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Schweiz In der Romandie wird härter bestraft

Genf hat ein Renommée als Hort der Menschenrechte, aber auch massiv überfüllter Gefängnisse. Fehlen hier tatsächlich Gefängnisplätze oder werden die Gesetzesbrecher einfach härter angefasst? Hinweise gibt die Verurteilten-Statistik.

Gefängnis von ausssen mit hohen Stacheldrahtzaun vor leicht bewölktem, aber blauem Himmel.
Legende: Champ-Dollon/GE: Bis zu 900 Gefangene sassen in dem Gefängnis mit eigentlich 380 Plätzen ein. Keystone

Die Kriminalität sei nun einmal da, er erfinde sie nicht, sagt der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet zu den überfüllten Gefängnissen in seinem Kanton. «Ich bin wie ein Hotelier: Ich bestimme nicht die Auslastung, ich biete lediglich die Betten an.»

Porträtaufnahme von Maudet.
Legende: Der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet/FDP. Keystone

Allerdings, so gebe er zu, habe er bei Amtsantritt entschieden, dass es keine Inhaftierungsstopps wegen Platzmangels mehr gebe. Es dürfe nicht sein, dass die Zahl der Gefängnisplätze die Zahl Verhaftungen vorgebe. Vielmehr bestimme die Zahl der Häftlinge die Zahl der nötigen Plätze. Gemäss Maudet sind also Sachzwänge der Grund für die Überbelegung.

Romandie bestraft härter

Die Statistik jedoch lässt Zweifel zu, denn bei der Kriminalpolitik ist die Schweiz zweigeteilt wie in kaum einem anderen Bereich. «In der Romandie werden 54 Prozent aller Freiheitsstrafen der Schweiz ausgesprochen», hat Daniel Fink herausgefunden. Er ist Lehrbeauftragter für Kriminologie an den Universitäten von Lausanne und Luzern.

Und dabei wohnten in der Romandie bloss 26 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Für ihn ist klar: In der Romandie gebe es «eine Über-Anwendung der Freiheitsstrafen».

Allein in Genf und Waadt würden mehr als 40 Prozent aller Schweizer Freiheitsstrafen ausgesprochen und wenn man Genf alleine anschaut, ist die Diskrepanz noch grösser: Im Kanton leben weniger als 6 Prozent der Schweizer Bevölkerung, doch werden dort 18 Prozent aller unbedingten Freiheitsstrafen verhängt, bei der Untersuchungshaft sind es sogar 24 Prozent.

Berüchtigte Genfer Untersuchungsrichter

Sicherheitsdirektor Maudet sagt dazu, dass die Genfer Untersuchungsrichter tatsächlich dafür bekannt seien, dass sie schneller einsperren. Ausserdem dauere die Haft länger. «Die Romandie ist halt von der französischen Kultur geprägt; hier wird härter bestraft.»

Einen Einfluss habe auch die Lage an der Grenze: Die Mehrheit der Häftlinge seien illegal in der Schweiz anwesende Ausländer. Wenn man denen mit der elektronischen Fussfessel drohe, dann lachten die bloss.

Das Ausländer-Argument überzeugt den Kriminologen Fink nicht. Denn im Tessin beispielsweise sei die Situation «sehr entspannt». Und auch in St.Gallen, das als Einfallstor für die Migration eine wichtige Rolle spiele, sei die Zahl der Häftlinge viel tiefer. «Hier wären vergleichende Untersuchungen für den Umgang mit Migranten angesagt», regt er an.

Das wäre ein durchaus lohnendes Thema – schon nur, weil die bisherige Politik neue Gefängnisse nötig macht. Kostenpunkt: eine halbe Milliarde Franken.

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Wittwer (dwi)
    Möglicherweise gibt es einen weiteren Grund: bei den gesetzlichen Grundlagen handelt es sich um Übersetzungen (aus dem Deutschen). Vor ein paar Jahren gab es eine Studie zum Thema, und der Output war: die Formulierungen in der Franz-Fassung lassen weniger Spielraum als in der Original-Version zu - deshalb auch die strengeren Strafen. Allerdings müsste man diese Studie prüfen. Aber der Ansatz ist interessant.
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  • Kommentar von Cherubina Müller (Republic of Lakotah)
    Soziopathie gilt entsprechend den heutigen medizinischen Möglichkeiten als unheilbar. Eine härtere Gangart mit den wirklich gefährlichen Straftätern ist in der Romandie nicht auszumachen, ganz im Gegenteil, unnütze / kostenspielige Therapien für Soziopathen, welche man danach wieder auf die Bevölkerung loslässt. Das völlig rückständige Justizsystem der Romandie verteilt dafür harte Gefängnisstrafen für ein paar Gramm Cannabis.
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