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Schweiz Giffers wehrt sich gegen «Asylanten-Tsunami»

Schnellere Asylverfahren verteilt auf neun verschiedene Verfahrenszentren. Was in der Theorie gut tönt, stösst bei der Umsetzung jedoch auf wenig Zustimmung. So auch in der Gemeinde im freiburgischen Giffers. Am Informationsabend wurde das Projekt von den Bürgern regelrecht zerzaust.

Legende: Video «Knatsch um Bundes-Asylzentrum in Giffers» abspielen. Laufzeit 5:44 Minuten.
Aus 10vor10 vom 25.02.2015.

Ab 2017 sollen im Seminarzentrum Guglera in Giffers (FR) bis zu 300 Asylsuchende aufgenommen und betreut werden. Von den Plänen des Staatsekretariats für Migration haben die 1500 Einwohner des Orts im oberen Sensebezirk aus der Zeitung erfahren. Entsprechend gross war der Aufmarsch der Informationsveranstaltung vom Mittwochabend.

Die Turnhalle war mit fast 1000 Personen bis auf den letzten Platz besetzt. Was die Behörden zu hören bekamen, war vor allem Skepsis und Ablehnung. Man sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden, kritisierte Othmar Neuhaus, Gemeindepräsident von Giffers, zu Beginn der Veranstaltung.

Harte Worte des Gemeindepräsidenten

Mit der Ruhe sei es nun vorbei in seinem Dorf. 300 Asylbewerber machten 20 Prozent der Dorfbevölkerung aus. «Das ist ein regelrechter Asylanten-Tsunami», sagte der Gemeindepräsident und erntete tosenden Applaus. Giffers werde künftig mit dem Asylzentrum gleichgestellt, fügte Othmar Neuhaus aus. Der Imageverlust sei nicht wieder gut zu machen.

Mannshohes Feuer
Legende: Stummer, aber bildstarker Protest: Mahnfeuer als Zeichen der Unzufriedenheit am Abend der Info-Veranstaltung. SRF

Das Gebäude Guglera sei ideal für ein Bundeszentrum, rechtfertigte Barbara Büschi, stellvertretende Direktorin des Staatssekretariats für Migration (SEM). «Es ist gut gelegen und bietet genügend Platz auch für Beschäftigungsprogramme und Schulunterricht der Kinder der Asylbewerber.»

«Das Vorgehen des Bundes gleicht einer Diktatur»

Man habe verschiedene Standorte im Kanton Freiburg überprüft. Die Guglera sei die beste Lösung. Das Gebäude sei in Privatbesitz. Sobald die Abklärungen abgeschlossen waren, habe man die Gemeinde informiert, erklärt Barbara Büschi.

Diese Art von Projekt wecke am Anfang immer Widerstand, sagte Barbara Büschi. Doch meist lege sich die Aufregung schnell wieder, wenn die Unterkunft erst einmal in Betrieb sei. Ob das in Giffers wirklich der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.

Doch in der Bevölkerung bordelt es, wie die Voten am Informationsabend beweisen.

Empörte Dorfbevölkerung: Einige Voten

«Die Schweiz ist zu attraktiv für Asylanten»
«Man darf ja nur leise reklamieren»
«Hört auf, uns Sand in die Augen zu streuen»
Die Bevölkerung sei überrumpelt worden, regt sich ein Mann auf. «Nun versucht man uns mit Schönrederei das Asylzentrum schmackhaft zu machen»
«80% sind keine echten Asylbewerber. Sie unterlaufen unser Sozialsystem»
«Das Vorgehen des Bundes gleicht einer Diktatur»

Die Freiburger Staatsrätin Anne-Claude Demierre versuchte die Leute zu beruhigen: «Der Kanton wird mit Begleitmassnahmen helfen». Man betreibe in anderen Teilen des Kantons Asylunterkünfte mit zum Teil über 100 Menschen. Meist laufe es problemlos.

«Diese Menschen haben oft traumatische Erlebnisse erlebt», sagt Anne-Claude Demierre. Man habe auch Unterkünfte in Schiessständen oder in der Kaserne Poya in der Stadt Freiburg geprüft. Doch keiner sei so gut geeignet gewesen wie die Guglera.

174 Kommentare

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  • Kommentar von D. Dörflinger, Genf
    Da wir ach so lieben Schweizer eine nicht geringe Menge an Grosskonzernen beherbergen (welche unter anderem mitschuldig sind, für das Leid dieser Artgenossen, welche nun auf der Flucht sind) und dabei noch eine gute Stange Geld verdienen (von Geldern jedweder Ganoven auf Schweizer Banken mal abgesehen), ist es nur mehr als gerecht, diesen Menschen nun auch zu helfen.. Aber das gad üs ja alli nüüüt ah.
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    1. Antwort von Peter Garcia, Winterthur
      Ich finde auch, wir sollten helfen. Aber die Propaganda mit den ach so bösen Grosskonzernen ist genauso abgelutscht, wie falsch. Im Gegenteil sind Arbeitsplätze, welche internationale Konzerne in Entwicklungsländern schaffen, zwar nicht perfekt, aber meist attraktiver, als diejenigen der lokalen Unternehmen. Ausserdem wird so automatisch Know-how transferiert. Dort wo die meisten Flüchtlinge herkommen (Eritrea, Sri Lanka, Kosovo,...) sind hingegen die Grosskonzerne am wenigsten stark vertreten.
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    2. Antwort von D. Becker, Gebenstorf
      Tja, Herr Garcia, was meinen Sie, wieviele Flüchtlinge aus Schwarzafrika, wo die Ausbeutung unserer Konzerne wie Glencore tatsächlich stattfindet, es durch die Sahara schaffen? Dieser Weg ist noch viel gefährlicher als dann noch übers Mittelmehr. Nicht umsonst hat Glencore ein Vielfaches an Todesfällen in ihren Minen pro Dollar-Milliarde Umsatz im Vergleich zu allen anderen Rohstoffkonzernen. Und der Lohn liegt dann bei wenigen Euro/Tag. Würden Sie dann nicht auch flüchten wollen?!
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  • Kommentar von Loris Brühl, Nyon
    Die Asyldiskussion reduziert sich in allen öffentlichen Foren auf 2 Punkte: Fremdenfeindlichkeit und Ausgabenexplosion. Aus CH-Sicht: Würden die Bewohner des Kanton Schaffhausen vertrieben und ergreifen die Flucht nach ZH, wäre dann die BürgerInnen von Dietlikon wütend wegen der Kostendeckung oder der Schaffhauser-Volksethik? Diese Frage soll keinen provokativen Hintergrund darstellen, sie soll lediglich eine Vereinfachung der komplexen globalen Gegebenheiten auf nationale Ebene sein. Antwort?
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  • Kommentar von L.Leuenberger, Zürich
    Diese Pflästerli-Politik im Asylwesen betreiben einige EU Länder und Schweiz seit Jahren. Dabei haben sie die moralische Aufgabe verpasst, auf dem internationalen Parkett die Ursprungsprobleme zu bekämpfen. Mit einer offensiven Flüchtlingspolitik wurde nichts erreicht, das Elend vor Ort ist schlimmer geworden, der Begriff Flüchtling erweist sich als Gummibegriff, dem oft der Sinn nicht entspricht. Der Unmut in der Bevölkerung und eine Vernachlässigung der einheimischen Problemen sind die Folge.
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