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Schweiz «Gefahr einer Radikalisierung ist in der ersten Zeit gross»

Ein minderjähriger Flüchtling attackiert in einem Zug nahe Würzburg mit einer Axt andere Reisende. Wie gross ist die Gefahr einer Radikalisierung von minderjährigen Flüchtlingen? Wie geht man in der Schweiz mit diesen Jugendlichen um?

Die Mutter sagte ihm, er solle gehen, weit weg. Omar* war damals 16. In der Schweiz würde man sich um ihn kümmern, da würde er nicht in den Militärdienst eingezogen, sagte die Mutter ihm. Omar ging, ganz alleine, mit etwas Geld und einer Adresse von entfernten Verwandten, die schon in der Schweiz lebten.

Immer mehr Minderjährige

2013 ersuchten 346 Flüchtlinge im Alter zwischen 8 und 17 Jahren ohne Begleitung um Aufnahme in der Schweiz, 2014 waren es 795 und letztes Jahr schnellte die Zahl auf 2736 hoch. Die meisten sind Burschen im Alter von 16 oder 17 Jahren, sie kommen überwiegend aus Eritrea, Afghanistan und Syrien. Im Asylprozess befinden sich 4216 solche Jugendliche.

Ein Jahr war Omar unterwegs – im März dieses Jahres, wurde Omar im Kanton Baselstadt einem spezialisierten Heim zugeteilt. Er war traumatisiert, verängstigt. Er kannte niemanden, konnte die Sprache nicht. War das sein neues Zuhause? Würde er hier bleiben können? Ein Betreuer nahm sich seiner an, vertraut mit seiner Kultur. Der Betreuer würde fortan seine Bezugsperson sein.

Sozialpädagoge Andreas Fischer leitet das Heim, in dem Omar untergekommen ist. Er sagt: «Die Kinder haben oft schon in ihrer Heimat Schlimmes erlebt. Wenn sie auf der Flucht sind, setzen sie sich häufig noch grösseren Gefahren aus.»

Schnell war klar, Omar braucht Hilfe. Er zeigte seinem Betreuer Kriegsbilder auf dem Handy mit Toten und Sterbenden darauf. Auf der Flucht geriet er offenbar in die Fänge einer Kriegspartei in Syrien. Dort wurde Omar gezwungen zu kämpfen.

Ein Kinderpsychologe spricht nun einmal pro Woche mit ihm. Omar erzählt ihm von seiner Angst, von seinem Erlebten. Gleichzeitig geht er zur Schule. Im Moment besucht er in den Ferien freiwillig einen Sprachkurs.

Gefahr der Radikalisierung da

Omar will unbedingt lernen, ist hoch motiviert, von einer Radikalisierung weit entfernt. Allerdings gibt es besonders bei unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern Risiken. «Die Gefahr einer Radikalisierung ist besonders in der ersten Zeit gross», sagt Fischer. Ein unbehandeltes Traumata ist einer von vielen Risikofaktoren. «Ein weiterer Faktor ist die grosse Unsicherheit, was die Zukunft betrifft», so Fischer. Viele sind in Bezug aufs Asylverfahren verunsichert, weil sie nicht wissen, ob sie bleiben können.

«Längst ist nicht in allen Kantonen schnelle Hilfe bei traumatisierten Flüchtlingen gewährleistet», sagt Seraina Nufer von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Auch eine adäquate Unterbringung und Betreuung fehle häufig. Die meisten Kantone stellten zu wenig Geld für Dolmetscher, Betreuer, Psychologen zur Verfügung. Viele Kantone bauen spezielle Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erst auf.

Video
«Flüchtlings-Kinder sind hoch motivierte Schüler»
Aus 10vor10 vom 02.09.2015.
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Der Kanton Baselstadt ist in Bezug auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schon weiter als andere Kantone. Aus den Wumas – so heissen die spezialisierten Heime in Baselstadt – ist noch kein einziger Fall von Radikalisierung bekannt.

«Wir setzen auf Vertrauenspersonen, geleitete Freizeitangebote, Bildung und Perspektiven – all dies hilft den jungen Flüchtlingen», so Fischer. Eine gute Integration ist die grösstmögliche Prävention, «aber trotzdem keine hundertprozentige Garantie, dass nie etwas passieren wird. Das muss man sich bewusst sein.»

Omar konnte in Afghanistan keine reguläre Schule besuchen. In der Schweiz holt er jetzt seine Defizite nach. – Er möchte Elektriker werden.

* Der Name ist erfunden und nur der Heimleitung bekannt.

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34 Kommentare

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  • Kommentar von Severin Heck  (Selber denken und prüfen)
    In Südeuropa herrscht 50 % Jugendarbeitslosigkeit. Alle Produktionen stehen in China (niedrig Qualifizierte Arbeitsplätze). Freiheit?! Es gibt nichts in Europa das nicht reglementiert oder kritisiert wird. Bussen und Strafen für jede Kleinigkeit. Auto?! Motorrad? Haus? Ha, dafür kommt jeder Einwanderer. Aber die Grünen bekämpfen diesen Lebensstil... Keine Verheissung des Westens existiert! Der Westen ist vielerorts bitterarm wie die Dritte Welt... Alles Lügen. Wer wird da nicht 'radikal'?!
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  • Kommentar von Severin Heck  (Selber denken und prüfen)
    Welche Hoheitszeichen trugen die Bomber welche die Häuser dieser Leute zerstörten?! Die Eltern und Geschwister zerstückelten... Unsere Hoheitszeichen! Nato und USA! Wer hat Handelsembargos auf Lebensmittel oder Medikamente für Krisengebiete?! Wir!!! Keinem der normal denken kann geht diese Politik auf. Zuerst Bomben und Krieg anzetteln, also Flüchtlinge produzieren um diese dann aufzunehmen. Dass ist doch dumm?! Ist doch logisch, dass sich da diese Leute radikalisieren...
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  • Kommentar von Christophe Bühler  ((Bühli))
    Helfen privat ist voll in Ordnung, aber es ist nicht einzusehen, weshalb das CH- Sozialsystem für eine Pervertierung der Flüchtlingskonvention den Kopf hinhalten soll. Schliesslich hat die Schweiz seit geraumer Zeit keine Waffen mehr in diese Gebiete geliefert. Die Zwangsbezahlung der eingesessenen Bevölkerung (ohne entsprechende Absegnung durch den Stimmbürger) für Kollateralschäden/Traumatas, welche die Schweiz nicht verbockt hat, ist positive Diskrimination.
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