Exodus nach Europa: Die Jugend verlässt Gambia

Keine Perspektiven, die Willkürherrschaft eines Despoten und der Traum von Europa – immer mehr Junge verlassen den westafrikanischen Zwergstaat. Auch in der Schweiz steigen die Asylgesuche aus Gambia deutlich an.

Flüchtlinge aus Mali, Gambia und Senegal in einer Polizeistation in Mauretanien. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unter den Flüchtlingstreck aus Westafrika Richtung Europa mischen sich zunehmend junge Gambier. Reuters/Archiv

Eritreer, Somalier, Afghanen oder Syrier: Viel wurde in den vergangenen Wochen und Monaten über Asylsuchende aus diesen Ländern geschrieben und gesprochen. Weniger bekannt ist, dass auch zunehmend Menschen aus Gambia auf der Flucht sind. Die Menschen aus dem westafrikanischen Land suchen ihr Glück anderswo – auch bei uns.

Die Zahl Asylsuchender aus Gambia ist im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahr um über 80 Prozent gestiegen. Gut 800 Gambierinnen und Gambier sind in die Schweiz eingereist.

Asylgesuche aus Gambia: Die letzten 10 Jahre *Bei den Zahlen 2016 handelt es sich nur um das erste Halbjahr.

Der Journalist Heinrich Bergstresser arbeitet unter anderem für das unabhängige Giga-Forschungsinstitut in Deutschland und ist auf Westafrika spezialisiert. Er klärt die wichtigsten Fragen zum Anstieg der Asylgesuche.

Warum verlassen so viele Menschen ihre Heimat?

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Zwergstaat in Afrika

Zwergstaat in Afrika

Reuters

Gambia ist eine Republik in Westafrika, die kaum ein Viertel so gross ist die Schweiz. Im Land leben knapp zwei Millionen Menschen, die Amtssprache in der ehemaligen britischen Kolonie ist Englisch. 90 Prozent der Bevölkerung sind muslimischen Glaubens, neun Prozent Christen.

Sie fliehen wegen allgemeiner Perspektivlosigkeit, aber vor allem aus einem Grund: Es herrscht ein Klima der Angst in Gambia. Diese Mixtur sorgt bereits dafür, dass sich diese überwiegend jungen Menschen nach Europa aufmachen. Es herrscht ein System, das durch Willkür, Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit gekennzeichnet ist. Zugleich ist dieses Willkürregime nicht bereit oder willens, wirtschaftliche Perspektiven aufzubauen und das Land so zu entwickeln, dass ein Grossteil der jüngeren Generation mehr als die blosse Chance auf Überleben hat. Gambia ist Lichtjahre davon entfernt, dass die Menschen ein relativ angenehmes Leben führen können.

Was erhoffen sich die Menschen vom Leben in Europa?

Es sind nicht nur Menschen mit besserer Ausbildung oder allgemein Bessergestellte, die Gambia verlassen. Insgesamt ist die Analphabetenquote im Land sehr hoch; zugleich ist die Gesellschaft sehr, sehr jung – die unter 18-Jährigen machen einen Grossteil der Gesellschaft aus.

Wenn es wenig Chancen gibt, eine Familie zu gründen, schaut man sich um und meint zu erkennen: Jenseits des Mittelmeers fliessen Milch und Honig. Doch die Jugendlichen haben auch Vorbilder. In den 1960er- bis in die 1980er-Jahre gab es vor allem nach Grossbritannien offizielle Auswanderungen. Daher bestehen Beziehungen und Austausch mit Menschen, die bereits ausgewandert sind. Dazu kommt die digitale Welt. Sie sorgt dafür, dass ein Bild von der westlichen Welt gezeichnet wird, das so nicht mit der Realität übereinstimmt.

Warum setzt die Auswanderungswelle gerade jetzt ein?

Fast unbeachtet von der Weltöffentlichkeit hat der Despot Yahya Jammeh in den letzten Jahren die Schraube der Repression und der Willkür weiter angedreht. Gleichzeitig ist die Opposition in desolatem Zustand und kann Jammehs Machtanspruch und seine Fassadendemokratie in keinster Weise herausfordern. Es kam sogar zur absurden Situation, dass Gambier, die mittlerweile US-Staatsbürger sind, in ihrer Heimat einen Putschversuch unternommen haben. Gepaart mit der desolaten Wirtschaftslage im Land heisst das: Viele junge Menschen möchten unter Umständen weg.

Wie wirkt sich die Abwanderung auf das kleine Gambia aus?

Bei der Unabhängigkeit 1965 von Grossbritannien war die Bevölkerung nur ein Fünftel so gross wie heute. Heute leben knapp zwei Millionen Menschen im Land, damals waren es etwa 400‘000. Das Land ist in der Grösse gleich geblieben, die Bevölkerung hat sich aber verfünffacht. Und das vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise, Unterentwicklung, bitterer Armut. Die jungen Menschen glauben, nichts zu verlieren zu haben. Und dass sie es – wenn sie durch die Sahara und über das Mittelmeer kommen – in Europa schaffen.