«Ich bin sehr stolz, Teil dieser schönen Geschichte zu sein»

Der Mauerfall als Erfolgsstory ohne Wenn und Aber, so sieht Christian Grothe seine letzten 25 Jahre. Gelernt in Pritzwalk, studiert in Aarau, erfolgreich in Zürich – dem Brandenburger gelingt scheinbar alles spielend. Das er nebenbei noch Reiki-Meister, Statist und Buchautor ist – geschenkt.

Ich war schon immer ein bisschen verrückt. Wäre die Mauer nicht gefallen, dann wäre ich vielleicht heute nicht weniger glücklich – würde Pferde züchten, hätte Haus und Familie – wer weiss. So aber kam alles ganz anders. Und das ist gut so.

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Christian Grothe

Christian Grothe

Geboren 1977 in Pritzwalk (Brandenburg). Aufgewachsen in der Prignitz. Nach seiner Ausbildung zum Diplom-Pflegekaufmann arbeitete er in Halle, Pritzwalk und in der Nähe von Dresden. 2005 zog er der Liebe wegen nach Zürich. Hier arbeitet er als Stationsleiter eines Pflegezentrums. Daneben schreibt er Bücher und beschäftigt sich mit Reiki.

Das die Mauer gefallen war, erfuhr ich aus dem Fernsehen. Gemeinsam mit meinen Eltern und meinem Bruder schauten wir Nachrichten. Ich sah Menschen auf der Mauer sitzen und Massen durch die Grenzübergänge strömen. Meine Mama machte spontan einen Sekt auf – Rotkäppchen, glaube ich.

Offiziell: Krank – Inoffiziell: Im Westen

Obwohl ich erst 12 war, habe ich die Zeit danach als unglaublich spannend in Erinnerung. Bereits zwei Tage nach dem Mauerfall fuhren wir mit unserem Wartburg nach Hamburg. Von den 100 D-Mark Begrüssungsgeld kaufte ich mir einen Doppelkassettenrekorder für 99 D-Mark. Mit der restlichen Mark kaufte ich mir eine Tüte Haribo. Das weiss ich noch, als wäre es gestern gewesen.

Der Herbst 89, das waren interessante Tage – auch in der Schule. Wir redeten und diskutierten viel. Ausserdem fehlten immer mal wieder Schüler. Die hatten sich offiziell krank gemeldet. Aber eigentlich wusste jeder, dass sie an diesem Tag mal kurz im «Westen» waren.

Und plötzlich gab's meine Schule nicht mehr

Was die politischen und sozialen Hintergründe angeht, so habe ich mir damals darüber keine grösseren Gedanken gemacht. Ich glaube, ich war zu jung, um zu verstehen, was geöffnete Grenzen und Wiedervereinigung für Folgen haben würden.

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Der sogenannte «Hort», wo Kinder nach der Schule unter Aufsicht spielen und Hausaufgaben machen konnten, wurde abgeschafft. Meine Sportschule gab es plötzlich auch nicht mehr. Die Eltern wurden arbeitslos und mussten sich neu orientieren. Positiv war aus meiner damaligen Sicht, dass ich Samstags nicht mehr zur Schule musste.

Flotte Sprüche und das grosse Los

Ich liebe die Schweiz über Alles. Die Landschaft, das politische System, die Anerkennung der Leistung, die Lebensqualität, die Wertschätzung im Beruf und die multikulturelle Vielfalt – da gibt es sicher nicht viele Orte auf der Welt, die dass alles in dieser Füller bieten können.

Negatives habe ich in den fast 10 Jahren hier nie erlebt. Gut, Kleinigkeiten vielleicht. Aber die hätten mir auch in jeder anderen deutschen Stadt passieren können. Was mich aber in letzter Zeit massiv stört, ist der Wandel von einem gesunden Patriotismus hin zu einem, wie ich finde, sehr extremen Schweizer Patriotismus.

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Infografik: Die Berliner Mauer

Infografik: Die Berliner Mauer

Heute muss man nach ihren Überresten suchen, bis zum 9. November 1989 aber war der Westteil Berlins durch die Mauer abgetrennt. Unsere Infografik erklärt, wie die Mauer gebaut wurde, wie die Grenzanlagen aussahen und wo es Übergänge gab. Mehr.

Wenn ich Inhalte und Wortwahl gewisser Initiativen genauer betrachte und mir zu Herzen nehme, dann bin ich zum Teil wütend darüber, dass meine Leistung, die ich hier als Deutscher erbringe, nicht genügend gewürdigt wird. Das Gefühl, was sich dann in mir breit macht, lässt sich schwer beschreiben – vielleicht störe ich mich dann an der scheinbar fehlenden Dankbarkeit? Ich weiss es nicht genau.

Abgesehen davon interessieren sich schon sehr viele Schweizer für meine Herkunft. Sie fragen, wie die Zeit damals war und wie ich sie erlebt habe. Da spüre ich viel Neugier. Klar fallen ab und an ein paar Sprüche: «Er braucht nicht so viel zu essen, er kommt ja aus dem Osten» oder «Ossis können hart anpacken und sind Arbeitstiere» – aber das ist ja eher lustig oder wertschätzend gemeint.

Leipzig und sein Lebensgefühl fehlen mir manchmal

Ich fühle mich in der Schweiz unheimlich wohl. Ich habe am Uetliberg in Zürich ein kleines Häuschen mit Garten, viele Freunde und einen tollen Job. Aber trotzdem, und da schwingen keinerlei negative Ressentiments mit, ist die Schweiz für mich noch nicht Heimat geworden. Interessanterweise wäre es aber auch nicht das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin.

Wenn ich es mir denn aussuchen könnte, dann würde ich wohl wieder nach Leipzig gehen. Die Erinnerungen an die Stadt sind nur positiv besetzt. Da ich bisexuell bin, war der Schritt damals vom Dorf nach Leipzig optimal.

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Zeitstrahl: Der Fall der Mauer

Zeitstrahl: Der Fall der Mauer

Montagsdemonstrationen, Botschaftsflüchtlinge, Mauerfall: Ein Blick zurück auf die dramatischen Ereignisse des Jahres 1989. Mehr.

Dort musste ich mich nicht mehr verstecken. Das war generell ein grosses Plus der Wende – die Offenheit und Toleranz zur Sexualität. Ich war damals jung. Alles schien möglich. Vielleicht ist es dieses Gefühl, weshalb ich die Stadt zuweilen vermisse.

Ehrlich, klar und bodenständig

Für mich hat sich durch den Mauerfall ein Leben ermöglicht, in dem sich wirklich alle Wünsche erfüllt haben. Das ist keine Floskel, das meine ich tatsächlich so. Ich bin unglaublich stolz darauf, dass ich Teil dieser schönen Geschichte bin.

Was das wiedervereinigte Deutschland angeht, so sehe ich das eher skeptisch. Ich glaube, bis die Teilung in Ost und West auch in den Köpfen überwunden ist, wird es noch sehr, sehr lange dauern – vielleicht wird es auch nie gelingen.

Ich merke es ja an mir selber. So fühle ich mich zwar auch als Deutscher – aber primär dann eben doch eher als Ostdeutscher. Denn die Menschen aus diesem Teil des Landes sind aus meiner Sicht ehrlich, klar und bodenständig.