Erste Schritte für eine Versöhnung mit ehemaligen Verdingkindern

Das Verdingwesen, ein dunkles Kapitel: Viele Kinder haben gelitten in ihren Pflegefamilien, manche leiden bis heute an den Folgen. Unlängst hat sich Simonetta Sommaruga für das Erlittene entschuldigt. Sie versprach, Geschehenes aufzuarbeiten. Nun finden erste Treffen statt. Einfach werden sie nicht.

Zwei Männer schütteln Bundesrätin Sommaruga die Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im April entschuldigte sich Simonetta Sommaruga im Namen des Bundesrats bei ehemaligen Verdingkindern. Keystone

Nach der Entschuldigung beginnt die Aufarbeitung: Im April stellte Bundesrätin Simonetta Sommaruga einen Runden Tisch zum Verdingwesen in Aussicht. An ihm soll das Verdingwesen geschichtlich, rechtlich und auch finanziell aufgearbeitet werden. Nun tritt dieser Runde Tisch erstmals zusammen.

Eine, die sich dem Verdingwesen schon lange beschäftigt, ist SP-Nationalrätin Jaqueline Fehr. Sie forderte schon vor rund zehn Jahren eine Aufarbeitung dieses Kapitels. Für Fehr ist es höchste Zeit für die Gespräche, die nun beginnen: «Wir müssen einen Prozess ermöglichen, der am Schluss zu einer Versöhnung führt.» Dazu müssten die Betroffenen und ihre Angehörigen ebenso einbezogen werden die Vertreter der einst Verantwortlichen.

Angst vor alten Wunden

Die Gepeinigten mit Vertretern der damaligen Peiniger an einen Tisch zu bringen, ist schwierig. Auf der einen Seite stehen ehemalige Verdingkinder, administrativ Versorgte und Zwangssterilisierte. Auf der anderen sind Gemeinden, Heimverbände, Kirchen und die Bauernschaft.

Der Historiker Thomas Huonker setzt sich für ehemalige Verdingkinder ein. Er befürchtet, dass nun bei den Opfern im schlimmsten Fall alten Wunden aufgerissen werden, anstatt eine Versöhnung zu erzielen. «Die Angst ist da, dass sie einmal mehr den Schwarzen Peter zugespielt erhalten.» Es bestehe die Gefahr, dass die Opfer mit einer billigen Lösung abgespiesen werden.

Die Frage nach Entschädigungen ist besonders heikel

Geleitet wird der Runde Tisch vom Urner alt Ständerat Hansruedi Stadler. Die Angst der Opfer bekam er schon bei den Vorbereitungen des Dialogs zu spüren. Einzelne Opfervertreter forderten konkrete Entschädigungssummen. Andere kritisierten die in ihren Augen zu einseitige Zusammensetzung des Runden Tischs und drohten mit Boykott.

Heikel ist insbesondere die Frage nach Entschädigungen. Laut dem Historiker Maro Leuenberger lässt sich heute gar nicht mehr feststellen, wer als Verdingkind wie stark gelitten hat. Leuenberger hat zu dieser Frage geforscht: «Es gibt kaum Akten. Da wird man auch in den Behördenprotokollen, die heute noch vorhanden sind, nichts finden.» Wer wo untergebracht war, lasse sich anhand der Akten im Einzelfall eigentlich nicht feststellen.

Die Frage, wer wie und wieviel Entschädigung bezahlen soll, hat grosses Streitpotential. Mitunter kann der Runde Tisch deswegen gar scheitern. Auf einen langen Weg bis zu einer möglichen Versöhnung richten sich die Beteiligten sowieso ein.

(buet)