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Fremdsprachig statt heimisch – Heikler Trend in der Psychiatrie
Aus Puls vom 17.02.2020.
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Heikle Entwicklung Immer weniger Schweizer Ärztinnen und Ärzte in der Psychiatrie

Ausgerechnet dort, wo die Sprache und das kulturelle Verständnis wichtig sind, sind immer weniger Einheimische am Werk. Das zeigt eine Datenanalyse der SRF-Gesundheitssendung «Puls».

Renata Bleichenbacher bezeichnet es als «unterlassene Hilfeleistung»: Sie war in einer schweren psychischen Krise, hegte Selbstmordgedanken und sass einem ausländischen Psychiater gegenüber, der sie nicht verstand.

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«Da ringt man sich durch, Hilfe zu suchen und sitzt jemandem gegenüber, der einen rein sprachlich nicht versteht.»
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Laut Thomas Ihde, selbst Psychiater und Präsident der Patientenorganisation Pro Mente Sana, kein Einzelfall: «Wir hören von Betroffenen am Beratungstelefon immer wieder, dass sie sich von ihren Therapeuten rein sprachlich nicht verstanden fühlten.» Was auch dazu führe, dass sich Betroffene im Gespräch nicht öffnen.

Tatsächlich: Die Chance auf eine Fachperson zu treffen, die aus dem Ausland zugezogen ist, liegt mittlerweile bei rund 50 Prozent. Und der Anteil der ausländischen Psychiater wird in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen. Das zeigt eine Auswertung von «Puls» mit aktuellen Daten des Medizinalberuferegisters MedReg des Bundes.

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Legende: Anerkennungen Facharzttitel Psychiatrie 2009 bis 2019, nach Land Arztdiplom Quelle: MedReg, Auswertung «Puls»

Im MedReg sind alle in der Schweiz anerkannten Arztdiplome registriert, auch der Facharzttitel «Psychiatrie und Psychotherapie». Die Analyse der jährlichen Neuzulassungen zeigt, dass sich der Anteil der Personen, die ihr Medizinstudium (Arztdiplom) in der Schweiz gemacht haben, in den letzten 10 Jahren von 42 auf noch 19 Prozent im Jahr 2019 reduziert hat.

Heisst: Rund 80 Prozent der in den letzten Jahren neu zugelassenen Fachärztinnen und Fachärzte in Psychiatrie haben ihre Grundausbildung nicht in der Schweiz gemacht.

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«Es gibt kein anderes Fachgebiet, wo die Sprache, das Wissen um die Kultur und das Lesen der Mimik so wichtig ist.»
Aus Puls vom 17.02.2020.
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Für Thomas Ihde ist diese Entwicklung bedenklich. In seinem Fach seien die Sprache und das kulturelle Verständnis zentral. Gerade wenn es darum gehe, zwischen den Zeilen zu lesen und im Dialekt mit Patienten zu kommunizieren.

Erich Seifritz von der Vereinigung der Psychiatrischen Chefärzte SVPC sieht darin weniger ein Problem. Ärztinnen und Ärzte aus dem Ausland müssten ja bereits bei Beginn ihrer Tätigkeit in der Schweiz notwendige Sprachkenntnisse nachweisen. Sie würden sich rasch integrieren und rasch auch Dialekt verstehen.

Integrierte Versorgung als Lösung?

Der starke Zuzug von ausländischen Fachärzten erstaunt. Hat die Schweiz im internationalen Vergleich doch bereits eine sehr hohe Psychiaterdichte.

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Legende: Psychiater-/innen pro 100'000 Einwohner/-innen Quelle: Eurostat, 2017

Thomas Ihde bezeichnet das hiesige Versorgungssystem als «sehr ärztezentriert». Als Chefarzt der Psychiatrischen Dienste am Spital Interlaken setzt er vermehrt auf den Einbezug von Psychologen und erfahrenen Fachkräften und stellt dafür weniger Psychiater an, die er aus dem Ausland rekrutieren müsste. Er orientiert sich dabei an Versorgungsmodellen wie in Holland oder skandinavischen Ländern.

Zur Datenauswertung

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Obwohl das Gesundheitswesen einen grossen und stetig wachsenden Anteil der Volkswirtschaft hat, gibt es dazu in vielen Bereichen nur unzureichende oder sogar widersprüchliche Daten. Das ist leider auch bei den Ärzten nicht anders. Das fängt schon bei der Zahl an, wie viele Ärztinnen und Ärzte in welchem Bereich, in welchem Umfang berufstätig sind.

Für die Datenrecherche zu den Psychiaterinnen und Psychiatern wertete «Puls» hauptsächlich zwei Quellen aus, um daraus ein Bild über die Entwicklung zu gewinnen.

  1. Das Medizinalberuferegister MedReg, Link öffnet in einem neuen Fenster. Hier sind alle in der Schweiz tätigen Ärztinnen und Ärzte registriert, mit ihren Diplomen und Weiterbildungstiteln. Aus diesem Datenpool wurde ausgewertet, in welchem Land diese in der Schweiz anerkannten Psychiaterinnen und Psychiater ihr Medizinstudium absolviert hatten und wann diese Titel in der Schweiz anerkannt wurden. Es wurden alle Einträge bis 2019 berücksichtig. Diese Analysen sind retrospektiv.
  2. Die Daten über die Assistenzärzte, also jene Ärzte, die auf dem Weg zu einem Facharzttitel «Psychiatrie und Psychotherapie» sind, stammen aus der Statisik des Instituts für medizinische Weiter- und Fortbildung SIWF, Link öffnet in einem neuen Fenster. Diese Zahlen liegen auch für das Jahr 2019 bereits vor. Sie werden von den Kliniken direkt der SIWF gemeldet. Für die Analyse hat «Puls» diese Daten gruppiert und nach Diplomherkunft analysiert.

Als Folge des Mangels an Fachärzten sind laut Erich Seifritz die meisten Kliniken daran, neue Zusammenarbeitsmodelle zu entwickeln. Man habe begonnen, Psychologen und anderen Berufsgruppen mehr Aufgaben und Kompetenzen zu übertragen. Allerdings seien noch rechtliche und tarifarische Aspekte zu klären. Es brauche auch Anpassungen bei der Weiterbildung.

Die Diskussionen um eine integrierte Versorgung werden bereits seit Jahren geführt. Bewegt hat sich bisher, ausser an einzelnen Kliniken, noch wenig. Die ehemalige Patientin Renata Bleichenberger findet die jetzige Situation unhaltbar. Auch psychisch Kranke verdienten eine optimale Versorgung. Dazu gehöre, seine inneren Nöte in der Muttersprache auszudrücken.

Tagesschau am Mittag, 17.02.2020, 12:45

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Oskar Schneider  (Oski2)
    Mike Steiner (M. Steiner) = 100% richtig. Werdet Erwachsen.
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  • Kommentar von Nina Lindner  (food for thought)
    Ich finde es schade, dass der Beitrag einen so negativen Unterton gegenüber ausländischen Ärzten hat.
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  • Kommentar von Nina Lindner  (food for thought)
    Teil 1: Natürlich kann es nicht sein, dass ein Arzt in der Psychiatrie seinen Patienten nicht versteht, aber statt dass man sich darauf fokussiert wie man diese Ärzte – die ja eine doppelte Leistung erbringen, da sie neben dem Fach auch eine neue Sprache lernen müssen - unterstützt und sich gemeinsam dieser Herausforderung stellt, ist die Überlegung einfach mehr Pflegepersonal und Psychologen einzustellen. Alle Disziplinen sind wichtig, aber eine kann die andere nicht ersetzen.
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