«Das Ensi zieht die falschen Schlüsse»

Das Nachrüsten von Beznau und Mühleberg bringt nichts. Dies sagt Dieter Majer, früherer Leiter der deutschen Atomaufsicht im Umweltministerium. Die Anlagen müssten möglichst rasch vom Netz.

Die Schweizer Kernkraftwerke Mühleberg und Beznau gehören zu den ältesten Europas. Die Betreiber und das Ensi sagen, die Anlagen seien so sicher wie neue AKW. Das stimme nicht, heisst es in einem neuen Bericht, den der Atomkritiker Dieter Majer für die Schweizerische Energiestiftung und Greenpeace geschrieben hat. Er fordert die Abschaltung von Mühleberg und Beznau. Im Gespräch mit dem «Echo der Zeit» erklärt Majer, wie er zu diesem Schluss kommt.

SRF:

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Zur Person

Dieter Majer war bis vor drei Jahren Leiter des Bereichs Sicherheit von kerntechnischen Anlagen im deutschen Umweltministerium. Er sass auch in der deutsch-schweizerischen Kommission für die Information über grenznahe AKW.

Wieso finden Sie, Beznau und Mühleberg müssten sofort vom Netz?

Dieter Majer: Die Anlagen in Beznau und Mühleberg sind mit die ältesten weltweit. Sie weisen Alterungseffekte auf. Zum einen verändern sich Komponenten in ihren Sicherheitseigenschaften – durch Korrosion, Erosion und Versprödung. Zum andern entspricht die Konzeption der Anlagen – also etwa die Anzahl Sicherheitssysteme – nicht mehr den heutigen Anforderungen.

Trotzdem sagt das Ensi, beide AKW würden die Sicherheitsanforderungen erfüllen.

Die Frage ist, welche Sicherheitsanforderungen. In der Schweiz gibt es den ominösen Begriff ‹Stand der Nachrüsttechnik›, ohne dass dieser Begriff mit Inhalt gefüllt ist. Eigentlich müsste man die Anlagen mit heutigem Stand von Wissenschaft und Technik vergleichen. Erst dann könnten Rückschlüsse auf die Sicherheit hergeleitet werden. Das macht die Schweiz nach meinem Kenntnisstand nicht.

Immerhin ist die Überwachung der Alterung hier eine gesetzliche Pflicht, die sehr detailliert ausgestaltet ist.

AKW Beznau im Hintergrund, im Vordergrund eine rote Ampel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das AKW Beznau ging vor 45 Jahren ans Netz – es ist das dienstälteste Kernkraftwerk der Welt. Keystone

Die Alterungsüberwachung wird hier in der Schweiz zwar durchgeführt, aber es werden nicht die richtigen Schlüsse daraus gezogen. Wir wissen, dass die wichtigen Sicherheitskomponenten wie Reaktor-Druckbehälter oder Containment der Versprödung und Korrosion ausgesetzt sind. Wenn Anlagen derart gealtert sind, kann man nicht mehr sicher sein, dass sie im Falle eines Störfalles die Belastungen aushalten. Das kann die Schweizer Aufsichtsbehörde nicht im Einzelnen nachprüfen – denn dafür gibt es keine zuverlässigen Methoden.

Heisst das, ein altes Kernkraftwerk ist zwangsläufig ein unsicheres Kraftwerk – und nachrüsten bringt gar nichts?

Ja. Wenn man die Sicherheit bei einem neu gebauten AKW als gegebene Grösse betrachtet, nimmt die Sicherheit im Laufe der Zeit stetig ab. Am Anfang hat man relativ viele Fehler, Kinderkrankheiten der Anlage. Dann kommt eine Phase – 20, 30 Jahre – in der die Fehlerrate bei einem AKW relativ gering ist, danach nimmt die Anzahl Fehler wieder zu. Nach 40, 45 Jahren – wie bei Beznau oder Mühleberg – ist die Fehlerrate enorm hoch. Eine Anlage wird durch ihr Alter also unsicher, weil ihre Komponenten durch Ermüdung eher versagen.

Schauen also die mehr als 100 Experten der Schweizer Atomaufsicht Ensi nicht dorthin, wohin sie eigentlich hinschauen müssten?

Ich glaube, man kennt die Problematik dort durchaus, aber man ist bereit, diese Risiken zu tragen. Allerdings wird dies nicht in einer transparenten Weise nach aussen kommuniziert. Man argumentiert mit dieser sogenannten Nachrüsttechnik ohne zu sagen, was man damit meint. Ich glaube, das Ensi geht nicht kritisch genug an die Dinge heran, und deshalb zieht es auch die falschen Schlüsse.

Aber die Schweizer AKW haben jüngst auch beim EU-Stresstest nicht schlecht abgeschnitten.

In der Tat haben sie dort nicht schlecht abgeschnitten. Doch der EU-Stresstest hat nicht die Sicherheitseinrichtungen insgesamt überprüft, sondern sich nur mit der Frage beschäftigt, was für Möglichkeiten es gibt, wenn es schon zu einem grossen Unfall gekommen ist. In Analogie zu einem Auto hat man also nicht die Bremsen geprüft, sondern nur, ob ein Airbag eingebaut ist.

Das Interview führte Roman Fillinger.