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Warum die Gasthöfe verschwinden
Aus Rendez-vous vom 30.09.2020.
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Gasthöfe müssen Platz machen Wenn «Bären», «Hirschen» und Co. verschwinden

In der Agglomeration Bern werden auffallend viele Gasthöfe abgebrochen. Der Heimatschutz schlägt Alarm.

Den Berner «Bären» geht es an den Kragen: Die traditionellen Gasthöfe haben es in der Agglomeration schwer. Längst werden nicht mehr überall Gäste verköstigt, etliche Gebäude stehen leer.

Zum Beispiel der «Bären» Zollikofen. Über 100 Jahre alt ist er. Ein Familienbetrieb hat hier über vier Generationen Gäste bewirtet. Vor ein paar Jahren war Schluss damit, das Gebäude wird nun zwischengenutzt.

Demnächst soll das stattliche Haus an der Bernstrasse, mit kleinen schmucken Säulen und farbigen Butzenscheiben, abgerissen werden. Auch die dazugehörigen, ebenfalls alten Gebäude sollen weichen. Schade sei das nicht, sagt Gemeindepräsident Daniel Bichsel. «Das Areal an bester Lage kann viel besser genutzt werden.»

Kaum Widerstand

Gegen den geplanten Abbruch hat sich in der Gemeinde kaum jemand gewehrt. Das Gemeindeparlament hat das dafür nötige Baureglement einstimmig beschlossen. Bald wird das Gebäude Geschichte sein, eine neue Überbauung mit 80 Wohnungen und einzelnen Geschäften ist geplant, sofern der Kanton Bern das Bauvorhaben bewilligt.

Hochhaus statt Gasthof

Schon Vergangenheit ist der «Bären» Ostermundigen. Anfang 2019 machten Baumaschinen den stattlichen Gasthof platt. Nun entsteht hier ein Hochhaus.

Luc Mentha vom Berner Heimatschutz stellt fest, dass die alten Gasthöfe in der Agglomeration vermehrt unter Druck stehen: Weil sie an guter Lage stehen und weil das Beizensterben weiter voranschreitet. Er bedauert es, wenn jeweils die Bagger auffahren: «Damit geht ein Stück Heimat verloren.»

Seiner Meinung nach entscheiden sich die Gemeinden häufig zu rasch für einen Abbruch. «Zu rasch wird in den Zentren die Bewilligung für neue Quartiere erteilt.»

Eine Agglomerationsgemeinde, die ihren «Bären» noch hat, ist Münchenbuchsee, eine Nachbargemeinde von Zollikofen. Auch hier war immer mal wieder nicht klar, wie es mit dem Gebäude und dem dazugehörigen Restaurant weitergehen soll. Das derzeitige Restaurant mit Kulturbetrieb sei ein Erfolg, sagt Gemeinderat Patrick Imhof. «Man trifft sich hier, der ‹Bären› ist das Zentrum des Dorfes.»

«Bären» Münchenbuchsee
Legende: Der «Bären» Münchenbuchsee beherbergt noch immer ein Restaurant. Thomas Pressmann | SRF

Das Gebäude steht da wie eh und je. Dieser Dorfkern soll mit der neuen Ortsplanung besonders geschützt werden. Doch auch in Münchenbuchsee konnten nicht alle alten Gasthofgebäude gerettet werden. Mehrere sind verschwunden oder darben:

«Die Gemeinde kann nicht selber Gasthöfe kaufen und betreiben», sagt Imhof. «Was wir können, ist die Ortsplanung anpassen und versuchen, den Schutzstatus einzelner Gebäude zu verbessern.» Wobei auch ein solcher Schutzstatus nicht einen Abbruch verhindern kann – je nachdem, in welchem Zustand sich das Gebäude befindet.

Das sagt die kantonale Denkmalpflegerin

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Porträt Tatiana Lori
Legende: zvg Kanton Bern

Der Kanton Bern führt keine Statistik über den Abbruch alter Gasthöfe. Es gebe aber jährlich mehrere Anfragen zum Abbruch oder Umnutzung eines Gasthofs, sagt Denkmalpflegerin Tatiana Lori. Auch sie beobachtet, dass der Druck wegen der gewollten Verdichtung in den Zentren auf solche Gebäude steigt. «Es läuft immer ähnlich ab: Ein Gasthof wird geschlossen, das Gebäude zerfällt, am Schluss kann es nur noch abgerissen werden.» Nicht nur in der Agglomeration Bern sind Gasthofgebäude derzeit unter Druck, sondern im ganzen Kantonsgebiet. Wie der Berner Heimatschutz fordert auch Tatiana Lori die Gemeinden auf, genaue Planungen durchzuführen – und alte Gasthofgebäude nicht zu schnell zum Abbruch freizugeben.

Luc Mentha vom Berner Heimatschutz wünscht sich von den Gemeinden mehr Engagement. «Die Gemeinden müssen eine Vision ihrer Dorfkerne haben und genau prüfen, ob sich der Abbruch eines alten Gasthofes lohnt.»

Denn verdichtetes Bauen und der Erhalt alter Gasthöfe schliesse sich nicht aus, sagt Mentha. Beispiele gebe es genug: Genossenschaften, die Restaurants weiter betreiben oder Gasthöfe, die gekonnt zu Wohnbauten umgebaut wurden.

In Zollikofen habe man das alles geprüft, sagt Gemeindepräsident Daniel Bichsel. Erfolglos. Er hofft nun, dass der «Bären» bald Geschichte sein wird und das neue Quartier gebaut werden kann.

Rendez-vous, 30.09.2020, 12:30 Uhr

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Robi Mühlebach  (Verito)
    Und vor dem charakterlosen Neubau steht dann eine Döner- oder Kebabbude.
    Doppelter Kultur-Verlust.
  • Kommentar von Sam Meier  (tsam39947)
    Unverständlich, der Denkmalschutz kann doch sonst alles verhindern, wieso hier nicht?
  • Kommentar von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
    Dass schöne, alte Gebäude abgerissen werden ist an sich schon traurig, aber die wahre Tragödie ist ja effektiv, dass jeder einzelne Neubau fast ausnahmslos ein trister rechteckiger Klotz aus Glas, Beton und Stahl sein muss. Warum kommt eigentlich bei uns kaum jemand auf die Idee, Neubauten mit traditioneller Ästhetik zu konstruieren? Wie ging das nochmal mit «zum Ortsbild passend»? Möglich wäre es sehr wohl, das zeigen Architekten wie Christoph Kohl, welche leider eine ganz grosse Ausnahme sind.
    1. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Die neuen Bauten mittlerweile überall erinnern doch irgendwie an die Plattenbau-Siedlungen in der ehemaligen DDR.
      Aber allen, welche für immer mehr Zuwanderung halt verdichtet bauen wollen, gefällt das wie es ausschaut.
      Vor ein paar Jahren mussten in vielen Orten Neubauten noch zu bestehenden passen. Leider ist man dann für die Gewinnoptimierung davon abgekommen.
    2. Antwort von ely berger  (bernina)
      Die Gemeinde Zollikofen meint: "Die Siegerstudie besticht durch einen sehr subtilen Umgang mit und eine sanfte Eingliederung in die landschaftliche und ortsbauliche Situation. Das Konzept schafft es, mit Einzelgebäuden ein stimmiges Ensemble zu bilden und dem Bärenareal Charakter zu verleihen. Es besticht durch seinen robusten städtebaulichen Ansatz..." Es gibt im Innenhof noch einen "grosszügigen" Kinderspielplatz, durchorganisiert, so dass Phantasie/Kreativität im Halse stecken bleiben.
    3. Antwort von Dominik Nussbaum  (dnussbaum)
      Danke für das Zitat, Frau Berger. Was die Gemeine Zollikofen hier von sich gibt, ist nichts weiter als ein schönes Beispiel, wie einfach man solche Bausünden schönreden kann; der Text könnte geradesogut aus dem Webeportfolio des Architekturbüros übernommen sein.

      Aber das ist eben die grosse Kunst des modernen Marketings: Kühlschränke an Eskimos verkaufen oder den Europäern einreden, dass Betonwürfel unserem kulturellen Erbe vorzuziehen sind.