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Schweiz «Das Schlimmste waren die Medikamentenversuche»

Walter Emmisberger ist einer von Hunderten Patienten, die in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Thurgau zu Tests von Psychopharmaka missbraucht wurden – ohne ihr Wissen. Noch heute quälen den inzwischen 60-Jährigen Angstzustände, Panikattacken und Albträume.

Schwarzweissfoto des Knaben mit Hut und einem grossen Regenschirm.
Legende: Walter Emmisberger 1961. ZVG

Man hat Walter Emmisberger die Kindheit gestohlen, die Jugend zerstört. Als Unehelicher geboren, dann Kinderheim, Pflegeeltern, Prügel, Missbrauch, auf einem Bauernhof verdingt: Das sind die Stationen seines kaputten Lebens. «Das Schlimmste waren die Medikamentenversuche», sagt er. Das sei das Traurigste gewesen, das man erleben könne.

Damals, als der elfjährige Walti Pflegekind bei frommen Pfarrleuten war, wollten ihm diese zeigen, wo Gott hockt. Sie wollten den angeblich schwererziehbaren Knaben wieder zu einem guten Menschen machen. Dafür fuhren sie mit ihm in die Psychiatrische Klinik Münsterlingen zur ambulanten Behandlung.

Emmisberger heute mit Brille und rotem Pullover.
Legende: Die Medikamentenversuche quälen Walter Emmisberger noch heute. SRF

Mit Pillen vollgestopft

Dort gabs Pillen «bis zum Erbrechen», wie Emmisberger sagt. Er sei mit Tabletten vollgestopft worden, wie eine Gans; bis ihm «hundeelend und trümmlig» gewesen sei. Er habe sich jeweils hinlegen müssen. Am kleinen Walti Emmisberger wurden damals auch Medikamente getestet, die später nie auf den Markt gekommen sind, beispielsweise das Antidepressivum Ketotofranil.

Erst Jahrzehnte später erfuhr Walter Emmisberger in seiner Patientenakte von Münsterlingen, wie genau die Versuche abgelaufen waren. Dort steht: «Wir wollen nun einmal versuchen, das Ketotofanil auf drei Mal zwei Tabletten langsam zu steigern, um zu sehen, was so passiert.»

Der Elfjährige «wie weggetreten»

Das war im November 1967. Knapp drei Monate später rapportierte Waltis Pflegemutter, die Frau Pfarrer, in der Klinik Münsterlingen, sie sei ordentlich zufrieden mit dem Knaben, obwohl seine schulischen Leistungen immer noch sehr schwankend seien. Die Psychiater kamen zum Schluss: «Man hat den Eindruck, dass er noch mehr Medikamente nehmen sollte.»

Doch die nochmalige Steigerung der Dosierung ging nicht gut. «Die Schulleistungen nahmen ab, manchmal war ich wie weggetreten», sagt Emmisberger. In den Akten steht dazu: «Wir haben versucht, das Medikament nochmals zu steigern, doch das ist nicht möglich. Der Knabe beginnt so zu zittern, dass er nicht mehr recht schreiben kann – was für die Schule natürlich auch nicht geht.»

Diese Medikamentenversuche hätten bei ihm viel kaputt gemacht, «mein ganzes Wesen», sagt Emmisberger. Denn noch heute sind die Angstzustände, Panikattacken und Albträume da; und sie wollen Emmisberger einfach nicht loslassen.

15 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Stattt nur destruktiv zu kritisieren, bitte auch mal konstruktives. Sollen denn neue Medikamente grundsätzlich verboten werden? Bei aller Vorsicht und vielen Abklärungen muss ein neues Medikament irgendwann auch mal an einem Menschen "getestet" werden.Meistens wird dies dann gemacht, wenn ein Patient auf die alten Medikamente nicht anspricht, wobei es ja nicht ausgeschlossen ist, dass sich auch bei altbewährten Medikamenten schlimme Nebenwirkungen zeigen.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Wenn getestet werden will, dann in der Regel nur mit den Einverständnis der Patienten. Aber Kinder/Menschen ohne ihre Zustimmung & Wissen dafür zu missbrauchen ist ein absolutes NoGo! Es verstösst gegen die Persönlichkeits- & Menschenrechte & ist eine Straftat.
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    2. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Gut, da gebe ich Ihnen grundsätzlich recht, aber die Mehrheit der Kommentare tendieren hier dahin, neue Medikamente generell zu verbieten. Zudem macht man es sich sehr einfach, die damals Verantwortlichen nach Jahrzehnten heute aus dem bequemen Sofa heraus zu verteufeln, ohne die wirklichen Umstände zu kennen. Wer weiss, vielleicht war die Situation dermassen aussichtslos, dass die neuen M. die letzte Chance war. Keiner weiss heute, wie sich dessen Gesundheit ohne diese Med. entwickelt hätte.
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    3. Antwort von Ch. Helfenstein (Ch. Helfenstein)
      @U. Dupont; Sie haben den Artikel gelesen? Es steht nichts von Medikamenten in Bezug auf seine Gesundheit. Er galt als schwer erziehbar. Anerkennung und Liebe "kosten" Zeit, Medikamente kann man einfach eingeben. Er wurde als Versuchsmensch missbraucht. Die von Ihnen erwähnten Tests werden an Menschen durchgeführt mit deren Wissen und nach Abklärung ihrer Gesundheit. Oft sind es med. Studenten welche so einen guten Zustupf verdienen.
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  • Kommentar von Luca Bachofner (Ama et fac quod vis!)
    Das ist nur die Spitze des Eisbergs, vielleicht sollte man mal eine Doku machen darüber was die Schweiz so schlecht gemacht hat, in den Schulen wird dies gerne verschwiegen.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Die Schweiz hat bis in die 80iger ganz viele, solche dunklen Geschichten. Alle, die nicht dem Bild einer ehrenwerten Gesellschaft entsprachen, mussten mit der Willkür von Behörden rechnen.
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    2. Antwort von marlene Zelger (Marlene Zelger)
      In dieser Doku sollte dann auch vermerkt werden, wie Klosterfrauen Schülerinnen vor den Augen ihrer Mitschülerinnen misshandelten, schlugen, sie an den Stuhl fesselten, ihnen den Mund zuklebten, sie an den Haaren zerrten und dabei in den Hintern "ginggten". Ja, eine solche rabiate Nonne hatten wir in der 5. Klasse in den 50ern.
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  • Kommentar von Ursula Sieber (Ursula Sieber)
    Wenn ich solche Sachen lesen muss, könnte ich jedesmal kotzen. Unglaublich so was! Das macht mich unendlich traurig. Ich wünsche Walter Emmisberger und den anderen Leidgeprüften von Herzen viel Kraft und alles Gute!
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