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Kritik an Leistungsstufen Die Starken unter sich oder mehr Chancen für alle?

Integrative Schulen sind gerechter und fördern den sozialen Zusammenhalt. Kantone beurteilen eine neue Studie kritisch.

Legende: Audio Sollen Kinder in Leistungsklassen unterrichtet werden? abspielen. Laufzeit 3:27 Minuten.
3:27 min, aus Rendez-vous vom 31.05.2017.
  • Eine Studie der Uni Genf beleuchtet das heikle Thema «Chancengleichheit in der Schule». Sie vergleicht die kantonalen Systeme anhand der Pisa-Daten von 2003-2012.
  • Das Fazit: Mehr Durchlässigkeit sorgt für mehr Gerechtigkeit.
  • Erste Reaktionen aus der Praxis fallen teils wohlwollend, teils kritisch bis ablehnend aus. Es sind hochpolitische Fragen, die hier auf die Kantone zukommen.

Wie wichtig ist die Chancengleichheit in der Schule?

«Ein gewisser Markt muss in der Schule spielen, aber es ist mir klar ein Anliegen, dass alle eine Chance haben», sagt der Schaffhauser Erziehungsdirektor Christian Amsler. Der frühere Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz betont, dass es aber keineswegs um «Sozialromantik» gehe. Junge müssten auch im Markt und Gewerbe lebenstauglich werden und in der Wirtschaft bestehen können.

Integrativer Unterricht als «grosse Zukunftsfrage»

Amsler schätzt die Resultate der Studie als sehr wichtig für anstehende Entscheide ein. Eine der ganz grossen Zukunftsfragen in der Bildung werde jene des integrativen Unterrichts sein. Hier gingen die Meinungen weit auseinander. Wissenschaftlich klare Kenntnisse seien der beste Weg.

LCH: Wer nach Stufe leistet, leistet weniger

Beim Schweizer Lehrerdachverband LCH tönt es ähnlich. Der Leiter Pädagogik, Jürg Brühlmann, hält die Kritik an den Leistungsstufen für plausibel. Kinder müssten so gefördert werden, dass sie die hohen Erwartungen spürten, sonst leisteten sie weniger: «Wer zu hören bekommt, er sei halt nur Sek C, leistet auch nur für diese Stufe.»

Leistungskomponente noch stärker betonen?

Laut Brühlmann wäre es naheliegend, dass sich die Erziehungsdirektionen für die Erfahrungen in anderen Kantonen interessieren.

Die ersten Reaktionen aus Kantonen, die in der Studie schlecht abschneiden, sind indessen ablehnend. «Aus meiner Optik müsste der Leistungsansatz viel mehr in den Fokus gestellt werden als die soziale Ungerechtigkeit», sagte etwa der Aargauer Erziehungsdirektor Alex Hürzeler.

Jürg Brühlmann antwortet diplomatisch: «Die Systemumstellung braucht etwas Zeit. Sie muss aber klar in Richtung mehr Durchlässigkeit gehen.» Er bleibt zuversichtlich, dass die sachlichen Argumente bei den anstehenden Diskussionen helfen werden.

Schultypen

Getrenntes System: Schüler werden nach dem Niveau ihrer schulischen Leistungen in getrennten Schulen und Klassen unterrichtet (z.B. Realschule, Sekundarschule, Gymnasium).
Integriertes System: Schüler mit unterschiedlichem schulischem Niveau werden in denselben Klassen unterrichtet.
Gemischtes System: Mischung aus getrenntem und integriertem System.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von John Johnson (Kelten)
    Zum Glück bin ich heute kein Schulkind mehr. Für meine „altmodische“ leistungsorientierte Grundschule, welche mich hervorragend für Markt und Gewerbe lebenstauglich und in der Wirtschaft für erfolgreiches bestehen vorbereitet hat, bin ich ewig dankbar. Wirklich arme traurige neue Kindergeneration, wenn diese als Erwachsene dann nur noch mit der Basis als geschulte "Sozialromantiker" ihr zukünftiges Leben glücklich und erfolgreich bewältigen sollten....
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Nur im germanofonen Sprachbereich lebt der Mensch nur zum Arbeiten. In der "Rest"welt arbeitet man um zu Leben. Da gibts nebst der Lohnsklavereitauglichkeit auch noch ein Familienleben und einen freien Auslauf. Die Gewerbe- und Konsumtauglichkeit allein macht nie gluecklich. Wenn in den leerbegleitenden statt -ersetzenden Berufsschulen die Leibes- und "Rest"lebensertuechtigung systematisch vernachlaessigt werden, werden im Gewerbe nur noch die den Ausbeutungsgewinn absahnenden Bosse gluecklich..
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  • Kommentar von Martin Buchmann (Buchmi)
    Alle sollen die gleichen Chancen haben. Aber weil nicht alle Schüler die gleichen Talente haben, werden nicht alle die Chancen gleich nutzen (können). Das muss bei der Schulbildung berücksichtigt werden.
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  • Kommentar von Pascal Scheidegger (Pascal S)
    Wenn wir vom veralteten System abkommen, dass Kinder nach Alter eingeschult werden, kann viel entschärft werden. Gewissen Kinder bringt es enorm viel, ein Jahr später in die Schule zu kommen, weil sie einfach noch etwas mehr Entwicklungszeit brauchen. Manche machen später den Knopf auf, sind dann dafür auf der Überholspur. Aber wenn man nach Alter einschult, sind sie von Anfang an unter Druck und das kann für die gesamte Schulkarriere negativ prägend sein.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Und eine Studie hat belegt, dass alle Schüler ungefähr dieselben Chancen hätten, wenn der Schulunterricht später am Vormittag, also erst 9 Uhr anfangen würde. Deshalb, weil Morgenmuffel um 7 od. 8 Uhr noch nicht so aufnahmefähig sind, wie andere, welche damit keine Probleme haben.
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