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(Alp-)Traum Maiensäss
Aus Einfach Politik vom 10.07.2020.
abspielen. Laufzeit 22:44 Minuten.
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Ferienwohnung im Stall Sanfter Tourismus oder Etikettenschwindel?

Die Maiensässe sind Zeugen einer Landwirtschaft, die es so nicht mehr gibt. Etwa 600'000 Gebäude stehen in der Schweiz ausserhalb der Bauzone. Sie werden oft zu Ferienwohnungen umgebaut. Unternehmer hoffen auf Aufträge, die Landschaftsschützer fürchten um ein Stück ursprüngliche Bergwelt.

Von weitem sieht man am grünen Hang eigentlich nur den Stall. Gebaut irgendwann vor vielen Jahren. Die dicken runden Hölzer sind von der Sonne dunkelbraun gefärbt.

Gian Derungs zeigt auf einen kleinen Anbau auf der rechten Seite des Stalls: «Da drin hatte der Bauer seine Feuerstelle und das Käselager». Der 34-jährige Bündner CVP-Kantonsparlamentarier vermietet und verkauft hier in der Val Lumnezia im romanischsprachigen Bündner Oberland Ferienhäuser und -wohnungen.

Auf einem grünen Hang stehen weit auseinander kleine Häuser.
Legende: In der Val Lumnezia im Bündner Oberland stehen die Maiensässe vor einer prächtigen Kulisse. Curdin Vincenz

Und Derungs kennt sich aus beim Thema Maiensäss. Er hat seine Masterarbeit über diese landwirtschaftlichen Bauten zwischen dem Dorf und der Alp geschrieben.

Ställe und Hütten ohne Funktion

Jede Region hat seine eigene Maiensäss-Architektur – das kann wie hier ein Stall sein mit einem winzigen Wohnanbau oder aber ein kleines Häuschen mit einem freistehenden Stall dazu.

Die Bauten können aus Holz sein, wie hier, oder aus Stein wie zum Beispiel im Tessin. Was die Gebäude alle gemeinsam haben: Sie werden von den Bauern nicht mehr gebraucht.

Ein Steinhaus steht in einer Wiese.
Legende: Im Tessin sind es die Rustico, die ausserhalb der Bauzone stehen und als Ferienhäuser beliebt sind. Keystone

Seit der Bauer Maschinen zur Verfügung hat, mit Traktoren und Heuladern unterwegs ist, weiden zwar noch die Kühe hier auf dem Maiensäss auf etwa 1800 Metern über Meer, aber den Stall für das Heu und den Wohnanbau stehen leer. Einige Bauten, vor allem die Ställe ohne Wohnanbau, sind denn auch bereits am Verfallen, haben ein eingestürztes Dach oder sind nur noch ein Trümmerhaufen.

Touristisches Potential

Gian Derungs kennt nicht nur die Geschichte dieser Bauten, er sieht in ihnen ein wirtschaftliches Potential.

Wenn hier in den verfallenden Ställen Ferienwohnungen entstehen könnten und man die kleinen Hüttchen, wo früher die Bauern wohnten, mehr erweitern könnte, den angrenzenden Stall dafür mehr nutzen dürfte, wäre das touristisch sehr attraktiv, ist Derungs überzeugt.

Eine Reihe von Ferienhäuser sind in einen Hang gebaut.
Legende: Das Bündner Maiensäss-Dorf Aclas besteht aus 19 Ferienhäusern, Wlan inklusive. Keystone

«Das würde dem Tal viel Wertschöpfung bringen. Unsere Wirtschaft leidet unter der Annahme der Zweitwohnungsinitiative vor acht Jahren. Würde man die Bestimmungen für Maiensäss-Bauten lockern bekäme unsere Bauwirtschaft wieder mehr Aufträge und die neuen Besitzer zahlten auch Steuern und Gebühren», sagt er.

Warteliste für Maiensässe

An der Nachfrage der Feriengäste zweifelt Derungs nicht. Er führt eine Warteliste von Leuten, die sich für ein Maiensäss interessieren. Nur ist das Angebot sehr begrenzt und die Ausbauvorschriften im Raumplanungsgesetz des Bundes sind relativ streng.

Im Falle eines Maiensässes in der Val Lumnezia bedeuten sie: Man darf den kleinen Anbau zur Ferienwohnung umnutzen und die Wohnfläche um maximal 60 Prozent in den Stall hinein erweitern, so dass man von aussen nichts sieht.

Ein Stall und ein Häuschen sind auf dem Bild zu sehen.
Legende: Ein Stall mit einem neuen Maiensäss-Anbau in St. Antoenien-Partnun im Prättigau. Keystone

Derungs findet diese Vorschrift übertrieben strikt: «Ich verstehe nicht, warum man den Stall nicht noch mehr umnutzen kann. Man könnte hinter die Holzbalken des Stalles eine Glasfront montieren so bliebe das Bild des Stalles von aussen erhalten und man hätte trotzdem Licht in der neuen Ferienwohnung.»

Umnutzungen: «Ein Etikettenschwindel»

Es sind solche Ideen, an die Raimund Rodewald denkt, wenn er in Zusammenhang mit diesen Umnutzungen von «Etikettenschwindel» redet. Rodewald ist schon sein halbes Leben, seit 30 Jahren, Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und kämpft für ein strenges Raumplanungsrecht das strikte trennt zwischen Bauzone und Nicht-Bauzone.

Ein altes Holzgebäude mit einem verfallenen Dach ist abgebildet.
Legende: Manchmal sei es besser, die Maiensässe der Natur zu überlassen, argumentieren Landschaftsschützer. Keystone

«Man gaukelt bei solchen Umnutzungen vor, alles beim Alten zu belassen, aber das Gebäude verliert durch die neue Nutzung jeden Bezug zur bäuerlichen Umgebung», argumentiert er. Und zu diesem «Etikettenschwindel» kämen weitere Probleme, würde man die Vorschriften lockern: Es gäbe Mehrverkehr, vielleicht müsste man neu im Winter die Strässchen räumen, die zu den Maiensässen führten.

Es wird immer mehr Ansprüche geben. Der Appetit kommt mit dem Essen.
Autor: Raimund RodewaldGeschäftsführer Stiftung Landschaftsschutz Schweiz

Es stellten sich Fragen wie der Anschluss an die Kanalisation oder ans Stromnetz. «Diese Ansprüche würden entstehen», ist Rodewald überzeugt. «Der Appetit kommt mit dem Essen.»

Und noch etwas will Rodewald beobachtet haben. Die Landliebe der neuen Besitzer dieser Ferienhäuschen stosse schnell an ihre Grenzen. «Nicht selten kommt es zu Konflikten mit den Bauern. Die Städter, die im Sommer während der Heuzeit Bergferien machen, stören sich am Lärm der Bauern mit ihren Mähmaschinen und Traktoren.»

Rodewald findet darum, dass Umnutzen nach strengen Regeln wie heute in Ordnung sei, aber nicht mehr. Und es dürfe allenfalls dann mal eine Ausnahme geben, wenn es darum gehe einem brachliegenden Bauerngebäude eine neue Bestimmung für die Allgemeinheit zu geben.

Die Unterländer sehen uns am liebsten als Grossväter, die den ganzen Tag auf dem Bänkli vor der Hütte sitzen.
Autor: Gian DerungsImmobilien-Kaufmann und CVP-Grossrat, Lumnezia

Seine Stiftung fördert zum Beispiel Projekte, wo Räume für Schullager oder Ausstellungen entstehen. Die rein private Nutzung findet Rodewald aber immer die schlechteste Variante. «Dann ist es besser, man lässt einen Stall verfallen. Der Verfall, der gehört seit je zu unserer Siedlungsgeschichte.»

Gian Derungs hat da eine ganz andere Perspektive. In seiner Masterarbeit hat er sich bemüht auszurechnen, was lockerere Vorschriften für Maiensässe und Ställe dem Tal an Wertschöpfung bringen würden: Das wären einmalige Einnahmen zwischen vier und gut acht Millionen Franken. Dazu kämen wiederkehrend noch einmal jedes Jahr bis zu einer halben Million. Das sei viel für ein Tal wie die Lumnezia, findet Derungs.

Gebäude aus Holz und Stein stehen dicht beieinander.
Legende: Der Maiensaess-Weiler in Loebbia im Bergell, Kanton Graubuenden, wurde sanft renoviert und ausgebaut. Keystone

Aber er hat das Gefühl, dass viele Menschen im Mittelland es den Leuten in den Bergen krumm nehmen, wenn sie auch ans Geschäft dächten: «Die sehen uns am liebsten als Alpöhis mit einer Pfeife im Mund, die den ganzen Tag auf dem Bänkli vor einer Hütte sitzen.» Wenn sich dagegen ein Basler für gute Rahmenbedingungen für die chemische Industrie einsetze, störe das niemanden.

Kampf auf politischer Ebene

Sowohl Derungs als auch Rodewald haben sich mit politischen Vorstössen für ihre Sache stark gemacht. Rodewalds Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat zusammen mit anderen Umweltorganisationen eine Initiative lanciert, die in der Bundesverfassung ein für allemal die Umnutzung von Ställen und Maiensässen im grösseren Stil verbieten will (siehe Box). Die Unterschriften sind beisammen, im September soll sie eingereicht werden.

Die Landschaftsinitiative

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Die Landschaftsinitiative wurde 2019 von verschiedenen Umweltorganisationen lanciert. Gleichzeitig starteten die Verbände die Unterschriftensammlung für eine Biodiversitätsinitiative; sie sprechen darum von einer «Doppelinitiative». Ende Juni meldete das Initiativkomitee, dass beide Begehren genügend Unterschriften hätten. Eingereicht werden sollen sie im September.

Die Landschaftsinitiative möchte die Trennung von Bau- und Nichtbaugebiet in der Verfassung festschreiben und die Zahl und den Flächenverbrauch der Bauten ausserhalb der Bauzone plafonieren.

Derungs hat vor einigen Jahren zusammen mit anderen Bündner Politikern eine Standesinitiative eingereicht, die nach Bern weitergeleitet wurde und Schützenhilfe von den Wallisern bekam. National- und Ständerat haben die Forderung zwar abgewiesen. Allerdings soll nun das Raumplanungsgesetz angepasst werden und zwar so, dass die Kantone mehr Spielraum bekommen, wenn es um die Umnutzung solcher ehemals landwirtschaftlichen Gebäude geht (siehe Box).

Revision Raumplanungsgesetz

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Bei der aktuellen Revision geht es um die Bauten ausserhalb der Bauzone. Hier sollen die Kantone mehr Spielraum bekommen und massgeschneiderte Lösungen treffen können.

Der Bundesrat schlug dafür ein neuartiges Kompensationsmodell vor: Demnach hätten Bauten ausserhalb der Bauzone erweitert oder neu gebaut werden dürfen, wenn dafür an anderer Stelle im gleichen Gebiet andere Gebäude abgerissen würden. Dieses Modell hielt eine Mehrheit des Nationalrats aber für nicht praktikabel.

Im August berät jetzt als nächstes die zuständige Ständeratskommission, wie es mit dieser Gesetzesrevision weiter gehen soll.

Ob das den Durchbruch im Sinne von Gian Derungs bringt? Er klingt nicht gerade zuversichtlich, wenn er sagt: «Seit ich mich mit dem Thema befasse, sind die Vorschriften immer nur strenger und die behördlichen Hürden höher geworden. Von der Erfahrung her würde ich darum sagen, es gibt keine Lockerung, aber ich hoffe es natürlich.»

Podcast «Einfach Politik»

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    "28 Chalets im Stil der traditionellen Maiensässen (Almhäuser)." Pro Chalet bis zu 3 Parkplätze, Distanzangaben zum Supermarkt, Tennisplatz, Flughafen."
    Gusti Pollak
    Und diese Schandflecken stehen 4/5 des Jahres leer. Maiensäss ausbauen ok aber nur, wenn man sich verpflichtet während 10 Jahren dort ganzjährig zu leben. Wenn man vor dem Ablauf der Frist nicht mehr will oder kann, fällt das Chalet zum Steuerwert an jemanden, der drin lebt. Nicht das Besitzen zählt, sondern das drin Leben.
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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Gerade HEUTE wird bekannt dass der Mensch immer mehr von der Natur weg nimmt, abholzt und zu baut. Wo bitte soll das denn alles noch hinführen? Immer mehr Erschliessung, immer weniger Natur und dann? Die Katastrophe ist vorgegeben mit immer mehr Krankheiten die vom Tier auf den Menschen übergehen.
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  • Kommentar von Kurt E. Müller  (KEM)
    Die Lösung ist ganz einfach. Was der Bauer an Gebäuden nicht mehr unbedingt braucht muss weg. Auch uralte Ställe etc. sind ein Fremdkörper in der Natur. Wieso man die erhalten soll, ist mir ein Rätsel.
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