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Schweiz Gleichberechtigung: Privatsache?

Heute vor 25 Jahren gingen 250'000 Frauen auf die Strasse. Das Motto: Wenn Frau will, steht alles still. Doch solche Parolen hat man seither immer weniger. Wir haben deshalb nachgefragt: Interessieren Themen wie Gleichstellung und Emanzipation überhaupt noch?

Eine Gruppe junger Frauen am Frauenstreiktag 1991
Legende: Seit 25 Jahren hat sich einiges getan: Junge Frauen protestieren heutzutage kaum noch für ihre Rechte. Der Kampf wird anderswo geführt. Keystone

Die Gleichstellung von Mann und Frau kommt spätestens dann aufs Tapet, wenn man eine Familie gründet. Wie gehen die jungen Frauen heute an diese Aufgabe heran?

Sehr unterschiedlich

Eine 20-jährige Bankangestellte erzählt, sie möchte gerne aufhören mit Arbeiten, wenn sie Kinder bekommt und «ganz Mami sein». Eine angehende Tierärztin sieht das ganz anders: «Ich gehe nicht fünf Jahre studieren und mache einen Doktor-Titel, um danach meinen Job komplett zugunsten meiner Familie aufzugeben. Klar ist diese wichtig, aber ich habe berufliche Ambitionen, die ich verwirklichen möchte.»

Die kleine, nicht-repräsentative Umfrage in der Berner Innenstadt zeigt: Gleichberechtigung interessiert nach wie vor. Viele sind dankbar für den Kampf, den die Frauen vor 25 Jahren führten. Sie sagen, sie hätten heute mehr Selbstbestimmung und genössen grössere Freiheiten.

Eine Tendenz zeigt sich: Umso älter die Frauen, desto mehr Handlungsbedarf sehen sie in Sachen Gleichstellung. Dies bestätigt auch die Umfrage «Generation What, Link öffnet in einem neuen Fenster». Die Frage «Sind wir noch weit von einer Gleichberechtigung von Mann und Frau entfernt?» beantworten 67 Prozent der 16- und 17-jährigen Mädchen mit Nein. Bei den über 26-jährigen sind dies nur noch 43 Prozent.

Bildung vs. Arbeit

Dieser Einstellungswandel wird folgendermassen begründet: Während Frauen bei Hochschul-Abschlüssen unterdessen in der Mehrheit, Link öffnet in einem neuen Fenster sind, schlägt sich dies noch nicht in den Arbeitsmarktzahlen nieder. Frauen sind also mit steigendem Alter immer stärker mit Ungleichheiten konfrontiert.

Legende:
Lohndifferenz wird kleiner Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern im Verhältnis zum monatlichen Bruttolohn der Männer, privater Sektor. (Werte auf Basis des Medianlohns) Bundesamt für Statistik

Der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau geht zwar zurück, er beträgt aber immer noch 15 Prozent. Ausserdem sind deutlich mehr Frauen im Tieflohnsektor, Link öffnet in einem neuen Fenster tätig. Umgekehrt sind bei den hohen Einkommen die Männer viel stärker vertreten.

Entpolitisierung

Die Sensibilität für's Thema ist da, Gründe für einen erneuten Streik gäbe es genug – trotzdem fordert dies heute kaum jemand mehr. Fabienne Amlinger, Geschlechterforscherin an der Universität Bern, überrascht dies nicht. «Ich sehe dies als Folge des neoliberalen Paradigmas, dass jede allein für sich verantwortlich ist und alles erreichen kann, wenn sie denn nur will.»

Das stehe im Widerspruch zur Vorstellung, dass etwas «an den Strukturen der Gesellschaft» verändert werden könnte. Deshalb gebe es auch weniger Anlass, sich solidarisch zusammenzuschliessen oder zu demonstrieren.

«Opfer sein ist out»

Amliger hat noch eine weitere Erklärung: «Während man sich vor einigen Jahrzehnten ohne Probleme noch Opfer der patriarchalen Strukturen nennen konnte, ist das heute sehr out. Man müsste ja eingestehen, dass man es nicht geschafft hat.»

Der Kampf für die Rechte der Frau wird also auf sehr individueller Ebene geführt. Das Wort Patriarchat hört man heute nicht mehr.

Die Krux mit der Teilzeit

In einem Punkt sind sich alle Frauen einig: Gleichstellung geht auch die Männer etwas an. Während nach der Geburt eines Kindes drei Viertel aller Frauen aufhören zu arbeiten oder ihr Pensum reduzieren, machen dies nur 15 Prozent der Männer.

«Für Männer ist es gar nicht so einfach, Teilzeit zu arbeiten», ärgern sich mehrere junge Frauen und Männer in der Umfrage. Und auch die Bankangestellte, die ganz Mami sein möchte, findet: «Mein Mann soll gleich viel Zeit mit den Kindern verbringen können. Das ist nur fair.»

7 Kommentare

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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Der Lohn richtet sich auch nach Angebot und Nachfrage. Zudem Ist die Leistung eine wichtige Komponente, die bei verschiedenen Berufen schwer messbar sind. Die Schweizerlöhne sind zudem weltweit am höchsten und sollten eher gesenkt werden. Geht es so weiter, so sind wir nicht mehr konkurrenzfähig.
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  • Kommentar von Fabio T. (Alpha Privativum)
    Von einem Rückzug ist mir nichts aufgefallen, wenn ich durch die Unterf. am Bhf gehe sehe ich lauter Bildungsangebote und immer sind darauf nur Frauen abgebildet, oder an der Hochschule selbiges Bild, Girlie days, Frauen und Karriere...es widert mich an, starke Frauen haben diese nachdr. Förderung nicht nötig und fühlen sich dadurch bevormundet, macht diesem Genderwahn ein Ende, mir reicht schon der Verlust des trad. Familienbildes welcher einen massgebl. Rückgang der Geb.rate mitverursacht hat!
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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Übrigens, der Asbach Uralt "wenn Frau will, steht alles still" mag zwar stimmen aber nicht minder gilt "wenn Mann will, steht alles still" und ich denke, bei letzterem würde es noch viel dramatischer sein. Wetten wir? Vielleicht kann man ja mal das Experiment während je einer Woche machen ... eine Woche lang machen alle Frauen nichts und in einer zweiten Woche tun die Männer nichts! Wenn ich dann wählen könnte, mich für eine Woche ins Ausland absetzen zu können, ich ginge vor der zweiten ;-)
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