Fall Mörgeli: Betreuung der Doktoranden war teilweise ungenügend

Die «Rundschau» hatte bereits vor Monaten darüber berichtet – nun ist es amtlich: Die unter der Ägide von Christoph Mörgeli verfassten Doktorarbeiten waren zum grossen Teil mangelhaft. Mörgeli widerspricht. Die Uni selbst hätte die Arbeiten als «mindestens genügend» bewertet.

Video «Mörgelis Betreuung «teilweise ungenügend»» abspielen

Mörgelis Betreuung «teilweise ungenügend»

0:42 min, aus Tagesschau am Mittag vom 1.10.2013

Christoph Mörgeli hat eine empfindliche Schlappe erlitten. Internationale Experten sind zum Schluss gelangt, dass der Titularprofessor und SVP-Nationalrat am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich mangelhafte Dissertationen
abgesegnet hat.

Laut Universität waren 39 zufällig ausgesuchte und anonymisierte Dissertationen, die von verschiedenen Dozierenden betreut wurden, einer Beurteilung unterzogen worden.

Die drei Experten seien zu dem Schluss gekommen, dass Mörgeli als Konservator, zusammen mit seinem einstigen Chef Beat Rüttimann, häufig mangelhafte Dissertationen abgesegnet habe. Teilweise habe es sich gar um wenig oder gar nicht kommentierte Transkriptionen gehandelt.

Nach Meinung der Experten ist die mangelhafte Qualität der Dissertationen auf eine unzureichende Betreuung der Doktorierenden zurückzuführen. Mörgeli und Rüttimann, die beide nicht mehr am Medizinhistorischen Institut und Museum tätig sind, hätten ihre Doktorierenden nicht ausreichend auf das Verfassen eine wissenschaftlichen Arbeit in Medizingeschichte vorbereitet. So sei etwa der Fragestellung, der Kontextualisierung und den Quellenangaben zu wenig Bedeutung beigemessen worden.

Mörgeli: «Viele Doktoranden hatten ausländische Wurzeln»

Christoph Mörgeli weist die Kritik der Uni Zürich zurück: «Ich stehe voll und ganz hinter den Arbeiten, die ich betreut habe.» Er räumte jedoch ein, dass es teilweise Probleme mit der Sprachkompetenz gegeben habe. Beinahe die Hälfte der von ihm Betreuten habe ausländische Wurzeln. «Hätte ich diese Doktoranden nicht betreut, hätte man mir dies sicher aus parteipolitischen Gründen zum Vorwurf gemacht», so der Titularprofessor und SVP-Nationalrat.

Er selbst sei von den internationalen Experten nicht angehört worden. Auch über das Ergebnis ihrer Prüfungen der Dissertationen sei er nicht informiert worden.

In einer zweieinhalbseitigen Stellungnahme weist Mörgeli darauf hin, dass die Qualität der von der Expertenkommission überprüften 39 Dissertationen seinerzeit von der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich als «mindestens genügend» beurteilt worden seien. Diese hätten wissenschaftlichen Standards entsprochen. «Es gab unter meiner Leitung keine einzige Dissertation, die lediglich aus einer unkommentierten Texttranskription bestand.»

Höhere Anforderung bei Medizingeschichte?

Zusatzinhalt überspringen

Heute Abend in «10vor10»

Heute Abend in «10vor10»

Mehr zum Thema in «10vor10», um 21.50 Uhr auf SRF 1.

Weiter kritisiert Mörgeli, dass einzig die medizinhistorischen Dissertationen überprüft wurden statt die Standards der medizinischen Dissertationen als Ganzes. «Ansonsten hätte sich herausgestellt, dass die Medizingeschichte an die Doktorierenden weit höhere Anforderungen stellt, als viele medizinische Disziplinen, bei denen die Dissertation zuweilen aus einer Tabelle und einigen Messungen besteht.»

Den Expertenbericht sieht Mörgeli nicht als Rechtfertigung für den Beitrag der «Rundschau» vom März 2013. Gegen diese Berichterstattung, die von der Universität zum Anlass genommen wurde, die Dissertationen überprüfen zu lassen, hatte er bei der Unabhängigen Beschwerdeinstanz UBI der SRG Beschwerde eingereicht.

Das Verfahren sei noch immer hängig, sagte Mörgeli. Ebenfalls hängig sei sein Rekurs gegen die Kündigung durch die Universität. «Nicht einmal ein Arbeitszeugnis habe ich bisher erhalten.»

Christoph Mörgeli in der «Rundschau» zu den Vorwürfen

10 min, aus Rundschau vom 27.3.2013

Mörgeli wittert politische Kampagne

Im Frühling 2013 hatten Berichte der «Rundschau» Zweifel an der Qualität medizinhistorischer Dissertationen aufkommen lassen. Die Universität hatte daraufhin eine internationale Expertenkommission eingesetzt.

Christoph Mörgeli war im September 2012 als Kurator des Medizinhistorischen Museums der Universität Zürich per sofort freigestellt worden.

Die Uni begründete ihren Entscheid mit ungenügenden Leistungen Mörgelis als Konservator sowie mit seiner massiven Verletzung der Loyalitätspflicht gegenüber der Universität.

Gegen die Kündigung legte Titularprofessor Mörgeli Rekurs ein. Er machte eine politisch motivierte Kampagne geltend. Als bekannter SVP-Nationalrat sei er an der Universität Zürich nicht mehr geduldet worden.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Mangelhaft betreute Dissertationen

    Aus 10vor10 vom 1.10.2013

    Christoph Mörgeli habe zumindest einen Teil seiner Doktoranden mangelhaft betreut. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Expertenkommission. Sie hat im Auftrag der Universität Zürich Dissertationen des medizinhistorischen Seminars untersucht.

  • Umstrittene Dissertationen

    Aus 10vor10 vom 1.10.2013

    Medizin-Dissertationen fallen magerer aus als jene in anderen Studienrichtungen und der Zeitaufwand ist deutlich geringer. Das hat unter anderem damit zu tun, dass das Medizin-Studium länger dauert. Andere Länder vergeben Ärzten ohne Dissertation einen Doktortitel. Auch in der Schweiz wird das gefordert.

  • Fall Mörgeli abgesegnete Doktoranden-Arbeiten z.T. ungenügend

    Aus Tagesschau vom 1.10.2013

    Die Doktorandenarbeiten, welche von Titularprofessor Christoph Mörgeli am Medizinhistorischen Institut der Uni Zürich abgesegnet wurden, waren grösstenteils mangelhaft. Das ergibt der Bericht einer internationalen Expertenkommission.

  • Kritik an Mörgelis Doktoranden-Betreuung

    Aus Echo der Zeit vom 1.10.2013

    Viele Doktorarbeiten, die der Medizinhistoriker und Nationalrat Christoph Mörgeli an der Uni Zürich betreut hat, sind nicht über alle Zweifel erhaben. Das schreiben internationale Experten in einem Bericht, den die Universität in Auftrag gegeben hatte.

    Konsequenzen soll das aber weder für Mörgeli noch die Autoren haben.

    Curdin Vincenz