Minderjährige Asylsuchende «Die Eltern können wir nicht komplett ersetzen»

Unbegleitete minderjährige Asylsuchende erhalten eine spezielle Betreuung. Ein Heimleiter erzählt aus seinem Alltag.

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Integrationsschwierigkeiten bei jungen Asylsuchenden

13 min, aus Schweiz aktuell vom 23.5.2017

Sie sind minderjährig, kommen ohne Eltern in die Schweiz und stellen ein Asylgesuch. 2015 stieg die Zahl unbegleiteter minderjähriger Asylsuchenden (kurz UMA) markant.

Zwar führte die Schliessung der Balkanroute im Frühjahr 2016 dazu, dass im letzten Jahr weniger UMA in die Schweiz kamen. Doch waren 2016 immer noch mehr als 7 Prozent aller Asylsuchenden unbegleitet und minderjährig.

In der Schweiz erhalten UMA eine spezielle Betreuung. Mehrere Wohnheime für Familien und Minderjährige gibt es in Broc (FR). Stéphane Buchs leitet dort ein solches Wohnheim.

Stéphane Buchs. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Stéphane Buchs ist Leiter eines Wohnheims für minderjährige unbegleitete Asylsuchende im Kanton Freiburg. SRF

SRF News: Stéphane Buchs, minderjährige Asylsuchende brauchen eine besondere Betreuung. Wie sieht das genau aus?

Stéphane Buchs: Junge Asylsuchende, die alleine ohne Eltern hier sind, brauchen einen speziellen Rahmen. Dieser Rahmen soll gewährleisten, dass sie pünktlich in die Schule gehen, in der Küche mitarbeiten oder dass sie sich etwas Gesundes zu essen machen können.

Wie sieht es mit der psychologischen Betreuung aus? Viele UMA haben traumatische Erlebnisse wie Krieg und Flucht hinter sich.

Das ist tatsächlich so. Gewisse UMA können nicht schlafen oder haben Angstzustände. In diesen Fällen können wir glücklicherweise ärztliche Hilfe holen. Dann schaut man, ob es beispielsweise einen Psychologen oder einen Psychiater braucht.

Sie persönlich sind also eine Art Eltern-Ersatz für den Alltag?

Ja, ein Eltern-Ersatz im Sinne des Rahmens, den wir den Minderjährigen geben. Aber klar: die Beziehung zu den Eltern können wir natürlich nicht ersetzen.

Welche Probleme gibt es bei der Integration mit den jungen Asylsuchenden?

Die meisten Probleme teilen sie uns gar nicht erst mit. Wir merken es dann, wenn sie in der Schule fehlen und sich beispielsweise wegen Kopfschmerzen entschuldigen. Das zeigt uns, dass sie Probleme mit der Integration haben.

Was machen Sie, wenn jemand nicht motiviert ist, sich zu integrieren?

Wir können ihnen eine Busse von 5 Franken aufbrummen. Aber natürlich versuchen wir es in den meisten Fällen mit Reden. Wir versuchen ihnen zu zeigen, dass Integration hilft und warum es Sinn macht, die Sprache zu lernen.

Und das funktioniert?

Manchmal funktioniert es und manchmal nicht. Aber man muss wirklich versuchen, alle zu motivieren und ihnen die Gründe aufzuzeigen, sich zu integrieren. Ein positiver Asylentscheid kann natürlich so ein Grund sein.

Das Interview führte Katharina Locher.

Asylgesuche von unbegleiteten Minderjährigen seit 2004 Quelle: Zentrales Migrationsinformationssystem des Bundes (ZEMIS)

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