Zum Inhalt springen

Header

Audio
Der Spitze Stein bewegt sich: Wie gefährlich ist es und was kann man tun?
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 27.11.2020.
abspielen. Laufzeit 12:36 Minuten.
Inhalt

Fels in Bewegung Der «Spitze Stein» hängt wie ein Damoklesschwert über Kandersteg

Der Fels oberhalb von Kandersteg bewegt sich. Vor dem Geröll könnte man sich schützen, doch das Dorf wehrt sich dagegen.

Oberhalb von Kandersteg, hoch über dem Berner Oberländer Dorf thronen Felsen. Die Zacken werden «Spitze Stei» genannt. Das Problem: Das Felsgebiet rutscht ab – in der letzten Zeit nahm die Geschwindigkeit zu. Immer wieder kommt es zu Felsabbrüchen, immer wieder donnert Geröll in Richtung Kandersteg. Das ist nicht ungefährlich.

Der Kanton Bern misst die Bewegungen des Steins seit 2018 mit verschiedenen Methoden. Immer wieder sind Expertinnen und Experten vor Ort. Im September konnten sie einen Felssturz hautnah miterleben.

Bildvergleich

Regler nach links verschieben Regler nach rechts verschieben
Legende:Am 21. September 2020 fand ein kleinerer Felssturz statt. zvg/Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern

«Die aktuelle Entwicklung lässt uns vermuten, dass es irgendwann einen grösseren Abbruch geben wird», sagt Nils Hählen, Leiter Abteilung Naturgefahren beim Kanton Bern. «Die Situation wird sich wohl nicht entspannen – sie wird eher von Jahr zu Jahr kritischer.»

Diese Beobachtung war für den Kanton Bern Grund zu handeln: Er verhängte Massnahmen, um das Dorf unterhalb des Spitzen Steins zu schützen.

Diese Massnahmen schlägt der Kanton Bern vor

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Auf Anraten des Kantons hat die Gemeinde Kandersteg beim Oeschinensee eine Sperrzone eingerichtet. In dieser Zone liegt jedoch beispielsweise ein beliebter Schlittelweg, der nun geschlossen ist.

Am Ufer des Oeschibachs, oberhalb Kandersteg, wurden Dämme zum Schutz vor Geröll errichtet worden. Diese Dämme sollen im nächsten Jahr auf sechs Meter Höhe aufgeschüttet werden.

Und in Kandersteg soll in der gefährdeten Zone – das sind fast zwei Drittel des Dorfes – das Bauen kaum mehr möglich sein.

Befürchtet wird nicht, dass Dorfbewohnerinnen und -bewohner verletzt oder gar getötet werden könnten. Dank den Messstationen oben im Felsgebiet können die Fachleute einen grossen Felssturz etwa 48 Stunden vorher ankünden. Deshalb geht es bei den Massnahmen viel mehr um den Schutz der Gebäude und der Infrastruktur.

Löst sich der Fels, dann donnert das Geröll in Richtung Kandersteg (oben im Bild erkennbar).
Legende: Löst sich der Fels, dann donnert das Geröll in Richtung Kandersteg (oben im Bild erkennbar). ZVG/Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern

Im Ganzen sind rund 20 Millionen Kubikmeter Fels am «Spitzen Stein» in Bewegung. Falls alles auf einmal kommt, wären die Folgen für Kandersteg verheerend. Damit rechnen die Experten allerdings nicht.

Bildvergleich

Regler nach links verschieben Regler nach rechts verschieben
Legende:Am 12. Oktober 2020 kam es zu einem weiteren Felssturz.zvg/Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern

In Kandersteg ist man sich einig, dass ein grosser Felssturz gefährlich ist. Dennoch wehrt sich das Dorf gegen die vom Kanton vorgeschlagenen Schutzmassnahmen.

Das ist unser Zuhause. Wir wohnen hier.
Autor: Christoph WandfluhHotelbesitzer

Christoph Wandfluh und seine Frau betreiben ein Hotel und ein Bergrestaurant am Oeschinensee. Sie sind betroffen, da der Schlittelweg jetzt geschlossen ist – er liegt in der Sperrzone. «Dieser Weg war unsere Perle», so Wandfluh, «der Wintertourismus läuft in Kandersteg sowieso nicht überragend.»

Weshalb bewegt er sich?

Die Gründe für die Rutschung des Felsens sind vielfältig. Der Klimawandel spielt laut Nils Hählen von der Abteilung Naturgefahren aber eine grosse Rolle: Das Eis im Boden schmilzt und so gelangt leichter Wasser in den Fels. Dieser wird dadurch brüchig. Und durch die Erwärmung regnet es auch in hohen Lagen.

Im Dorf soll eine Planungszone eingeführt werden, um Sachschäden zu verhindern. Dort darf nicht mehr neu gebaut werden. Das stösst Bauunternehmer Fritz Rösti und dem Handwerker- und Gewerbeverein sauer auf. Rund zwei Drittel des Dorfes liegen in der Gefährdungszone. «Das Land dort hat im Moment keinen Wert.» Er befürchtet, dass Kandersteg ausstirbt.

Geröll vor dem Oeschinensee.
Legende: Dass das Geröll in den See kommen und dort eine Flutwelle auslösen könnte, damit rechnen Experten nicht. zvg/Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern

Diese Befürchtung teilt der amtierende Gemeinderatspräsident Urs Weibel nicht. «Ich glaube nicht, dass unser Dorf nicht mehr gepflegt wird.» Die Planungszone gelte vorläufig zwei Jahre. Zudem sei die Zone ein Kompromiss mit dem Kanton. Hätte der Kanton alleine entschieden, wären die Massnahmen strikter. «Dann würde ein genereller Baustopp gelten.»

Eine Gratwanderung

Ab dem neuen Jahr hat die Gemeinde einen neuen Gemeinderatspräsidenten, Hotelier René Mäder. Er meint: «Wir müssen die Leute im Dorf schützen, dass ist klar. Die Frage ist aber, wie gross der Schutz der Gebäude sein muss.» Er spüre die Existenzängste des Gewerbes. Sein Ziel sei, möglichst viel für die Leute in Kandersteg herauszuholen. Aber: «Es muss sich mit der Gefahr vereinbaren lassen.»

Messstation auf dem Berg.
Legende: Beim Spitzen Stein werden immer wieder Messungen durchgeführt. zvg/Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern

Der Stein bleibt derweil in Bewegung und rutscht immer mehr ab. Aber wann und wie viel kommt, das können auch die Fachleute nicht sagen. «Wir wissen nie, ob wir innerhalb weniger Tage unseren Betrieb schliessen müssen. Und wir wohnen ja auch hier», sagt Hotelbesitzer Christoph Wandlfuh vom Oeschinensee. Diese Ungewissheit, das sei das Schlimmste.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 27.11.2020, 12:03 / 17:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Matthias Schönenberger  (matthisch)
    Wunderbare Analogie zum Coronavirus: Die Behörden erkennen eine Gefahr und schützen die Bevölkerung (welche ganz vorne mit dabei wäre um die Behörden zu schelten, wenn man nichts getan hätte). Diese jedoch (wie immer schlauer als gebildete Experten) findet man solle das nicht tun, weil es "schadet der Wirtschaft". Wisst ihr was auch der Wirtschaft schadet? Mehrere Tote Wanderer und zerstörte Gebäude, obwohl man von der Gefahr wusste.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von jean-claude albert heusser  (jeani)
    Die Kandersteger haben so "harte Grinde" wie der Fels!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Ich kann zwar die Bevölkerung verstehen, dass sie nichts verändern will, aber wenn etwas passiert sind sie die Ersten welche allen andern die Schuld geben. Auch dass die bauzone verändert wird ist richtig. Rechtzeitig handeln ist besser als nachher aufräumen zu müssen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen