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Tierquälerei im Thurgau «Der Beschuldigte hat uns getäuscht»

Haben die Behörden vor dem renitenten Pferdezüchter gekuscht? Der Thurgauer FDP-Regierungsrat Schönholzer weist die Vorwürfe zurück.

Legende: Audio «Tierquäler im Thurgau: Haben die Behörden versagt?» abspielen. Laufzeit 4:24 Minuten.
4:24 min, aus Rendez-vous vom 10.08.2017.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Haben die Thurgauer Behörden bewusst weggeschaut im Fall des mutmasslichen Tierquälers von Hefenhofen? Das zumindest sagen Tierschutzorganisationen.
  • Politisch verantwortlich für den Fall ist der Thurgauer FDP-Regierungsrat Walter Schönholzer.
  • Gegenüber SRF News hat Schönholzer Stellung genommen. Er weist die Vorwürfe von sich, die Konfrontation gescheut zu haben.

Walter Schönholzer ist unter Druck. Doch er wehrt sich. Man habe im Fall des mutmasslichen Tierquälers nicht bewusst weggeschaut: «Wir sind keinesfalls jahrelang nicht eingeschritten. Es gibt viele laufende Verfahren, die aber immer wieder durch alle Instanzen bekämpft wurden.» Darunter auch ein totales Tierhalteverbot 2014, das der Mann ebenfalls durch alle Rechtsinstanzen bekämpfte und das vom Bundesgericht 2016 wegen eines Formfehlers aufgehoben wurde.

Doch die Thurgauer Regierung nahm keinen neuen Anlauf, dem Pferdezüchter die Tierhaltung zu verbieten, weil erneut jahrelange Rechtsstreitigkeiten die Folge gewesen wären, wie Schönholzer darlegt. Stattdessen habe man die Strategie geändert und versucht, mit dem mutmasslichen Täter, der mehrfach Beamte des Kantons mit Waffen bedroht hatte, zusammenzuarbeiten. So fanden Kontrollen auf dem Hof nur noch nach Vorankündigung und im Beisein seines Anwaltes statt.

Schönholzer räumt ein, dass seine Strategie nicht erfolgreich gewesen sei.

Wie die aktuellen Ereignisse zeigen, hat dieser Schritt nicht zum Ziel geführt. Im Gegenteil: Wir wurden durch den Beschuldigten getäuscht.
Autor: Walter SchönholzerThurgauer Regierungsrat

Die Vorgeschichte:

  • Vergangene Woche wurde durch Medienberichte publik, dass auf dem Hof eines Pferdezüchters in Hefenhofen (TG) Pferde verendet waren.
  • Eine am Freitag eingesetzte Task Force beschloss am Montag, so rasch als möglich einzuschreiten. Am Dienstagmorgen war bereits der gesamte Hof abgeriegelt.
  • Gegen den 49-jährigen Pferdezüchter sprach das kantonale Veterinäramt ein sofortiges Tierhalteverbot aus.

Brisant ist: Auch das Verteidigungsdepartement VBS gehörte früher zu den Kunden des Pferdehändlers. Es kündigte die Zusammenarbeit aber auf und schrieb 2008 in einem Gutachten von «vielfachen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz». Das VBS bestätigt heute gegenüber SRF News, man habe die Thurgauer Behörden – konkret das Veterinäramt – bereits 2005 auf die Missstände auf dem Hof hingewiesen.

FDP-Regierungsrat Schönholzer weist den Vorwurf ans VBS zurück. Es sei genau umgekehrt gewesen: «Das Thurgauer Veterinäramt hat dem Bund angezeigt, dass es hier zu Tierhalteverstössen kommt.» Es steht also Aussage gegen Aussage – damals ohne Folgen für den Tierhändler.

Weitere Ungereimtheiten

Ab 2009 durfte der Mann nur noch 60 Pferde auf seinem Hof halten. Doch bei der Räumung anfangs Woche wurden 93 Tiere beschlagnahmt. Dutzende weitere Tiere werden momentan in anderen Kantonen vermutet: «Wir fragen uns, was die Lieferanten und Abnehmer dieses Händlers gewusst und gesehen haben. Wir sind gespannt auf die Ermittlungen», sagt Schönholzer.

Doch diese Angaben sollten auch aus den kantonalen Kontrollbüchern des Thurgauer Landwirtschaftsamtes herauszulesen sein, wurde doch der Hof in den letzten Monaten mindestens viermal kontrolliert. Zu dieser Ungereimtheit sagt Schönholzer: «Auch das ist Gegenstand der Untersuchungen. (Das Landwirtschaftsamt) ist in den laufenden Verfahren mitinvolviert.»

Schönholzer nimmt Kantonstierarzt in Schutz

Viele Fragen sind also offen: Wie viele Pferde sind weiter betroffen und wo befinden sie sich? Und: Welche Konsequenzen hat der Fall politisch? Schönholzer sagt dazu: «Zusammen mit den zuständigen Amtsstellen sowie mit der von mir einberufenen Task Force werde ich diesen wohl schweizweit einzigartigen und extremen Fall genau analysieren.» Es gehe aber in erster Linie um konkrete sachliche Massnahmen und nicht um personelle Konsequenzen, so der Regierungsrat.

Der Regierungsrat stellt sich damit vor seinen Kantonstierarzt, gegen den gestern eine Anzeige wegen Amtsmissbrauchs eingereicht wurde. Ausserdem sind mehrere Vorstösse und eine Initiative angekündigt. Der Fall ist mit der Räumung des Hofes noch lange nicht von Tisch.

35 Kommentare

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  • Kommentar von Verena Casagrande (Verena Casagrande)
    Für wenn sind eigentlich Gerichte da ? Wegen eines sogenannten Formfehlers kann so etwas seinen Lauf nehmen. Ist den bei Menschen wirklich nur noch eines wichtig,Geld und nochmals Geld, Tiere korrekt gehalten = Nebensache.
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    @Pia Müller: Ich finde es nicht fair, hier die Bauernlobby ins Spiel zu bringen. Es handelt sich um einen einzelnen Vorfall, vielleicht kennen Sie noch andere Beispiele, okay. Die Bauern an sich aber, so meine Erfahrungen, achten sehr gut auf ihre Tiere, besser als viele Haustierbesitzer. Das es die Masttierhaltung gibt liegt an uns Konsumenten: 1 kg Schweinefleisch darf ja nicht mehr als 16.- kosten. Was die Halter da wohl noch verdienen? Ich appelliere also an unsere eigene Verantwortung.
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    1. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Stimmt, viele Haustiere werden nicht artgerecht gehalten, auch Bauernkatzen! Ich lebe seit meiner Kindheit inmitten Bauern im In-+Ausland, also seit über 70j. Meist mit eigenem Hof, Pferden, Offenstall, Weideland. Vorab, CHer Nutztiere sind gesetzlich besser geschützt als anderswo. Diese Gesetze zugunsten Böden, Gewässer+Nutztiere decken jedoch die Bedürfnisse der Tiere längst nicht ab (Kälbereinzelhaft, Anbindeställe usf) u.werden idR auch nicht aus Überzeugung befolgt, sondern wegen Zahlungen.
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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Tönt nach dem Traum der SVP: freier Bürger wehrt sich ganz Amerikanisch gegen den bösen Staat mit der Waffe in der Hand. Hoffentlich merken jetzt einige, warum wir einen starken Staat brauchen und wollen. Hier rufen jetzt viele, der Staat hätte mehr tun sollen - hätte er auch - aber das erfordert sehr viel Geld für Polizei und Gerichtsverfahren und im Vornherein ist nie klar wer recht hat. Dieser Fall ist krass, aber nur ein Symptom für die anti Staat Haltung vieler Schweizer.
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    1. Antwort von Fabio Krauss (FabioK)
      Mit einer Anti-Staat-Haltung hat das ganze überhaupt nichts zu tun. Vielmehr liegt das Problem darin, dass der Staat Ressourcen vergeudet, um dem kleinen Bürger und den KMU's das Leben schwer zu machen, anstatt sich um die essentiellen Dinge (siehe vorliegender Fall) zu kümmern und hier geltendes Recht sauber (!) anzuwenden. In der Privatwirtschaft wären diese Leute längst weg vom Fenster! Die Inkompetenz gewisser Beamter und Politiker muss Konsequenzen haben!
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