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Schweiz «Das Boot ist voll»

Die Schweiz gewährte im Zweiten Weltkrieg Tausenden von Flüchtlingen Asyl. Rund 300‘000 Kriegsflüchtlinge nahm sie damals auf. Doch wurden auch Viele an der Grenze wieder abgewiesen, darunter zahlreiche Juden. Ein Überblick.

Leute auf der Flucht.
Legende: Viele willkommen geheissen – viele abgelehnt. Die Schweiz betrieb eine restriktive Flüchtlingspolitik. SRF

Auch während des Zweiten Weltkrieges handelte die Schweiz gemäss ihrer humanitären Tradition. Rund 300‘000 Kriegsflüchtlinge nahm sie damals auf. Doch wurden auch Tausende an der Grenze wieder abgewiesen. Viele von ihnen waren Juden. Für sie konnte dies den Tod in Konzentrationslagern der Nazis bedeuten.

Die Schweiz als volles Rettungsboot, das niemanden mehr aufnehmen kann – dieses Bild war zugleich Symbol und Legitimation einer restriktiven Asylpolitik während des Zweiten Weltkriegs.

Über 24‘000 Flüchtlinge wurden in den Kriegsjahren gleich an der Grenze wieder abgeschoben. 10‘000 Menschen erhielten von Schweizer Konsulaten kein Visum.

Judenstempel und Grenzschliessung

1938 wurde auf Vorschlag der deutschen Behörden ein «J»-Stempel in den Pässen deutscher Juden eingeführt. Die Schweiz akzeptierte diesen in Verhandlungen mit den deutschen Behörden.

Dieser «Judenstempel» erschwerte oder verunmöglichte die Einreise in die Schweiz ebenso wie in andere Länder.

Ab August 1942 nahm die Schweiz grundsätzlich keine «Flüchtlinge nur aus Rassegründen» mehr auf.

Abschreckung und Angst um die Versorgungslage spielten dabei eine Rolle. Hauptsächlich aber war «die Ablehnung der jüdischen Flüchtlinge durch eine weitverbreitete antisemitische Grundhaltung motiviert», wie die Unabhängige Expertenkommission Schweiz–Zweiter Weltkrieg feststellte.

Trotz allem gab es auch Privatpersonen und Organisationen, die den Flüchtlingen beim Grenzübertritt halfen. Insgesamt hielten sich während des Krieges rund 300'000 Flüchtlinge für kürzere oder längere Zeit in der Schweiz auf. Ein Drittel davon waren internierte Militärpersonen.

Ausgewählte Videobeiträge zur restriktiven Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg und der Situation an der Grenze:

Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg

  • 25.03.2012: Der polarisierende Bergier-Bericht

    Die Bergier-Kommission hat 2002 ihren Bericht veröffentlicht, der die Schattenseiten der Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. Rund zehn Jahre danach polarisieren diese Erkenntnisse immer noch.

  • 06.05.2005: Internierungslager in der Schweiz

    Zehntausende ausländischer Soldaten liessen sich während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz internieren, um so der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Ungewöhnliche Filmaufnahmen zeigen die Situation in den Internierungslagern. Sie gerieten im Archiv des Schweizer Armeefilmdienstes praktisch in Vergessenheit.

  • 14.01.2005: Zivilcourage und gelebte Solidarität

    August Bohny ist einer jener Menschen, die sich während des Zweiten Weltkrieges für Flüchtlinge engagierten: Er beherbergte in seinem Kinderheim auch jüdische Flüchtlingskinder.

  • 14.01.2005: Ein ehemaliges Flüchtlingskind erinnert sich

    Gespräch mit Margot Wicki-Schwarzschild und der Historikerin Antonia Schmidlin über die Rettung von jüdischen Kindern während des Zweiten Weltkrieges.

  • 29.11.2000: Bergier-Bericht zur Zigeunerpolitik

    «Abweisung statt Asyl»: So lautet das Fazit des Bergier-Berichtes zur schweizerischen Zigeunerpolitik während der Zeit des Nationalsozialismus. Zigeuner, die in der Schweiz Schutz suchten, wurden an den Grenzen systematisch zurückgewiesen.

  • 10.12.1999: Bergier-Bericht zur Flüchtlingspolitik

    Die Bergier-Kommission übt Kritik an den Schweizer Behörden: Sie hätten mehr tun können, um jüdische Menschen zu retten. Gleichzeitig kritisieren Schweizer Politiker den Bergier-Bericht.

  • 27.07.1994: Von der Schweiz nach Auschwitz

    Tausende jüdische Flüchtlinge fanden während des Zweiten Weltkrieges in der Schweiz Zuflucht. Tausende jüdische Frauen, Männer und Kinder wurden aber auch erbarmungslos abgewiesen. Für Viele bedeutete dies den sicheren Tod.

  • 02.12.1992: Löcher im Grenzzaun

    Im August 1942 schloss die Schweiz die Grenze für jüdische Flüchtlinge. Dies, obwohl die Behörden wussten, dass den Zurückgewiesenen der Tod drohte. Gegen diese gnadenlose Flüchtlingspolitik regte sich jedoch auch Widerstand.

  • 15.05.1973: Der dunkle Punkt – Die Schweiz im Krieg

    Die Schweiz gewährte im Zweiten Weltkrieg Tausenden von Flüchtlingen Asyl. Trotzdem wird die schweizerische Flüchtlingspolitik von Zeitzeugen und Historikern negativ beurteilt. Versuch einer Annäherung an dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte.

  • 28.12.1945: Rückblick auf sechs Jahre Krieg

    Die Schweiz blieb vom Zweiten Weltkrieg verschont, war aber während Jahren von kriegsführenden Staaten umgeben. Die «Schweizer Filmwochenschau» blickt zurück auf die Kriegsjahre und die Rolle der Schweiz in dieser Zeit.

  • 08.12.1944: Flüchtlinge aus dem Elsass

    Französische und deutsche Truppen kämpfen um die elsässische Ortschaft Hüningen. Die Einwohner Hüningens nutzen eine Artilleriepause zur Flucht über die Grenze nach Basel.

  • 01.08.1940: Ankunft französischer Soldaten und Flüchtlinge

    Im Juni 1940 gelangen Tausende von Flüchtlingen in die Schweiz, darunter gegen 30'000 französische Soldaten. Beitrag mit französischem Kommentar.

  • 01.08.1940: Internierungslager für französische Soldaten

    Für Soldaten, die als Flüchtlinge in die Schweiz gelangten, sind spezielle Lager errichtet worden. Hier bleiben die Soldaten interniert, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können.Beitrag mit französischem Kommentar.

Korrektur

In einer früheren Version haben wir in diesem Beitrag berichtet, dass der «J»-Stempel in den Pässen deutscher Juden auf Vorschlag der Schweizer Behörden eingeführt wurde. Richtig ist: Die Schweiz war nicht die Erfinderin des Judenstempels. Dieser wurde von deutscher Seite vorgeschlagen und eingeführt. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Gunnar Leinemann, Teuffenthal
    Fremdenfeindlichkeit früher, Fremdenfeindlichkeit heute. Und die Vorstellungen des französichen Judenhasser-Clowns sind in der CH alle ausverkauft. Gott sei Dank gab es früher wie heute schon die sogenannten "Gutmenschen" – doch scheinen sie im gleichen Masse weniger zu werden, in dem der Wohlstand steigt. Und die Rechtsnationalen giessen – wo sie nur können – Öl ins Feuer der Fremdenfeindlichkeit, die hierzulande leider eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz geniesst.
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    1. Antwort von B. Küng, Seeland
      Gunnar, besser hätte man es nicht sagen können. Vielen Dank für Ihren ausgezeichneten Beitrag.
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  • Kommentar von Katharina Müller, 8400 Winterthur
    Offenbar kennen viele die Geschichte nur bruchstückhaft oder aber man WILL sie nicht kennen...schade.
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Gerade Personen wie ihnen würde eine Auffrischung gut anstehen. sonst würden sie nicht zum 10000....ten mal! Falschmeldungen verbreiten. Die Schweiz ist gut durch den Krieg gekommen, aber nicht mit Methoden à la Wilhelm Tell.
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    2. Antwort von Katharina Müller, 8400 Winterthur
      @ Churer - wie ich erwähnte, man will die Geschichte einfach nicht kennen. Ausserdem hole ich mir mein Wissen nicht bei Wikipedia!
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  • Kommentar von Adrian Flükiger, Bern
    Die hier zusammengefassten Filme sind alle sehenswert. Sie vermitteln dieses schwarz/weiss Bild unseres Landes treffend, welches dann bei den stark national angehauchten Zeitgenossen immer mal wieder alle Gäule durchgehen lässt, wenn am Glanzteil gekratzt wird. Es ist deshalb passend, dass wir aktuell zig Millionen für die Sicherheit an drei Konferenzorten berappen, damit sich politische und wirtschaftliche Bla Blas Stuss erzählen und obendrein auf unsere Kosten die Bäuche füllen dürfen!
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