktualisierten Daten zeigen, wie die zweite Welle der Pandemie die Spitäler trifft. Die Grafik zur Auslastung der Betten durch Covid-19-Erkrankte und anderweitig Erkrankte sowie die Anzahl noch freier IPS-Betten zeigt, wie sich die Situation entwickelt. Die Daten haben aufgrund der Datenprozessierung jeweils rund 24 Stunden Verzögerung zum realen Geschehen auf den Intensivstationen.

Es hat noch freie Betten, noch ist die Auslastung nicht bei 100 Prozent – also alles im grünen Bereich?

Nicht unbedingt. Fürs Verständnis dieser Zahlen ist die Zusammensetzung der Betten relevant. Intensivpflegebetten sind aufwändig ausgerüstete Plätze mit dazugehörigen Mess- und Beatmungsgeräten, Monitoren, Anschlüssen. Um deren Qualität zu gewährleisten, vergibt die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) Zertifikate. Gemäss einer Stellungnahme vom 17. November, Link öffnet in einem neuen Fenster hat die SGI aktuell 876 Intensivpflegebetten zertifiziert – und diese Betten sind aktuell alle belegt. Bei allen weiteren «freien» Betten in der oberen Grafik handelt es sich um sogenannte «Ad Hoc»-Betten. Diese sind zusätzliche Betten, die temporär in anderen Bereichen in den Spitälern – etwa Operationssälen oder Aufwachräumen – aufgebaut wurden und nicht zertifiziert sind. Es mangelt ihnen teilweise an Geräten, Anschlüssen, Ausrüstung, Personal. Ist die Schwelle von 876 belegten Betten erreicht, muss deshalb mit Abstrichen in der Behandlungsqualität gerechnet werden.

Warum nahm die Zahl der Nicht-Covid-Erkrankten ab Oktober ab?

In den letzten Jahren war eine Auslastung der Intensivpflegestationen bei rund 75 Prozent Alltag. Diese lässt sich etwa mit der Anzahl wählbarer Eingriffe steuern – rund 30 Prozent der IPS-Fälle kommen von Operationen, die nicht dringend notwendig sind, deren Patienten aber danach trotzdem für ein paar Tage ein IPS-Bett benötigen; beispielsweise am Herzen oder am Hirn. Weil immer mehr Kantone solche wählbare Eingriffe absagen oder verbieten, sinkt die Zahl der Non-Covid-19-Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen von alleine. Gleichzeitig nehmen aber die Covid-19-Fälle zu. Bei ihnen gilt: Ist ein IPS-Bett mal belegt ist, bleibt es das über mehrere Wochen. Und auch wenn mit dem Verzicht von Wahloperationen mittelfristig ein Teil der Betten frei wird, so ist doch weiterhin mit Nicht-Corona-Notfällen wie Herzinfarkten oder schweren Autounfällen zu rechnen.

Rund zwei Drittel der Corona-Fälle mit schwerem Verlauf, die in den IPS-Betten gepflegt werden, müssen über längere Zeit künstlich beatmet werden. Folgende Grafik zeigt die Beanspruchung der Beatmungsgeräte, sowohl durch Covid-19-Erkrankte als auch durch anderweitig Erkrankte.

Wie gut sind diese Daten?

Thierry Fumeaux, Mitglied der «Swiss National COVID-19 Science Task Force» und ehemaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin SGI, war am Aufbau von «ICU-Monitoring» beteiligt. Man habe seit März hart daran gearbeitet, die Qualität der Daten zu verbessern, sagt Fumeaux: «Es ist unerlässlich, dass diese Informationen vollständig, genau und aktuell sind. Die SGI hat ihre Mitglieder daran erinnert, und die Leiter der einzelnen Intensivstationen sind dafür verantwortlich, die in der IES dokumentierten Daten täglich zu überprüfen. Es ist auch wichtig, dass Spitäler und Kantone die Qualität dieser Daten sicherstellen.» Nur so sei es möglich, eine verlässliche 7-Tage-Prognose zu liefern.

Trotzdem kann es zu Meldeverzögerungen oder Eintragungsfehlern kommen. Es gilt deshalb: Die vorliegenden Daten sind die besten zur Verfügung stehenden Daten – fehlerfrei sind sie nicht. Gerade im Feld der Notfallmedizin, in der jede Sekunde zählt, kann sich die Situation schneller ändern, als die Grafiken es abbilden können.

Über die Methode

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Mit Hilfe mathematischer Modelle, Link öffnet in einem neuen Fenster, mit denen in der Epidemiologie die Ausbreitung ansteckender Krankheiten simuliert werden, versucht die Health Geography and Policy Group der ETH Zürich mit Hilfe des Universitätsspitals Zürich und des Schweizerischen Tropeninstituts, die Auslastung der Intensivbetten in den Spitälern vorherzusagen, Link öffnet in einem neuen Fenster. Den Modellen entnehmen die Forscher Zahlen über künftige Infektionen, Todesfälle, Hospitalisierungen und Intensivpflege im Zusammenhang mit Covid-19. Die Informationen aus diesen Modellen werden mit Daten zur Belegung der Spitalbetten kombiniert, welche die Schweizer Armee erhebt (IE-System). Zusammen ergeben die Daten ein Bild über die aktuelle Lage in den Spitälern und ermöglichen eine Prognose zur Entwicklung der Auslastung in näherer Zukunft.

Die Lage in den Kantonen

Nicht alle Kantone verfügen über Spitäler mit grossen Intensivstationen. In diesen Fällen werden Erkrankte in umliegende Spitäler verlegt. Um die Zahlen trotzdem auf ein kantonales Niveau herunter zu brechen, zeigt die Tabelle die von den Kantonen gemeldete Anzahl von Covid-19-Fällen auf den Intensivstationen. Zusätzlich werden alle von ICU-Monitoring registrierten belegten IPS-Betten sowie die Auslastung aller verfügbaren IPS-Betten in Prozent gezeigt – egal, ob sie von Covid-19-Fällen oder anderweitig Erkrankten belegt sind. Anhand des Modells des ETH-Forscherteams lässt sich ausserdem ein 7-Tage-Trend prognostizieren: Steigt die Auslastung in der nächsten Woche, zeigt der Pfeil nach oben. Bleibt die Situation stabil, zeigt der Pfeil nach rechts. Auch hier gilt: Die Daten sind aufgrund der Prozessierung um 24 Stunden verzögert.

Weil die Daten aus unterschiedlichen Quellen stammen und teilweise aufgrund des Meldeprozesses zeitliche Verzögerungen aufweisen, kann es zu kurzfristigen Daten-Anomalien kommen – etwa, dass die Zahl der IPS-Patienten mit Covid-19 (Quelle: Kantone, wird mehrmals täglich aufdatiert) jene der belegten IPS-Betten (Quelle: Icumonitoring, wird Montag bis Freitag abends aktualisiert) übersteigt.

Was geschieht bei einer hohen Auslastung der Intensivbetten?

Die Auslastung der Spitäler ist in der aktuellen Corona-Krise von zentraler Bedeutung. Stossen die Spitäler und speziell die Intensivstationen mit ihren zertifizierten IPS-Betten an ihre Kapazitätsgrenzen, ist die erste Möglichkeit, die Patienten in andere Spitäler im selben regionalen Spitalnetzwerk zu verlegen. Falls diese einen IPS-Auslastungsgrad von 80 Prozent erreicht haben, wovon 20 Prozent Covid-19-Erkrankte sein müssen, können sich die Spitäler an den Koordinierten Santitätsdienst, Link öffnet in einem neuen Fenster (KSD) des Bundes wenden. Diese koordinieren eine Verlegung von Patienten mithilfe der Rega, bis ein Grossteil der zertifizierten IPS-Betten in der Schweiz (rund 1000 Betten) belegt sind. Danach kommen auch sogenannte «Ad-Hoc-Betten» zum Einsatz – zusätzliche Betten und Geräte, etwa der Armee, die allerdings nicht offiziell als IPS-Betten zertifiziert sind. Das heisst, bei der Behandlung in Ad-Hoc-Betten müssen gemäss KSD Abstriche in allen nicht intensiv-medizinisch relevanten Bereichen gemacht werden: Beim Personal (Pflege, Ärzte, Reinigung, Administration), Geräte und Maschinen, medizinisches Verbrauchsmaterial, Medikamente. Falls möglich, sollen auch Spitäler im nahen Ausland nach freien IPS-Betten angefragt werden.

Ist dies alles nicht mehr möglich, kommt es zu einer Selektierung der Patienten, der sogenannten harten Triage. Das heisst, die Ärztinnen und Ärzte müssen entscheiden, welche Patientinnen und Patienten behandelt werden sollen und welche nicht. Für diese nicht wünschenswerte und für alle belastende Situation hat die Schweizerische Akademie der Wissenschaften zusammen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin Richtlinien definiert, die bei der Triage von IPS-Engpässen, Link öffnet in einem neuen Fenster angewandt werden sollen. Demgemäss sollen vor allem Patientinnen und Patienten ein IPS-Bett bekommen, deren kurzfristige Prognose am vielversprechendsten ist – egal, ob sie an Covid-19 oder etwas anderem erkrankt sind.

Eine wichtige Ressource, die bei all diesen Zahlen zu kurz kommt, ist das verfügbare Intensivpflegefachpersonal. Hier gibt es keine verfügbaren Zahlen, die verlässlich aufdatiert werden. Eine Überlastung des Gesundheitsystems kann aber auch eintreten, wenn es zwar noch genügend Betten hat, aber kein verfügbares Personal mehr, das eingesetzt werden könnte.

Über die visualisierten Daten

  • Daten zu den Hospitalisierten und den IPS-Patienten in den Kantonen bezieht SRF täglich von den Kantonen. Dafür wird eine Schnittstelle des Statistischen Amtes des Kantons Zürich, Link öffnet in einem neuen Fenster genutzt. Ein Teil der Kantone liefert diese Zahlen nicht oder nur ungenügend.
  • Die 7-Tage-Prognose basiert auf dem MG- Model der ETH-Forschergruppe. Die Berechnung der Prognose wird derzeit überarbeitet und kann sich in den kommenden Tagen noch verändern.
  • Die Daten zur Belegung der IPS-Beatmungsgeräte basieren teilweise auf Hochrechnungen der ETH-Forschergruppe und kann sich leicht von der effektiven Zahl unterscheiden.
  • Alle anderen visualisierten Daten stammen direkt von der ETH-Forschergruppe. Sie werden montags bis freitags aktualisiert. Die Daten zeigen nur erwachsene Patientinnen und Patienten.

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212 Kommentare

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  • Kommentar von Corinne Ehrler  (Corinne Ehrler)
    Also in anderen Worten: noch jede Menge Platz, von Auslastung nichts zu erkennen...!
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    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      C.Ehrler. Verdopplung jede Woche von Fallzahlen und Belegung der Betten ist nichts? Wissen Sie was exponentielle Funktion ist?
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    2. Antwort von Hans Meier  (h.m.)
      @Horatio: Das Unwort des Jahres "exponentieller Anstieg" und kaum jemand weiss wirklich was das ist, und was bei Epidemien zwangläufig immer relativ schnell auf den exponentiellen Anstieg kommt: nämlich die die Abflachung der Kurve mit anschliessenden abklingenden Zahlen.

      Die korrekte Bezeichnung für diese Kurve, ist die Glockenkurve.

      Schauen Sie sich mal die Glockenkurve einer normalen Grippe an. Die sieht sehr ähnlich aus. Zu Schade, dass man diesen Vergleich hier nicht sieht.
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  • Kommentar von Matthias Schönenberger  (matthisch)
    An alle "Man darf ja mal fragen"-kritische Bürger: Die zusätzlichen Betten waren Provisorien die damals als Intensiv-Betten genutzt wurden. Das waren zum einen die provisorischen Erweiterungen der Armee und andererseits alle vorübergehend genutzten Betten in denen ein Covid Patient lag, auch wenn dies eigentlich kein Intensivstations-Bett war. Diese wurden danach wieder abgebaut weil sie vorübergehend nicht mehr nötig waren und deren Existenz von Leugnern wie euch massiv kritisiert worden wäre.
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  • Kommentar von Will H. Elmtell  (Will43)
    @SRF
    Die Zahl. "Auslastung Intensivstationen" scheint nicht aktualisiert zu werden.
    Gestern bei 876 Fällen 66%,heute bei 942 Fällen 66%.

    Sonst super informative Seite, danke.

    Grafik mit Mouse Cursor Möglichkeit wäre noch super.
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