K.O.-Tropfen statt Karikaturenstreit

In den Schweizer Fasnachts-Veranstaltungen wird der islamistische Terror nur ganz am Rande besprochen. Zu sehr brennen den Fasnächtlern andere Themen auf der Zunge.

Ein Mann mit Larve in einer Formation. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Unbedingte Narrenfreiheit an der Fasnacht? swiss-image

Wer meint, dass an der Fasnacht unbedingte Narrenfreiheit herrscht, liegt nur bedingt richtig. So hat sich das Comité der Basler Fasnacht an der gestrigen Medienkonferenz zum Abbild-Verbot von Mohammed geäussert und folgende Stellungnahme abgegeben: «Das Comité ist keine Zensurbehörde und kann nur Empfehlungen abgeben. Wir empfehlen aber, auf unnötige und niemandem dienende Provokationen zu verzichten.»

Wie man es dreht und wendet; dem bunten Treiben in Basel sind damit – in Form einer Leitlinie zumal – Grenzen gesetzt. Aber hat die Sorge, die sich in der Basler Empfehlung artikuliert, überhaupt ihre Berechtigung? Ist der Karikaturenstreit und der Terror in Europa tatsächlich das von den Fasnächtlern bevorzugte Sujet?

Trommler an der Basler Fasnacht mit Gaddafi-Larven. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Basler Fasnacht hat sich bis anhin noch nie gescheut, Sujets von weltpolitischer Relevanz auszuwählen. Imago

Gondelbahn statt Gewaltexzess

In einer SRF-Umfrage unter verschiedenen Schweizer Fasnachts-Komitees hat sich alsbald herauskristallisiert, dass die Aktiven ganz andere Interessen hegen.

So lässt Markus Wälti, Ober-Ober der Solothurner Fasnacht, verlauten, dass sich die Sujets eher um die regionalen Probleme drehen, wie etwa die neue Gondelbahn auf den Weissenstein.

Ähnliche Töne sind von der Fasnacht Grenchen zu vernehmen: Obernarr Diego Kummer rechnet viel mehr mit einer Verhandlung des umstrittenen Windparks, statt mit einer Illustration oder Besprechung des islamischen Propheten. Und auch an der Altdorfer Fasnacht werde, so ein Schnitzelbänkler, eher über heimische Angelegenheiten gelacht als über globale Gewaltexzesse sinniert.

Selfie-Kult statt Propheten-Bild

Auch die Luzerner Fasnacht, als zweite grosse Veranstaltung neben Basel, findet mehr als genug Zündstoff in anderen Themen. So verrät der Mediensprecher Bruno Spörri, dass bei ihnen nicht nur der Selfie-Kult im Vordergrund steht, sondern auch K.O.-Tropfen zum Anlass für Spott genommen werden.

Eine Dame in Tracht mit Larve. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Luzerner Fasnacht richtet ihren Spott vornehmlich auf regionale Themen aus. Imago

Und immer wieder ist aus den Reihen der Fasnächtler zu vernehmen, dass die Sujets ja längst – nämlich immer Sommer schon – bestimmt worden sind; auf das noch relativ junge Thema des islamistischen Terrors könnten demnach allenfalls die Schnitzelbänkler, bestenfalls die Wägen, aber kaum die langfristig planenden Cliquen und Guggen reagieren.

Thema hochgeschaukelt?

Die Stellungnahmen der Fasnächtler legen nahe, dass eine Spannung zwischen Fasnacht und Terror hochgeschaukelt worden ist. Nichts desto trotz sind die Bedenken in Basel – die sich in der zitierten Empfehlung artikulieren – nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Anlass für die Anregung des Comités war nämlich der Kölner Karneval, wie eingefleischte Fasnächtler vermuten. In Köln ist ein Rosenmontags-Wagen noch während seines Aufbaus verboten worden; auf «Charlie Hebdo» anspielend, ist er dem verantwortlichen Festkomitee offenkundig als ein allzu grosses Risiko erschienen.

Dementsprechend zeigt ein närrischer Kollege aus der Zentralschweiz Verständnis für die Empfehlung des Basler Comités. Rolf Gisler, Mitglied der Altdorfer Schnitzelbankgruppe «Sagenhaft», lässt verlauten, dass er zwar «persönlich gegen solche Empfehlungen» sei. Doch in Basel müsse man auch «an die Sicherheit der Tausenden von Zuschauerinnen und Zuschauer denken.»

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Ein einziger Vers

Ungeachtet dessen wird sich aus den Reihen der Schweizer Fasnächtler ausgerechnet ein Basler Schnitzelbänkler trauen, das weltweit bewegende Thema aufzugreifen. Laut Heinz Studer, der als Obmaa der Vereinigten Schnitzelbank-Gesellschaft Basel alle Bangg-Formationen angehört hat, handle es sich dabei aber gerademal um einen einzigen Vers. Die Pointe sei dabei für niemanden verletzend und der Helge – das Bild – ganz neutral gehalten.