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Schweiz Kampagnen-Handwerk: Die alten Methoden der jungen Aktivisten

Wie bringt man Junge dazu, politisch aktiv zu sein – oder schon nur zur Urne zu gehen? Das lernen junge Aktivistinnen und Politiker diese Woche in einem «Campaign-Bootcamp».

Junge Leute bei einer Besprechung im Campaign Bootcamp
Legende: Campaign Bootcamp in Wila: Wie bringt man Leute für eine Sache auf die Strasse? SRF

Mit einem anschwellenden, langgezogenen «Hey» verabschiedet eine Gruppe junger Leute ihren Dozenten. Eben hat er seine Lektion abgeschlossen, nun gibt es eine fünfminütige Pause im «Campaign Bootcamp» im zürcherischen Wila. Die Jungsozialistin Leona Klopfenstein (24) kann die Pause gut gebrauchen, sie ist etwas müde.

Das Kampagnen-Lager schlaucht sie, 10 bis 12 Stunden Programm täglich, die ganze Woche. Dafür hat sie schon viel gelernt. Was tun, wenn eine Initiative nicht genügend Unterschriften erreicht? Wie bringt man Leute für eine Sache auf die Strasse? Oder wie spricht man mit einem Journalisten?

Junge Menschen im Campaign-Bootcamp in Wila
Legende: Campaign-Bootcamp in Wila: 10 bis 12 Stunden täglich, die ganze Woche SRF

Politisiert durch den Beruf

Leona Klopfenstein wurde politisiert durch ein Erlebnis in ihrem Beruf als Kinderbetreuerin. Eine Mutter erklärte ihr, dass sie ihr Kind aus dem Hort nehmen müsse, weil es sich für sie schlicht nicht lohne, arbeiten zu gehen. Da wurde Leona klar: «Irgend etwas stimmt nicht». Sie stieg bei den Jusos ein.

Ihre Kolleginnen und Kollegen im Camp haben eine ähnliche Biografie. Wie auch die Leiter, die die Lektionen und Übungen veranstalten. Wie auch jetzt, nach dem Nachtessen, auf dem Dachstock des Lagerhauses.

Zwei Drittel des Zielpublikums nicht interessiert

Eine Kampagne mit Website und Unterschriftensammlung muss geplant werden. Es geht um Antibiotika im Tierfleisch. Mitten in der Gruppenarbeit geht ein Anruf ein; eine Journalistin will innert 20 Minuten ein Statement zu einem tragischen Todesfall im Zusammenhang mit dem Thema. Jetzt muss die Gruppe entscheiden: Soll sie einen Todesfall nutzen, um der eigenen Kampagne mehr Schub zu verleihen? Die Mehrheit ist dafür.

Ziel der Ausbildung ist es, junge Menschen für die Politik zu interessieren, damit sie abstimmen und wählen gehen und vielleicht sogar selbst politisch aktiv werden. Doch das ist schwierig. Über zwei Drittel der jungen Schweizerinnen und Schweizer wollen im Herbst nicht einmal wählen gehen, wie eine Studie zeigt.

Telefonieren und Strassenarbeit funktionieren am besten

Wie mobilisiert man diese politisch Abstinenten? Die Antworten überraschen. Soziale Medien wie Facebook oder Twitter bringen’s nicht, meint etwa Till Aders (27), Copräsident der Alternativen Liste in Schaffhausen. Besser sei es, die Leute auf der Strasse direkt anzusprechen.

Auch das gute alte Telefon wird zum Einsatz kommen, wenn es im Herbst darum gehen wird, die Leute für die Wahlen zu mobilisieren, ergänzt Juso Leona Klopfenstein. Sie sind erstaunlich altmodisch, die Kampagnen-Methoden der Jungpolitiker.

Die Campaign-Bootcamps

Die Campaign-Bootcamps wurden 2013 in Grossbritannien erfunden. Die
Bootcamps wenden sich an junge politisch Engagierte in den Bereichen
Umwelt- und Naturschutz, Asyl- und Migration, Menschenrechte, Friedens-
und Entwicklungspolitik sowie im kirchlichen, gewerkschaftlichen oder
parteinahen Umfeld. In der Schweiz werden die Camps unterstützt unter
anderen von Helvetas, Unia, Caritas, Greenpeace und der
Mercator-Stiftung.

(Sendebezug: Rendez-vous, 8. Mai 2015)

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2 Kommentare

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  • Kommentar von J. Wolf, Ehrendingen
    Interessante Aussage: Leona Klopfenstein wurde politisiert, weil eine Mutter sich um ihr Kind selber kümmert, weil sich eine Arbeit für sich nicht lohnt. Da sollte etwas nicht stimmen. Für mich stimmt etwas nicht, wenn Mütter arbeiten, fast den ganzen Lohn für die Betreuung der Kinder ausgeben und über Erschöpfung klagen. Warum hört man in der Presse nicht auch die Stimmen der Politiker, die sich für Familienfrauen aussprechen?
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    1. Antwort von A. Moser, Interlaken
      Weil das heute nicht mehr "in" ist und insb. von linker Seite sehr verpönt... Was ich aber nicht begreife ist, weshalb sich weder Medien noch Politiker mehr für die gemeinsame Betreuung einsetzen! z.B. je 60% - dann bräuchte es nur einen Tag Kinderkrippe, oder 60/40... Modelle gäbe es viele, die sich auch bewähren - aber irgendwie kein Wille dazu! Liegt das evt. daran, dass die Kinderbetreuung heute mehrheitlich in Hand der Sozialindustrie liegt und die sich daran eine goldene Nase verdienen?
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