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Nationalrat lehnt Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» ab
Aus Tagesschau vom 10.03.2021.
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Initiative Tierversuchsverbot So steht es um die Tierversuche in der Schweiz

Der Nationalrat hat am Mittwoch über die Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» diskutiert und sie ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Doch wie viele Tierversuche werden in der Schweiz überhaupt durchgeführt – und wozu?

Wer mit Tieren forscht, wird dem Tier in vielen Fällen Schaden zufügen. Es wird verletzt, krank gemacht und psychischem Stress ausgesetzt. Darum muss jede Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler nach den sogenannten 3-R-Prinzipien überprüfen, ob der Einsatz von Tieren im Forschungsprojekt unbedingt nötig ist – oder ob es nicht Alternativen dazu gibt.

Das steckt hinter den 3-R-Prinzipien

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  • Reduce – Reduktion: Braucht es die Anzahl Tiere für das Forschungsprojekt oder ginge es auch mit weniger?
  • Replace – Alternative: Könnte das Tierexperiment durch eine andere Forschungsmethodik ersetzt werden mit gleicher oder gar besserer Aussage?
  • Refine – Verbesserung: Kann die Belastung des Tieres im Forschungsprojekt selbst reduziert werden, indem ihm weniger Schmerzen hinzufügt werden oder die Tierhaltung verbessert wird?

Diese 3-R-Prinzipien sind in der Schweiz seit 30 Jahren in der Forschung und in der Industrie verankert. Auch in Gesuchen an die Behörden müssen diese Fragen beantwortet werden. Jeder Einsatz von Tieren in der Erforschung von Krankheiten und der Entwicklung und Qualitätskontrolle von Therapien muss durch die Kantone bewilligt werden. Eine kantonale Tierversuchskommission prüft vorgängig das Gesuch und macht eine Empfehlung. Die Zahlen werden vom Bund jährlich veröffentlicht. Sie zeigen Trends bei den Tierversuchen:

  • Weniger Tierversuche mit stagnierendem Trend: Seit 1983 ist die Zahl der verwendeten Tiere zu Forschungszwecken über die Jahre gesehen rückläufig. Wurden 1983 knapp 2 Millionen Tiere eingesetzt, waren es im Jahr 2019 noch 572'000. Der Tiefpunkt war im Jahr 2000 mit 566'000 Tieren. Seit dem Jahr 2000 kommen jährlich zwischen 566'000 und 761'000 Tieren zum Einsatz. Die Behörden betonen, dass der Trend in den letzten Jahren rückläufig ist. In den letzten 20 Jahren ist aber ein Auf und Ab zu beobachten. Bei den Tieren pro Experiment stagniert der Trend.
  • Mehr belastende Tierversuche: Tierversuche werden in vier Schweregrade eingeteilt von 0 (keine Belastung) bis 3 (schwere Belastung). Sowohl beim Schweregrad 2 (mittelschwere Belastung) wie auch 3 gibt es in den letzten Jahren eine Zunahme. Die Behörden können die Zunahme nicht abschliessend erklären. Sie weisen auf den vermehrten Einsatz von gentechnisch veränderten Mäusen hin, die in diese Kategorien fallen. Die Schweregrade 2 und 3 machen knapp ein Drittel aller Versuchstiere aus. Schwere Belastungen kommen bei der Erforschung von Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Ersatz von Hüftgelenken oder Infarkten zum Einsatz.

  • Nagetiere am beliebtesten: Wer bei Tierversuchen an Labormäuse denkt, liegt richtig. 80 Prozent der verwendeten Tiere sind Mäuse und Ratten. Sie kommen vor allem in der Grundlagen- und biomedizinischen Forschung zum Einsatz, mit dem Ziel, Krankheiten besser zu verstehen. Auf dem zweiten Platz mit 10 Prozent liegen Vögel inklusive Geflügel. Auf dem dritten Platz Fische und Amphibien mit einem Anteil von knapp 6 Prozent. Umstritten sind Versuche mit Primaten. Sie machten 2019 in 0.05 Prozent aller Tiere aus, konkret kamen 234 Affen in der Forschung zum Einsatz. Auch 2000 Hunde und 260 Katzen wurden 2019 zum Versuchstier.

Beeinflussen die 3-R-Prinzipien die Anzahl der Tierversuche?

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Die Einführung der 3-R-Prinzipien wird von den Behörden als Erklärung genannt, wieso über die letzten 40 Jahre die Zahl der Tierversuche reduziert werden konnte. Der Bund unterstützt in diesem Bereich auch Forschungsprojekte. So unterstützt er das 3-R-Kompetenzzentrum Schweiz an der Universität Bern. Wieso die Zahlen der Versuchstiere aber seit ein paar Jahren stagnieren und die Belastung der Tiere gar zugenommen hat, bleibt offen.

  • Krankheiten beim Menschen erforschen: 75 Prozent aller eingesetzten Tiere dienen der Erforschung von Krankheiten beim Menschen, schreibt der Bund in der Tierversuchs-Statistik 2019. 60 Prozent aller Tiere werden in der Grundlagenforschung, die vor allem an den Universitäten betrieben wird, eingesetzt. 22 Prozent beim Entwickeln und bei der Kontrolle von neuen Therapiemöglichkeiten wie etwa Medikamente oder Impfstoffe.

Impfstoffe: Tierversuchsverbot würde Entwicklung blockieren

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Detlef Günther
Legende: Keystone

Detlef Günther, Vizepräsident für Forschung an der ETH Zürich, sagt: Die Initiative für ein Verbot von Tierversuchen würde die Weiterentwicklung der Medizin blockieren. Besonders deutlich sei dies bei Covid-19.«Auf den Punkt gebracht: Ohne Tierversuche würde es keine Impfung geben.» Davon, Impfstoffe oder Medikamente an laborgezüchteten Zellen oder Gewebekulturen zu testen, wie es die Initianten vorschlagen, sei man weit entfernt. «Gerade bei Impfstoffen muss der Organismus in seiner Ganzheit untersucht werden, um die gewünschten und unerwünschten Wirkungen zu finden, bevor er an die Bevölkerung abgegeben werden kann.» Das könne man nicht einfach mit Organoiden oder Zellanhäufungen austesten.

Klinische Forschung: Prüfung an freiwilligen Probanden nötig

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Mirjam Christ-Crain
Legende: Keystone

Mirjam Christ-Crain ist Co-Leiterin der klinischen Forschung an der Universität Basel. Sie hält die Forderungen der Initiative, auch Versuche am Menschen zu verbieten, für problematisch: «Das würde bedeuten, dass keine neuen Behandlungsmethoden entstehen würden und die Forschung stagnieren würde.» Denn: Erkenntnisse aus Zellexperimenten und Tierversuchen liessen sich nicht 1:1 auf den Menschen übertragen. Man müsse am Probenden prüfen, ob und wie ein Medikament, eine Therapie wirke. Für klinische Studien gelten schliesslich strenge Richtlinien und sie seien freiwillig, so Christ-Crain.

Rendez-vous, 10.03.2021, 12:30 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Johann Meier  (Hans321)
    Vor 10 Jahren hat die Novartis ihre Hunde in Basel vergeben. Sie gaben nur die Tiere raus an welchen nichts getestet wurde. Wir haben einen Beagle adoptiert. Schwierig war es von Anfang an, der Hund kannte nichts, war die ersten 1 1/2 ihres Lebens nur im Käfig. Alles musste man Ihr zeigen. Trotzdem war sie ein toller Begleiter über die letzten zehn Jahre. Am Samstag ist sie leider an einer Lungenkrankheit verstorben. Ich kann die Adoption nur weiter empfehlen und würde es sofort wieder machen.
    1. Antwort von Esther Jordi  (ejejej)
      Danke, Herr Meier, für diesen Kommentar. Es tut mir leid, dass Ihr treuer Begleiter sterben musste, aber dank Ihnen durfte er trotz schlechtester Voraussetzungen ein schönes und versuchsfreies Leben geniessen.
  • Kommentar von Andreas Diethelm  (Okapi)
    Wenn Funktionäre der Tier- und Menschenversuche durchführenden Institute und deren Auftraggeber jetzt argumentieren, Heilmittel gegen Corona könnten nur auf diesem Weg entwickelt werden, nutzen die Gunst der Stunde, geben damit aber auch den letzten Rest Glaubwürdigkeit preis. Lasse mich dann gern belehren, wenn das gesuchte Wundermittel am Markt erscheinen sollte. Das gleiche Trauerspiel an der Krebsfront, nur dass jenes bereits 1/2 Jht gegeben wird. Dort gehts längst nur noch um Gewinnexzesse.
    1. Antwort von Thomas Roth  (ThomasRoth)
      Ich verstehe Ihren Frust, aber Sie wissen auch, dass Erfolge an der Krebsfront erziehlt wurden? Noch nie starben so wenige Kinder an Leukemie, in keinem Land wie der Schweiz ist die Mortalitätsrate von Melanomen(im vgl zu Inzidenz) so tief wie in der CH. Leider leider auf dem Rücken von Tiermodellen. Die Güterabwägung (lesen sie mal deren Regelwerk) ist ausgeglichen und haben schon für eine massive Reduktion der Anzahl Tiere gesorgt, wobei einer riesigen Zahl an Menschen geholfen werden konnte
  • Kommentar von Armin Sinniger  (Vegan)
    Irgendwann wird die Menschheit für diese furchtbare Ungerechtigkeit an unseren Brüdern und Schwestern gerade stehen müssen. Unkontrollierbare Viren sind erste Vorboten.
    1. Antwort von Julian Bär  (Long-Elend)
      Es wird besser. Aktuel wird ja grad grossflächig direkt am Mensch getestet. Da haben die Tiere etwas Verschnaufpause.
    2. Antwort von Esther Jordi  (ejejej)
      Die Menschen können selbst entscheiden, ob sie mitmachen wollen oder nicht. Die Tiere werden das nie können.
    3. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      @E.Jordi
      Könnte sein, dass die Versuchswilligen sich ohne vorgängige Tierversuche drastisch reduzieren! Sei es weil sie Angst haben, oder sei es weil sie den Test dann nicht überleben ...
    4. Antwort von Pia Müller  (PiMu)
      Armin Sinniger: Sie sehen das genau richtig.
      Tierversuche, Massentierhaltung, Naturzerstörung, etc. rächt sich immer mehr an uns Menschen. Das ist gut so !!! Siehe Corona